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Doping : Trotz Dopingverfahren: Kappes fährt in Bremen

  • -Aktualisiert am

Riesengeschäft: Das Bremer Sechstagerennen Bild: dpa

Das Sechstagerennen in Bremen ohne Andreas Kappes, das wäre so, als ob neben dem Rathaus die Stadtmusikanten fehlen. Dumm nur, dass der Protagonist des Spektakels unter Dopingverdacht steht. Trotz positiver A- und B-Probe darf Kappes dennoch starten.

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          Bremer Sechstagrennen: Das heisst seit 37 Jahren Jubel, Trubel, Heiterkeit. Es sind die größten, lautesten und auch sportlich wertvollsten Sixdays, bei denen am Donnerstag Radsport-Legende Eddy Merckx den Startschuss abgibt.

          Über 120.000 Zuschauer erfreuen sich seit Jahren an einer Veranstaltung, die Sport und Show optimal kombiniert. Im sportlichen Teil spielt Andreas Kappes eine nicht unerhebliche Rolle. Sechs Mal hat er in den vergangenen zwölf Jahren gewonnen. Ihn braucht der Veranstalter - allein des guten Geschäfts wegen.

          Kappes ist die Schlüsselfigur

          „Und jetzt feuern sie ihn an“, dröhnt seit 15 Jahren der Hallensprechers, „unseren Andiiii Kappes.“ Jahr für Jahr bricht dann ein Begeisterungssturm los, der stets braungebrannte „Sunnyboy“ tritt in seiner Heimatstadt noch kräftiger in die Pedalen, die massigen Oberschenkel glänzen noch ein bisschen mehr und das trinkfreudige Publikum steht auf den Stühlen. Same procedure as every year. „Natürlich ist Andreas Kappes eine Schlüsselfigur der Veranstaltung“, sagt Patrick Sercu, der sportliche Leiter.

          Da war es etwas unpassend, dass Kappes auszufallen drohte. Denn erneut wurden die Doping-Kontrolleure auf Kappes aufmerksam. Verdächtigungen gab es viele in der Vergangenheit. Dennoch ist der Mann immer wieder zurückgekommen. Die aktuelle Sachlage ist diffus, wie so oft bei Dopingfällen der jüngsten Vergangenheit. Fakt ist: Kappes wurde im Oktober vergangenen Jahres des Dopings überführt. Vorwurf: zu hohe Nandrolon-Werte. Da Kappes bereits 1997 als deutscher Meister im Punktefahren überführt und für sechs Monate gesperrt wurden, drohte ihm nun eine Suspendierung von zwei Jahren.

          Einspruch gegen Freispruch

          „Mir kann man kein systematisches Doping vorwerfen: Ich nehme Nahrungsergänzungsmittel, weil ich nicht jeden Tag fünf Steaks essen kann“, sagte Kappes und hatte mit seiner Unschuldsbeteuerung sogar Erfolg. Als Probanden, die von Kappes verwendeten Präparate schluckten, ergaben sich ähnliche hohe Nandrolon-Anteile im Urin. Daraufhin sprach ihn das Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) frei. Das wiederum nahm sein Präsidium nicht hin und legte Einspruch ein. BDR-Sprecher Rolf Bläser begründete damals das ungewöhnliche Vorgehen: „Wenn wir dieses Urteil so stehen lassen, könnten wir in Zukunft ganz auf Dopingkontrollen verzichten.“ Und Präsident Manfred Böhmer ging sogar noch weiter: Er hätte getestet, wo das besagte Nahrungsergänzungsmittel erhältlich sei. Mit dem Ergebnis, dass es in deutschen Apotheken, Drogerien oder Reformhäusern unbekannt sei. Sein Vorwurf: Kappes hätte sich das Mittel, das auch Bodybuilder benutzen würden, aus dem Ausland übers Internet besorgt.

          Als Reaktion kündigte Kappes eine Klage gegen den Hersteller der angeblich verunreinigten Mittel an. Bis heute jedenfalls ist der Fall nicht endgültig geklärt, das Doping-Verfahren nicht abgeschlossen. Das Bundessportgericht des Verbandes müsste entscheiden, „so lange das Gremium nicht entschieden hat, ist Kappes startberechtigt“, betont der BDR.

          Thema Doping wird totgeschwiegen

          Diese Vorlage nahmen die Sixdays-Veranstalter gerne auf. Unmittelbar nach dem vermeintlichen Freispruch trudelten die Angebote ein. Besonders Bremen bemühte sich. Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Kappes Zusage in der Heimat war Formsache. Als er aber nun bei der Pressekonferenz für das bevorstehende Bahn-Spektakel Erklärungen zur Person abgeben musste, war ihm sichtlich unwohl. „Ich kann das nicht so schnell abhaken.“

          Vor der offiziellen Eröffnung verkündete Organisator Frank Minder vollmundig, dass „jeder Fahrer, der positiv getestet wird, sofort rausfliegt.“ Was der unnachgiebige Macher der Sixdays nicht sagte: Sanktionen in Richtung Rauswurf sollen den Fahrer in der Vergangenheit auch dann schon angedroht worden sein, wenn sie auch nur ein Wort über das Thema Doping verlieren würden. Gerede um Epo und anderes Zeug hätte Sercu und Minder die gute Laune verdorben.

          „Nicht auszudenken, wenn das Telekom passiert wäre“

          Rolf Aldag, der Telekom-Fahrer, der mit Kappes letztjährigem Partner Silvio Martinello nun ein Favoritenpaar bildet, legt schützend die Hand über seinen Kollegen. „Es ist ganz fürchterlich, was da mit Andy passiert ist. Nicht auszudenken, wenn das bei Telekom vorgefallen wäre.“ Kappes will wie immer, lieber nach vorne schauen, auch wenn ihn mit seinem Teamgefährten Andreas Beikirch von den Agro-Adlern Brandenburg nur geringe Siegchancen eingeräumt werden. Zuletzt konnte er ein halbes Jahr lang nur zum Training in die Pedale steigen. „Ich bin schon ziemlich nervös“, sagt er.

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