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Doping-Kommentar : Die Wahrheit des Lügners

  • -Aktualisiert am

Der Patron und sein Helfer: Armstrong (l., bei der Tour 2004) ist äußerst nachtragend Bild: AP

Floyd Landis will gemeinsam mit Lance Armstrong - und anderen - gedopt haben. Das Geständnis ist keine plumpe Diffamierung, obwohl Landis in seinen Gerichtsverfahren den Rest seiner Glaubwürdigkeit verspielt hatte. Es wird sich zeigen, auf welche Weise Armstrong Rache üben wird.

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          Mag sein, dass der ehemalige Radprofi Floyd Landis verbittert und rachsüchtig geworden ist über dem vergeblichen Versuch, sich mit Hilfe der Unwahrheit von seiner eigenen Unwahrheit reinzuwaschen. Vielleicht will er auch wirklich, wie sein ehemaliger Teamchef Andy Rihs es darstellt, mit seinen umfassenden Selbstbezichtigungen und seinen massiven Beschuldigungen in einem letzten tragischen Versuch noch einmal in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken.

          Aber zwei Dinge muss man dem Amerikaner, der 2006 wegen Dopings den Tour-Sieg wieder verlor, lassen: Erstens hat er ein gutes Gefühl für Timing. Der Giro d’Italia läuft in Europa, in den Vereinigten Staaten ist die Kalifornien-Rundfahrt unterwegs, die Profi-Saison wärmt sich bereits für die Tour de France auf. Und es schien gerade, als könnte sich dieser Sport langsam von seinen niederschmetternden Skandalen erholen.

          Selbst die kurze Führungsrolle des überführten Dopers Alexander Winokurow beim Giro wurde in der Öffentlichkeit nicht mehr groß kritisiert. Es musste schon ein außergewöhnlicher Sprengsatz kommen, um die im Feuer zahlloser Angriffe gestählte Branche wieder zu erschüttern. Ein Angriff auf Armstrong, Supermann und Reizfigur dieses Sports, taugt dazu immer noch am besten.

          Zweitens hat Landis großes Geschick darin bewiesen, eine Zwickmühle aufzubauen. Es stimmt ja, dass er beim zermürbenden Versuch, sich vor Gericht von dem Doping-Vorwurf reinzuwaschen, den Rest seiner Glaubwürdigkeit verloren hat. Er hat naiven Fans Geld abgeluchst für seine Anwalts- und Expertenkosten. Er hat versucht, die Anti-Doping-Institutionen zu diskreditieren, um seine eigenen Betrugsmanöver zu vertuschen. Er hat notorisch die Welt angelogen, und sämtliche Beschuldigten können darauf verweisen.

          Allerdings hat er seine Anschuldigungen gegen seine einstigen Mitstreiter mit einer so detaillierten Schilderung seiner eigenen Doping-Geschichte verknüpft, dass man seine Aktion nicht einfach als plumpe Diffamierung hinstellen kann. Er hat für diesen Angriff gegen den König des Spiels seine letzte Bastion verlassen, er hat alles gegeben. Warum? Etwa aus Verzweiflung darüber, dass die anderen immer noch im Geschäft sind, er selbst aber als Geächteter sein Leben fristen muss? Vielleicht ist es der nachträgliche Versuch, den bisher unangreifbaren Armstrong mit in den Abgrund zu reißen?

          Es steckt viel Wahrheit in den Geschichten dieses Lügners. Zum Beispiel, dass es zwar Abertausende von Doping-Tests gibt im Leistungssport. Dass es aber viele Wege gibt, trotzdem durchzukommen mit illegalen Mitteln. Und dass deshalb niemand davon ausgehen sollte, dass negative Tests auf saubere Sportler schließen lassen. Bis heute nicht. Um so akribischer und routinierter pflegt Armstrong die Angriffe aufmüpfiger Kritiker zu parieren. Es wird sich zeigen, auf welche Weise er Rache an Landis üben wird, denn der Patron ist äußerst nachtragend.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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