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Doping : Langlauf-WM: Gedopte Finnen beschuldigen andere Nationen

  • Aktualisiert am

Polizeigut: Beschlagnahmte Dopingmittel und kein Ende Bild: dpa

Der Doping-Skandal bei den finnischen Langläufern schockiert die Nation. Aber statt Reue zu zeigen beschuldigen die Vernatwortlichen des Skandals auch andere Nationen des Dopings.

          Mit der Überschrift „Finnlands Skisport wurde beerdigt“ brachte die Zeitung „Iltalehti“ am Donnerstag in riesigen Lettern die Stimmung in Finnland nach dem größten Dopingskandal in der Geschichte des Langlaufs auf den Punkt.

          Nach der Entlarvung von sechs Läufern, denen die Einnahme des verbotenen Blutplasma-Expanders HES während der nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Lahti nachgewiesen worden war, sind die sportbesessenen Nordeuropäer geschockt. Dies vor allem auch deshalb, weil die mit Abstand beliebtesten Sportler, der stets als „sauber“ geltende Olympiasieger und Weltmeister Mika Myllylä (31) sowie der noch populärere Harri Kirviesniemi (42), mitmischten.

          Trainer, Ärzte und Sportler zeigen wenig Reue

          Ungläubig hörten die Finnen bei einer auf allen TV-Kanälen live übertragenen Pressekonferenz, wie der vorerst noch allein als Sündenbock auftretende Cheftrainer der finnischen Langläufer, Kari-Pekka Kyrö, bewusstes Doping zugab: „Ja, wir haben HES benutzt, um unsere Erfolgsaussichten zu erhöhen.“ Die erwischten Sportler sowie er selbst und zwei Mannschaftsärzte seien dabei „wie Amateure“ vorgegangen, meinte der suspendierte Trainer.

          Keine Reue: Finnlands Teamarzt Juha Turpeinen

          Man habe der Auskunft von Experten geglaubt, dass auf das seit zwei Jahren bekannte und seit einem Jahr verbotene HES, mit dem Blutdoping verschleiert werden kann, bei der WM nicht getestet werde. Kyrö entschuldigte sich zwar, doch war aus seinen Erklärungen stets mehr „Pech gehabt“ als Reue heraus zu hören. Auch Kirvesniemi erklärte ohne Umschweife, er hätte das verbotene Mittel „nie und nimmer“ eingenommen, wenn ihm nicht allseits erklärt worden sei, dass man Tests auf Plasmaexpander ausschließen könne, gab aber nicht zu einen Fehler begangen zu haben.

          Vielmehr versuchen die finnischen Verantwortlichen auch andere Länder in den Skandal mit hineinzuziehen. Cheftrainer Kari-Pekka Kyrö sagte am Freitag in Helsinki der Zeitung „Helsingin Sanomat“: „Ich habe mehr als nur einen starken Verdacht, dass andere den Plasmaexpander Albumin injiziert haben. Sie gehen damit höllische Gesundheitsrisiken für die Sportler ein.“ Kyrö wollte keine Namen nennen und meinte zur Begründung: „Ich war ja nicht dabei, als sie die Spritzen gesetzt haben.“ Auch der Chef der Antidopingkommission im finnischen Sportverband, Timo Seppälän, erklärte, er glaube ebenfalls an den Einsatz von Albumin durch andere Mannschaften. HES werde ohnehin „allgemein in der ganzen Skiwelt angewandt“, meinte Seppälän weiter.

          Eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes“

          Von einem „Drama“ sprach der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland, Walther Tröger. „Wenn es tatsächlich flächendeckendes Doping gab, ist es eine Tragödie ungeahnten Ausmaßes“, sagte Tröger am Donnerstag in Salt Lake City am Rande einer Tagung für die Winterspiele 2002. Auch andere Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sind geschockt.

          „Der Fall hat schlimmere Auswirkungen für den Sport als der von Ben Johnson 1988 in Seoul“, erklärte das schwedische IOC-Mitglied Arne Ljungqvist, „was mich schockiert, ist die Tatsache, dass in Finnland sämtliche Ärzte und Trainer in das Vergehen verwickelt sind. Deshalb ist es einer der schwersten Fälle in der Geschichte.“ Dem Kanadier Ben Johnson wurde nach seinem 100-Meter-Olympiasieg in Seoul 1998 die Goldmedaille und der Weltrekord wieder aberkannt, nachdem ihm die Einnahme des anabolen Steroids Stanozolol nachgewiesen wurde.

          Harte Konsequenzen gefordert

          Aus den Nachbarländern Norwegen und Schweden, die mit den Finnen seit Jahrzehnten um die Vorherrschaft im nordischen Skisport konkurrieren, kamen die schärfsten Kommentare. „Wie früher in der DDR“, hieß es vom schwedischen Mannschaftschef, Jan Palander. Man solle die Finnen wegen ihrer „seit Jahren blühenden Doping-Subkultur“ von allen internationalen Wettbewerben ausschließen, bis sie alle Karten auf den Tisch legen, verlangte der schwedische Ex-Langläufer Anders Blomqvist.

          Harte Konsequenzen verlangte Finnlands Sportministerin Suvi Linden. Sie habe die Nase voll von den Lügereien des Skiverbandes. Die Ministerin will den Rücktritt der kompletten Verbandsspitze durchsetzen, nachdem Verbandschef Paavo M. Petäjä und Generalsekretär Esa Klina weiter im Amt geblieben sind und sich selbst als komplett unwissend erklärt hatten. Die Sportministerin will auch alle Verbandsaktivitäten der letzten Jahre durch Außenstehende auf Anwendung von Doping durchleuchten lassen. In Finnland gelten neue Enthüllungen als ausgemachte Sache.

          Finnische Biathleten sind sauber

          Diese werden aber nicht bei den Biathleten erfolgen, wie Finnlands Nationaltrainer Anatoli Chowantsew versicherte. „Wir haben mit den Nordischen Gott sei Dank überhaupt nichts zu tun. Mit keinem Arzt, mit keinem Trainer. Denn wir sind ein eigener Verband und gehen deshalb auch eigene Wege. Bei meinen Athleten gibt es 100-prozentig kein Doping“, sagte der ehemalige russische Athlet und Trainer, der seit drei Jahren in Finnland arbeitet.

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