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Doping : Austausch von Körperflüssigkeiten

Trickreich: Robert Fazekas Bild: DPA

Die Dopingfälle im Sport haben drastisch zugenommen. Dabei haben Sportler ihre eigenen Tricks, Tests zu umgehen. Mit krimineller Energie und ruhiger Hand manipulieren sie ihre Urinproben.

          Es muß die Hölle gewesen sein. Aber eine Hölle, in die viele Sportler den ungarischen Diskuswerfer Robert Fazekas heute noch wünschen. Fast viereinhalb Stunden brachte der Mann nach seinem vermeintlichen Olympiasieg in Athen beim Dopingtest zu. Es ist nicht überliefert, wieviel Flüssigkeit er in der Zeit zwischen dem 23. August 2004 um 22 Uhr 15 und dem 24. August um 2 Uhr 41 getrunken hat, aber es dürften mehrere Liter gewesen sein. Und doch schaffte er es, einzuhalten und den versammelten Experten eine ausreichende Menge seines Urins zu verweigern.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Später regte sich sein Anhang auf, ihr armer Schützling habe stundenlang nackt, unter psychischem Druck, im Kontrollzimmer ausharren müssen, in aggressiver Atmosphäre habe er eine psychische Blockade gespürt, später hieß es, als tiefreligiöser Mensch habe er in Gegenwart anderer Personen kein Wasser lassen können. Die empörten ungarischen Funktionäre bezeichneten die Umstände der Kontrolle als "unmenschlich".

          Das Ganze klingt wie ein Fall für "Amnesty International". Aber in Wirklichkeit war in jener entnervenden olympischen Nacht von Athen allen Beteiligten klar, daß der unter Druck geratene Fazekas kein Opfer war. Alle wußten, daß Leute wie er daran schuld sind, daß solch entwürdigenden Prozeduren im Leistungssport überhaupt nötig sind. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Kontrolleure des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in jener Nacht durch aufmerksames Beobachten verhindern konnten, daß Fazekas eine sorgfältig vorbereitete Betrugsvorrichtung in Gang setzte. Offenbar hatte er vor, aus einem an seinen Genitalien befestigten Plastiksack Urin von einer anderen Person abzugeben, was den Schluß zuläßt, daß in seiner eigenen Körperflüssigkeit Rückstände von Dopingmitteln zu finden gewesen wären.

          Doppelter Dopingsünder Calvin Harrison: 1993 und 2004

          Die gute Nachricht: Fazekas war seine Goldmedaille schnell wieder los. Doch die Erleichterung darüber ist unter Athleten und Trainern nicht besonders groß. Was, fragen sie, kann man daraus schließen, daß ein Spitzenathlet wie Fazekas es wagte, sogar bei den Olympischen Spielen den Betrug mit seiner Gerätschaft zu versuchen? Wie oft hat es schon geklappt? Und wieviele Doper mit krimineller Energie und ruhiger Hand kommen regelmäßig mit so etwas durch?

          Anabole Steroide weiter populär

          Zwei Schlüsse, da sind sich die Experten einig, drängen sich nach den - in nie gekannter Rigidität vorgenommenen - Kontrollen in Athen auf. Erstens: Die altbewährten anabolen Steroide sind immer noch das Dopingmittel der Wahl. Selbst Kenner zeigten sich in Athen schockiert von in verblüffend kurzer Zeit aufgepumpten Körpern, von unglaublichen Leistungssprüngen bei manchen Sportlern - besonders in der Leichtathletik und natürlich im Gewichtheben. Bei acht von zwölf positiven Dopingtests in Athen - nicht gerechnet die Vorkontrollen der Gewichtheber - wurden Anabolika gefunden, darunter dreimal das beliebte Ben-Johnson-Präparat Stanozolol und zweimal das durch Katrin Krabbe bekanntgewordene Clenbuterol. Es handelte sich um vier Fälle aus der Leichathletik, drei aus dem Gewichtheben, einen aus dem Ringen.

          Zweitens: Die Manipulation von Dopingproben - sprich: Der Versuch, den Urin eines Dritten als den eigenen auszugeben - feiert eine Renaissance. Fazekas war in Athen nicht der einzige Fall, wobei in Ungarn offenbar besonders viele betrügerische Tüftler zugange sind: Die beiden in Athen abgegebenen Urinproben des mittlerweile disqualifizierten Hammerwurf-Olympiasiegers Adrian Annus etwa stammten von zwei verschiedenen Personen.

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