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Doping-Skandal in London : Ausgerechnet die Anti-Doping-Streber

Bild: dpa

Schock und Sorge: Jetzt haben auch die Briten ihren Doping-Skandal. Sogar Spieler der Premier League werden bezichtigt. Eine Überraschung ist das nicht.

          3 Min.

          Das Gelächter in Russland kann man sich lebhaft vorstellen: Ausgerechnet die Anti-Doping-Streber in Großbritannien! Die angeblichen Saubermänner, die bei den Heim-Sommerspielen 2012 in London die Russen trotzdem auf den vierten Platz der Nationenwertung verdrängt haben. Ausgerechnet das Land, dessen Nationale Anti-Doping-Agentur (Ukad) den Russen als Schulmeister ins Land geschickt wurde, weil den dortigen Institution nicht zu trauen ist. Ausgerechnet die Ukad, die im Vorfeld der Olympischen Spiele die anderen Länder mit der Nase auf Lücken in ihren Test-Programmen stoßen soll und überhaupt mit der Oberaufsicht über die vorolympischen Anti-Doping-Bemühungen beauftragt wurde.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Ja, so ist es: Großbritannien hat jetzt seinen eigenen Doping-Skandal, der ganz ähnlich ans Licht kam wie der russische: Durch einen Whistleblower und mit Hilfe von Undercover-Journalisten. Namen werden zwar aus juristischen Gründen nicht genannt, aber die Aussagen des decouvrierten Mediziners Mark Bonar klingen schlüssig. Schlimmer aber noch: Der Agentur Ukad werden Versäumnisse angelastet, die nur schwer zu entkräften sein werden. Zwei Jahre lang wusste man dort von den Aktivitäten des Arztes, unternahm aber nichts, außer, von dem Informanten noch mehr Beweise einzufordern. Der britische Minister für Kultur, Medien und Sport, John Whittingdale, hat eine Untersuchung angekündigt. Der Welt-Leistungssport, ohnehin unter schwerem Verdacht, von Doping unterhöhlt und zerfressen zu sein, wird nach den Erdbeben in Russland, Kenia und China von einer weiteren dramatischen Enthüllung erschüttert. Vier Monate vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ist jetzt auch der Westen dran.

          Anabole Steroide
          Anabole Steroide : Bild: dpa

          Wie Recherchen der britischen Sunday Times mit Unterstützung des ARD-Senders WDR ergaben, behauptete Bonar im Rahmen mehrerer Treffen von sich, in den vergangenen sechs Jahren mehr als 150 Top-Sportler aus Großbritannien und dem Ausland gedopt zu haben. Und er traf den britischen Sportfan mitten ins Herz: Darunter seien auch Fußballprofis aus der Premier League. Er benannte sogar die Fußball-Klubs, aus denen sie angeblich stammen: Arsenal, FC Chelsea und Tabellenführer Leicester City. Alle drei Vereine haben sich erwartungsgemäß gegen die Vorwürfe verwahrt. Allerdings ist der Profifußball ohnehin hoch verdächtig. Anfang des Jahres, als ihre Organisation noch unangreifbar schien, hatte Nicole Sapstead, Generalsekretärin der Ukad, in einem Interview mit der BBC auf das Doping-Risiko hingewiesen: „Wenn man sich einen Sport wie Fußball ansieht, der Gehältern erzielt, wie die Spieler sie bekommen, seine Fan-Basis, seine Ticketverkäufe, seine Fernsehrechte – wenn das kein Risiko ist, dann weiß ich nicht, was eines ist, abgesehen einmal von den physischen Anforderungen des Sports selbst.“

          Bonar gab außerdem an, dass ein bekannter englischer Cricket-Spieler, britische Tour-de-France-Fahrer, ein britischer Box-Champion, Tennis-Spieler und Kampfsportler zu seinem Kundenkreis gehörten. Er habe sie mit Steroiden, Epo und Wachstumshormon behandelt und die Leistungssteigerungen seien „phänomenal“. Auch zwei Berufstänzer aus der Fernsehsendung „Strictly Come Dancing“, dem Vorbild der deutschen Show „Let‘s dance“, habe er gedopt.

          Ausgangspunkt der Enthüllungen ist ein Informant, der vorher Kunde bei Bonar war. Gegen den 38 Jahre alten Mediziner, zuletzt Anti-Ageing-Spezialist, läuft laut Sunday Times inzwischen wegen anderen Fehlverhaltens, das nichts mit Doping zu tun hat, ein Verfahren. Zur Zeit besitzt er keine Zulassung. Vor drei Jahren, als der spätere Whistleblower ihn aufsuchte, fühlte sich Bonar offenbar sicher und erzählte ihm offenherzig über seine Doping-Aktivitäten im Spitzensport. Anschließend verschrieb er dem Athleten verbotene leistungssteigernde Mittel, speziell Testosteron, Wachstumshormon und Erythropoietin.

          Weil der Athlet Anfang 2014 aufgrund seiner verdächtigen Leistungssprünge verstärkt getestet, erwischt und für zwei Jahre gesperrt worden war, versuchte er, als Kronzeuge seine Strafe abzumildern. Allerdings vergeblich. Die Ukad nahm seine Aussagen nicht zum Anlass, aktiv zu werden. In einer E-Mail an den Anwalt des Informanten ließ die Ukad im Oktober 2014 wissen, er solle ein schriftliches Statement einreichen, ergänzt mit Unterlagen, etwa Rezepten. Der Informant tat dies – aber es reichte immer noch nicht. Nachem die Ukad den Fall Anfang 2015 zu den Akten gelegt hatte, wandte er sich an die Sunday Times. Mit Unterstützung des WDR schickte die Zeitung undercover einen Sportler und später noch einen angeblichen Berater zu dem Arzt, die Begegnungen mit ihren brisanten Aussagen wurden gefilmt. In einer Aufnahme, die von der Zeitung ins Netz gestellt wurde, sieht man unter anderem, wie er in einem Londoner Restaurant eine Suppe löffelt und dabei über professionelles Doping schwadroniert.

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          Nicole Sapstead muss die Abwehrhaltung der Ukad jetzt verteidigen. Sie sagte, man sei sich über die Vorwürfe im Klaren, aber nicht zuständig gewesen. „Unter der aktuellen Gesetzgebung hat Ukad nur die Macht, gegen Athleten und ihr Umfeld (einschließlich Medizinern) zu ermitteln, wenn sie einer Sportorganisation angehören“, ließ sie wissen. Man habe erwogen, den „General Medical Council“, die britische Ärztekammer, zu informieren, sei nach Prüfung durch einen Sachverständigen zu dem Schluss gekommen, dass die vorliegenden Beweise nicht ausreichten. Die Rezepte, die der Informant vorgelegt habe, seien handschriftlich gewesen.

          Dem Sportminister reicht dies offenbar nicht als Erklärung. „Ich bin schockiert und zutiefst besorgt“, ließ Whittingdale in einer Mitteilung verbreiten. „Es ist kein Raum für Selbstgefälligkeit im Kampf gegen Doping, und die Regierung prüft bereits, ob die existierende Gesetzgebung auf diesem Gebiet weit genug geht. Wenn sich zeigt, dass schärfere strafrechtliche Sanktionen gebraucht werden, werden wir nicht zögern, zu handeln.“ Zweifel an den Behauptungen des nicht gerade vertrauenerweckenden Arztes äußerte hingegen niemand. Offen ist lediglich die Frage, wieso der Informant der Sunday Times trotz offensichtlicher Fachberatung den Fahndern in die Falle ging.

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