https://www.faz.net/-gtl-qv0d

Doping : Contes Geständnis ist kein Sieg

  • -Aktualisiert am

Conte nach dem Deal vor dem Gericht in San Francisco Bild: REUTERS

Im größten amerikanischen Dopingskandal haben Victor Conte und weitere Beschuldigte Teilgeständnisse abgelegt. Doch die Aufklärung wird damit erschwert, denn die Vernehmungsprotokolle von rund 100 prominenten Sportlern bleiben unter Verschluß.

          3 Min.

          Die Teilgeständnisse von Victor Conte und zwei seiner Geschäftspartner ziehen nicht nur einen Schlußstrich unter den juristischen Teil der größten Dopingaffäre in der amerikanischen Sportgeschichte. Sie sorgen mit ziemlicher Sicherheit dafür, daß die Protokolle der staatsanwaltschaftlichen Vernehmungen von rund hundert prominenten Sportlern weiter unter Verschluß bleiben.

          Auf diese Konsequenz des Urteils machte der amerikanische Doping-Fachmann Dr. Gary Wadler aufmerksam. Conte, Chef des Balco-Labors, hatte kurz zuvor vor dem zuständigen Gericht in San Francisco zwei von 42 Anklagepunkten (Handel mit Dopingsubstanzen sowie Verstoß gegen das Geldwäschegesetz) zugegeben und eine Strafe von vier Monaten Gefängnis sowie vier Monaten Hausarrest akzeptiert.

          „Rückzieher in großem Stil“

          Gedroht hatten dem Beschuldigten bis zu 25 Jahre Haft. Doch die Richterin hat noch die Möglichkeit, am 18. Oktober auch ein härteres Strafmaß zu verkünden. „Traurigerweise bleiben uns nichts als Spekulationen und Andeutungen, was die Legitimität von so vielen Superstars betrifft“, sagte Wadler, ein New Yorker Medizinprofessor, der seit der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zu den stärksten Verfechtern strengerer Kontrollen und Strafen gehört.

          Die Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft, auf der das Urteil beruht, sichert Conte zu, daß er nicht gezwungen werden kann, die Strafverfolgungsbehörden im Rahmen eventueller weiterer Ermittlungen als Zeuge zu unterstützen. Eine Entscheidung, auf die Wada-Chef Richard Pound mit großer Enttäuschung reagierte: „Wenn wir keine Gelegenheit erhalten, mit seiner Hilfe andere Vorwürfe zu untersuchen, ist das ein Rückzieher in großem Stil“, sagte der Kanadier.

          Aussage gegen Aussage

          Das Problem für die Sportgerichtsbarkeit: Nur wenige der in den Skandal verwickelten Athleten waren bei regulären Dopingtests aufgefallen. Ein umfassendes Geständnis über ihre Beziehungen zu Balco hat bislang nur die Sprinterin Kelli White abgelegt, die für zwei Jahre gesperrt wurde und inzwischen andere Leichtathleten belastet hat. Kopien von im kalifornischen Balco-Büro beschlagnahmten Briefen, E-Mails, Schecks und Kalendarien hatte die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) nur über einen ungewöhnlichen Umweg erhalten: durch den Kongreß in Washington, der sich mit eigenen Hearings in die öffentliche Debatte zum Thema eingeschaltet hatte und der in Kürze spezielle Dopinggesetze verabschieden will.

          Die Dopingfahnder stehen sportjuristisch unter anderem deshalb auf wackligem Boden, da in einigen Fällen Aussagen gegen Aussagen stehen. Das gilt insbesondere für den Fall Marion Jones. Die dreifache Goldmedaillengewinnerin von Sydney beteuert, seit ihr Name vor knapp zwei Jahren zum ersten Mal mit dem Skandal in Verbindung gebracht wurde, noch nie illegale leistungssteigernde Substanzen genommen zu haben. Dem steht die Aussage von Victor Conte im amerikanischen Fernsehen entgegen, daß sich die Sprinterin in seiner Gegenwart Mittel gespritzt habe. Obendrein soll ihr ehemaliger Ehemann C. J. Hunter Zeitungsberichten zufolge der Staatsanwaltschaft seine Rolle bei der Verabreichung des Designer-Steroids THG und anderer Mittel zugegeben haben.

          Nicht als Beweismittel zugelassen

          Welche Version stimmt, soll ein Zivilgericht klären, das erst nach Abwicklung des Strafverfahrens gegen Victor Conte aktiv werden kann. Auch in diesem Prozeß, den Marion Jones angestrengt hatte, weil sie sich von dem Laborunternehmer verleumdet fühlt und einen Schadensersatz von 25 Millionen Dollar verlangt, werden die Unterlagen aus der Voruntersuchung der Staatsanwaltschaft in der Balco-Affäre nun voraussichtlich nicht als Beweismittel zugelassen.

          Die Usada hatte bereits vor einem Jahr bei der zuständigen Richterin beantragt, die Vernehmungsprotokolle der sechs Leichtathleten Tim Montgomery, Alvin und Calvin Harrison, Regina Jacobs, Chryste Gaines und Michelle Collins einsehen zu können. Das Ansinnen wurde abgeschmettert.

          Montgomery unter Verdacht

          Neben Conte haben sich auch dessen Stellvertreter James Valente sowie der Baseball-Trainer Greg Anderson schuldig bekannt. Der vierte Angeklagte, Leichtathletik-Trainer Remi Korchemny, lehnte ein Schuldeingeständnis ab. Rund ein Dutzend Aktive aus Leichtathletik und Baseball sind nach Aufdeckung des Balco-Skandals im Herbst 2003 von der Usada gesperrt worden.

          Fakten liegen offenbar auch gegen Tim Montgomery auf dem Tisch, der seinen 100-Meter-Weltrekord vom September 2002 vor allem Contes Hilfe zu verdanken haben soll und dessen Fall - wie der von Chryste Gaines - beim internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne anhängig ist. Montgomery ist Lebensgefährte von Marion Jones.

          Weitere Themen

          FC Bayern trifft auf Olympiakos Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern trifft auf Olympiakos

          Am dritten Spieltag müssen die Bayern nach Griechenland zu Olympiakos Piräus, dem Tabellen-Dritten in der Gruppe B. Trainer Niko Kovac warnte auf der letzten Pressekonferenz vor der Partie und vor dem Gegner.

          Topmeldungen

          Die typische Landschaft des Teufelsmoor bei Worspwede bei Bremen.

          Bedrohte Moorgebiete : Die unterschätzten Klimaretter

          Die Moore sind gefährdet. Immer mehr dieser Feuchtgebiete trocknen aus. Dabei sind sie für das Erdklima mindestens so wichtig wie unsere Wälder, wie zwei aktuelle Studien belegen.
          Mario Draghi und seine Nachfolgerin Christine Lagarde.

          Wechsel an der EZB-Spitze : Draghi und die Deutschen

          Nirgendwo ist EZB-Präsident Mario Draghi, der am 31. Oktober abtritt, auf so viel Protest gestoßen wie in Deutschland. Am Ende hat er die Macht der Europäischen Zentralbank überdehnt. Eine Bilanz.

          Video-Filmkritik: „Terminator 6“ : Killermaschinistinnen vor!

          Der sechste Film der „Terminator“-Reihe ignoriert die Teile drei, vier und fünf zugunsten einer gigantischen Karambolage zahlreicher Gegenwartsprobleme und Zukunftsaussichten: „Terminator: Dark Fate“ ist ein Katalog der Körperpolitik für Menschen und Maschinen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.