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Doping : Lebenslänglich!

  • -Aktualisiert am

Wenn der neueste Dopingsumpf trockengelegt worden ist, dürfen beteiligte Athleten, Trainer, Ärzte und Funktionäre nicht mit den Regelstrafen davonkommen.

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          Was wäre, wenn der Sport wirklich "sauber" wäre, Athleten normal aussähen und nicht wie aufgeblasene Muskelmännchen, niemals Fabelweltrekorde aufstellten und keinerlei Wunderkinder oder übernatürlich wirkende Wesen Schwimmbecken und Stadien bevölkerten? Wäre ein dopingfreier Sport mit Menschen wie du und ich uninteressant?

          Bis das ganze Ausmaß des sportlichen, medizinischen und auch wirtschaftlichen Betrugs mit der erst seit kurzem nachweisbaren Droge Tetrahydrogestrinon (THG) aufgedeckt ist, könnte die sportinteressierte Öffentlichkeit - von den Verbänden über Sponsoren bis hin zu Medien und Publikum - zur Abwechslung ja mal über die eigene Erwartungshaltung und mögliche Folgen nachdenken.

          Bedeutsamer als die Tatsache, daß mit dem Namen Dwain Chambers, britischer Leichtathlet und Europameister über 100 Meter, schon wieder etwas mehr Licht in die Affäre um THG gekommen ist, dürfte eine andere Nachricht sein: Alle 31 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) akkreditierten Dopinglaboratorien erhalten den in Los Angeles entwickelten Code, um in Urinproben auch THG nachweisen zu können. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat dazu den Auftrag erteilt. Dies bedeutet nichts anderes, als daß die Untersuchungen, die in Kalifornien ihren Anfang nahmen, weltweit ausgedehnt werden und dabei selbstverständlich über die Grenzen der bislang anscheinend exklusiv betroffenen Leichtathletik hinausgehen. Tausende vorhandener Proben können noch einmal und nun auf das veränderte anabole Steroid untersucht werden.

          Was passierte in Saarbrücken?

          Ein logischer und notwendiger Schritt. Wenngleich die Betrugsmentalität in Nordamerika - wo auch Chambers zuletzt trainierte - und in der Leichtathletik besonders ausgeprägt zu sein scheint, sollte man andere Länder und Disziplinen keineswegs außer acht lassen. Die Traumleistungen amerikanischer Teenager bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Barcelona sehen manche plötzlich mit ganz anderen Augen. Und auch eine deutsche Sportinstitution rückt mit einem Mal in ein schiefes Licht. Was ist vor den Leichtathletik-Weltmeisterschaften am Olympiastützpunkt Saarbrücken passiert, wo Chambers neben einigen anderen internationalen Stars, quasi als Gast des deutschen Speerwerfers Boris Henry, trainierte - und wo der verdächtig schnelle Brite am 1. August die verhängnisvolle Urinprobe abgegeben hat? Chambers und die amerikanische Sprint-Weltmeisterin Kelli White, Freundin Henrys und in einem anderen Fall schon unter Dopingverdacht, wurden zwischenzeitlich als halbe Saarbrücker bezeichnet; man freute sich über ihre Erfolge. Wahrscheinlich fühlt man sich nur noch als mißbrauchter Gastgeber.

          Der Skandal ist durch einen anonymen Hinweis ins Rollen gekommen. Welchen Grund der als bekannter amerikanischer Trainer bezeichnete Mann auch gehabt haben mag, moralische Bedenken oder ein weniger hehres Motiv, es ist und bleibt ein entscheidender Schritt zur Aufklärung. Jetzt arbeiten die verschiedensten Fahnder unter Hochdruck, und für den Sport droht Schrecken ohne Ende. Fast alle erwischten Leichtathletikstars der vergangenen Jahre, so stellt sich heraus, sind Kunden des amerikanischen Labors Balco gewesen, aus dem das rein zum Zwecke einer Leistungsmanipulation entwickelte THG stammt: Linford Christie, Merlene Ottey, C. J. Hunter oder auch Kelli White. Im Hintergrund bestehen offenbar vielfältige Verstrickungen, so daß sich mittlerweile eine Forderung aufdrängt: Wenn dieser Sumpf trockengelegt worden ist, dürfen beteiligte Athleten, Trainer, Ärzte und Funktionäre nicht mit den Regelstrafen davonkommen. Es geht um mehr als eine Reihe von Dopingfällen. Bis zur letzten Instanz sollten IOC und Wada dafür kämpfen, Personen lebenslang auszuschließen, die den Sport mit krimineller Energie mißbraucht haben.

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