https://www.faz.net/aktuell/sport/doping-im-eisschnelllauf-man-sagte-uns-es-seien-vitamine-139976.html

Doping im Eisschnelllauf : "Man sagte uns, es seien Vitamine"

  • Aktualisiert am
Uwe Tonat: offenes Doping-Bekenntnis
          2 Min.

          Der aus dem Ostteil Berlins stammende Eisschnellläufer Uwe Tonat hat ein freimütiges Geständnis zum Doping in DDR-Zeiten abgelegt. „Wir nahmen Doping. Man sagte uns, es seien Vitamine. Ich nahm es, als ich jung war, bis ich wusste, was es war. Aber wir mussten es nehmen, andernfalls hätte man uns rausgeschmissen“, erklärte Tonat in einem Interview mit dem internationalen Eisschnelllauf-Magazin „Speed Skating World“.

          Und er kritisiert, ohne Namen zu nennen, Mannschaftskollegen, die von all dem nichts mehr wissen wollen: „Jetzt sagen einige Athleten, sie hätten nichts genommen. Es ist erschreckend, dass die Leute die Vergangenheit so schnell vergessen.“ Er erinnere sich an eine Schwimmerin, die ein behindertes Kind bekam - das habe ihn nachdenklich gestimmt, sagte Tonat.

          „Was uns auch misstrauisch machte, war, dass sie uns aufforderten: „Sagt nichts euren Eltern“. Aber ich hatte ein offenes Verhältnis zu Hause. Als meine Mutter sah, was ich einzunehmen hatte, erkannte sie es und sagte, dass dies keine Vitamine seien, sondern irgendwas, was man alten Leuten in Krankenhäusern gebe“, erklärte der 32-Jährige, der mit Platz 8 bei den Europameisterschaften 1995 seine bislang beste internationale Platzierung erkämpfte.

          Kritik an Trainer Eichler und am Verband

          Tonat, der schon wenige Jahre nach der Wende aus Berlin zum DEC Frillensee Inzell wechselte, nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Trainingsmethoden von Markus Eicher geht. Das ist jener Trainer, der auch Anni Friesinger in die Weltspitze führte.

          „Das Problem in Inzell ist, dass der Trainer mich nicht als Mensch respektiert. Dass ich daher meinen neuen Weg in Kanada suchte, wurde irgendwie als persönlicher Angriff gesehen. Man sah mich als schlechten Athleten. Lügen wurden erzählt, und ich hatte mich zu verteidigen. Das war aber nicht schwer, weil ich beweisen konnte, dass es Unwahrheiten waren. Aber es verletzte mich und schmerzte“, kritisierte er Eicher.

          Wäre nicht Cheftrainer Helmut Kraus gewesen, das viel versprechende Talent hätte längst seine Schlittschuhe an den Nagel gehängt. „Ich wollte im letzten Frühjahr aufhören, doch Kraus sagte, er glaube an mich. Man braucht so jemanden, der sagt: „Was kann ich für dich tun?“ Und Tonat fügt hinzu: „Einige Leute im Verband haben vergessen, dass die Läufer die Basis sind. Wenn wir laufen, bringen wir Sponsorengeld.“ Tonat bedauert zudem, dass die Deutsche Eisschnelllauf- Gemeinschaft (DESG) zu wenig für die berufliche Ausbildung der Sportler tut.

          Keine gemeinsame Betreuung des Nationalteams

          Auch an der Übernahme der DDR-Trainingsmethoden zweifelt der Mittel- und Langstreckler. „Der Verband übernahm das ostdeutsche Trainingssystem, wonach die besten Läufer nicht gemeinsam in einem Nationalteam betreut werden. Ich hatte so niemals die Gelegenheit, zusammen mit Spitzenleuten wie Alexander Baumgärtel oder Frank Dittrich zu trainieren.“

          Inzwischen fühlt sich Tonat mehr als Kanadier denn als Deutscher. „In Kanada haben die Menschen eine viel offenere Sicht der Dinge, man wird dort als Partner behandelt. Ich mag tatsächlich die deutsche Mentalität nicht. Man glaubt, man sei besser.“ Und: „Das größte Kompliment, was mir in Kanada gemacht wurde, war, als man sagte: „Oh, du bist Deutscher? Du kommst mir allerdings nicht vor wie ein Deutscher“, sagte Tonat, der jetzt nach der Trennung von der früheren Eisschnellläuferin Anja Mischke mit seiner kanadischen Freundin Isabelle Doucet in Quebec lebt und hier eine Ausbildung anstrebt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Marlene Dietrichs Tochter : Two Of A Kind

          Maria Riva, die einzige Tochter von Marlene Dietrich, wuchs im Schatten der Diva auf. Heute, mit 97 Jahren, hat sie für vieles im Leben ihrer Mutter Verständnis. Aber nicht für alles.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.