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Doping : Regina Jacobs läuft als Dritte ins Fahndungsnetz

  • -Aktualisiert am

Vertreiber von Steroiden: Der umstrittene Labor-Chef Victor Conte Bild: AP

Tetrahydrogestrinon, kurz THG, und kein Ende: Auch die Amerikanerin Regina Jacobs wurde positiv getestet. Es gibt prominente Doping-Verdächtige und immer mehr Forderungen nach harten Strafen.

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          "Und wenn wir 40 oder 50 Topathleten sperren müssen", sagt Professor Helmut Digel, "dann müssen wir sie eben sperren." Der deutsche Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) ist zwar noch weit davon entfernt, den massenhaften Sündenfall mittels Tetrahydrogestrinone (THG) als juristisch erwiesen anzusehen. Aber mit der Schreckensvision Olympischer Spiele 2004 in Athen, entvölkert von den bislang Besten in ihren Sportarten, kann man dem Sportwissenschaftler aus Tübingen gar nicht zu nahe treten. "Gedopte Athleten müssen gesperrt werden, und wenn das den Wert der Spiele mindert, dann ist Olympia eben nicht mehr wert." Es könne ja wohl nicht angehen, "daß wir Sportler verehren, die andere betrügen".

          Ist Kostas Kenteris der nächste?

          Alle reden auf einmal von der neuen Betrugswelle namens THG, aber die Namen der Sünder tröpfeln bislang nur spärlich: Der amerikanische Kugelstoß-Meister Kevin Toth war der erste, ehe der britische 100-Meter-Europameister Dwain Chambers die These der amerikanischen Nationalen Anti-Doping-Agentur (Usada) bestätigte, daß die Kunden des diskreditierten kalifornischen Herstellers von Nahrungsergänzungsmitteln, Balco in Kalifornien, in aller Welt säßen - und nun um ihre Enttarnung fürchten müßten. Über Nacht ist der dritte Name schwarz auf weiß gedruckt worden: Regina Jacobs, fünfzehnmalige amerikanische Mittelstreckenmeisterin und, inzwischen schon 40, mit den Jahren immer besser geworden. Warum wohl, fragen sich diejenigen, die den griechischen Olympiasieger, Weltmeister von 2001 und Europameister von 2002 über 200 Meter als nächsten auf der Verdächtigenliste haben: Kostas Kenteris, stets ungemein schnell auf der Flucht vor Kontrolleuren.

          Regina Jacobs
          Regina Jacobs : Bild: dpa/dpaweb

          Die Fahnder in den vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) akkreditierten Labors arbeiten im Akkord. Aber die Hoffnung, daß ihre Massenspektrometer schon in den nächsten Tagen einen prominenten THG-Sünder nach dem anderen ausspucken, dämmt Professor Wilhelm Schänzer deutlich ein: "Wir können an Urinproben natürlich nur das untersuchen, was wir an A- und B-Proben noch auf Lager haben."

          Im Kölner Labor betrage der Lagerbestand etwa 2000 Proben; nicht alle seien in A- und B-Version vorhanden. Aufbewahrt würden die Proben nur mindestens vier Wochen, "aber das hängt von den unterschiedlichen Verträgen mit den Sportverbänden ab". Eine gezielte Nachuntersuchung etwa aller Proben von den deutschen Meisterschaften der Leichtathleten oder Schwimmer im Sommer sei ihm demnach nicht möglich. Bei seinen positiven Funden würde es sich also um Zufallstreffer handeln. Anders liegen die Fälle in Paris und Barcelona, wo die Weltmeisterschaften der beiden olympischen Kernsportarten stattgefunden haben. Nachdem die IAAF die in der französischen Hauptstadt eingelagerten WM-Proben zur systematischen Fahndung nach THG freigegeben hat, entschloß sich auch der Internationale Schwimmverband zur retrospektiven Analyse seiner Titelkämpfe in der spanischen Hafenstadt.

          Lebenslange Sperre, 100.000 Dollar Strafe

          Über die wissenschaftliche Neugier hinaus wollen die Biochemiker den Sportverbänden auch eine Handhabe liefern, die Doper zu bestrafen. Dazu benötigen sie eine positive A- und B-Probe, sowie in diesem ersten Sonderfall eine im Regelwerk verankerte Möglichkeit der nachträglichen Untersuchung bereits ausgewerteter Urinproben. "In unseren Statuten ist das enthalten", weiß Digel, der die lasche Handhabung des Dopingthemas in den Vereinigten Staaten stets kritisiert hat und jetzt die neuen Bemühungen gegen die Manipulationen würdigt. So hat Craig Masback, der Exekutivdirektor des Amerikanischen Leichtathletik-Verbandes (USATF) eine Regel-Initiative angekündigt, schwere Dopingvergehen schon im ersten Fall mit einer lebenslänglichen Sperre zu bestrafen und darüberhinaus Geldbußen bis zu 100.000 Dollar einzuführen.

          Die Sünder müssen unzweifelhaft überführt werden - gerade in den Vereinigten Staaten, in denen die Bürger horrende Schadensersatz-Summen einklagen können, falls die Beweiskette gegen sie nicht lückenlos ist. Und mit Geständnissen von Dopern ist nach allen Erfahrungen nicht zu rechnen. So hat Dwain Chambers seinen Anwalt Graham Shear beauftragt, die Unschuldsbehauptung zu verbreiten: "Mein Klient möchte klarstellen, daß er keinerlei Anschuldigungen oder Behauptungen akzeptieren oder tolerieren wird, daß dies ein willentlicher oder kalkulierter Versuch war, die Verantwortlichen zu betrügen." Während seiner acht Jahre in der internationalen Leichtathletik sei er "nie der Versuchung verfallen, illegale Methoden zur Leistungssteigerung anzuwenden". Solche Texte sind ebenso bekannt, wie die Einlassung seines Trainers Remy Korchemny zu erwarten war: daß die Athleten, die er trainiere und zu denen außer Chambers auch die wegen Mißbrauchs des Aufputschmittels Modafinil unter dringendem Dopingverdacht stehende Sprint-Weltmeisterin Kelli White gehört, "ihre eigenen Arrangements" mit dem Balco-Chef Victor Conte hatten. Fast überflüssig zu sagen, das Chambers' Anwalt versichert, Korchemny habe "alle Arrangements" für die Beschaffung von Nahrungsergänzungsmitteln getroffen.

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