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Dopingfall Ullrich : Durchsichtige Verteidigungsstrategie

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Jan Ullrich: Ausgezählt oder nur angeschlagen?
          4 Min.

          Steht Jan Ullrich am Scheideweg seiner Karriere? Oder nutzen das Team Telekom und das Ullrich-Management geschickt das labile Image des Radsport-Profis, um vom Doping-Sünder Ullrich abzulenken.

          Einiges spricht für diese Verteidigungslinie. Zwar hatten schon Ullrichs Alkohol-Eskapaden in der Freiburger Bahnhofsdiskothek Telekom-Teamchef Walter Godefroot einiges Magengrimmen bereitet und so hatte der 60 Jahre alte Belgier den 28 Jahre alten Wahl-Schwarzwälder zu einem ernsten Gespräch geladen. „Ich habe ihm klare Signale gegeben, worum es geht, und ich hoffe, er hat sie verstanden. Jetzt ist es an ihm, sich zu entscheiden.“

          Ein Lebenswerk in Gefahr

          Doch Ullrich wollte Godefroot offenbar nicht verstehen oder hat die falschen Konsequenzen gezogen. Der Nachweis von Amphetaminen im Körper ist nach zahlreichen haltlosen Verdächtigungen in den vergangenen Jahren der erste handfeste Dopingbeweis gegen Ullrich und gegen einen aktiven Fahrer des Teams Telekom.

          Dass Ullrich dabei nicht nur Verantwortung für sich selbst trägt, sondern für das gesamte Team, Godefroots Lebenswerk, sowie das Ansehen und die Zukunft des Radsports in Deutschland, hatte der Belgier Ullrich wohl nicht wirkungsvoll vermitteln können.

          „Das macht keinen Sinn“

          Warum Ullrich nach einer Knieoperation in einer für ihn wettkampffreien Zeit ausgerechnet Amphetamine eingenommen hat, erzeugte bei seinem Arbeitgeber angeblich Stirnrunzeln. Telekom-Pressesprecher Olaf Ludwig: „Das macht überhaupt keinen Sinn.“

          Amphetamine putschen kurzfristig auf und werden deshalb als Dopingmittel unmittelbar vor einem Rennen eingesetzt. Unter Radsportlern waren sie die Modedroge der Siebziger Jahre: „Wer sich damals bei einem Rennen was vorgenommen hatte, nahm Amphetamine“, erinnerte sich Didi Thurau an seine große Zeit.

          Appetitzügelnde Amphetamine

          Seither stehen Amphetamine ganz oben auf jeder Dopingliste und sind mit modernen Methoden ausgesprochen leicht nachzuweisen. Sollte er die Mittel aus sportlichen Gründen genommen haben, muss sich Ullrich in seiner Kurklinik demnach vor Kontrollen sehr sicher gefühlt haben. Der einzige plausible leistungsrelevante Wert der Eigentherapie zum Wiedereinstieg ins Training ist, dass Amphetamine sowohl Appetit zügelnde, als auch stimmungsaufhellende Wirkung besitzen. Beides Wirkungen, die Jan Ullrich bei seinem Hang zu depressiven Fressschüben in trainingsfreien Zeiten nicht unangenehm sein dürften.

          Eine andere Theorie wurde von Ullrichs Freiburger Hausarzt Dr. Birnesser kolportiert. Ullrich, so der gute Doktor, sei in seiner Klinik die Decke auf den Kopf gefallen und da sei ihm die schlechte Gesellschaft, in der er sich derzeit offenbar bewege, gerade recht gekommen. Die finstren Verführer hätten Ullrich vom Tegernsee in eine Münchner Disko geschleppt und dort sei er „unbewusst“ (sic) mit amphetaminhaltigen Partydrogen in Verbindung gekommen.

          „Ullrich verkehrt mit falschen Leuten“

          Eine Theorie an der der zweite Mann nach Godefroot bei Telekom, Rudy Pevenage, anscheinend Gefallen findet: „Ullrich verkehrt in letzter Zeit mit den falschen Leuten“, findet Pevenage, der lange als Ullrichs Förderer und Mentor galt. Da passen auch die Alkohol-Eskapden ins Bild und die Beweisführung.

          So öffnete auch Telekom-Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater bereits eine strategische Hintertür für Ullrich: „Wir müssen Jan aus dem Drecksloch herausholen. Wir werden ihn nicht fallen lassen wie eine heiße Kartoffel“, sagte er in Bonn. „Er wollte am Dolce Vita teilhaben, und das passt schlecht zum Leistungssport.“

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