https://www.faz.net/-gtl-6x9sh

Djokovic schlägt Nadal : Sie standen immer wieder auf

Urschrei: Novak Djokovic bleibt der Meister von Melbourne Bild: AFP

Novak Djokovic schlägt Rafael Nadal in einem epischen Finale - die Nummer eins der Welt behält nach über fünfeinhalb Stunden die Oberhand in Melbourne. Jeder Trainer sollte eine DVD dieses Finales haben.

          Man soll sich das Beste ja immer bis zum Schluss aufbewahren, und besser als mit einem Finale zwischen dem Weltranglistenersten Novak Djokovic und seinem direkten Verfolger Rafael Nadal konnten diese Australian Open ja nicht beendet werden.

          Heraus kam am Sonntag allerdings gleich ein historisches Ereignis: Erst nach 5:53 Stunden Spielzeit war das längste Endspiel in der Grand-Slam-Geschichte und die längste Partie, die je bei den Australian Open gespielt worden ist, am frühen Montagmorgen um 1.37 Uhr Ortszeit beendet.

          Novak Djokovic verteidigte mit dem 5:7-, 6:4-, 6:2-, 6:7- (5:7)- und 7:5-Erfolg seinen Titel und gewann auch das insgesamt siebte Finale nacheinander gegen Nadal - darunter waren auch die Endspiele in Wimbledon und bei den US Open. Bei der Siegerehrung ließen sich die beiden restlos erschöpften und stürmisch umjubelten Finalgegner Stühle reichen.

          Als er wieder etwas übergezogen hatte, gab es den Pokal: Bekannte Trophäe für Novak Djokovic

          Wenn man etwas über dieses Spiel wissen möchte und nicht soviel Zeit hat, sich den kompletten Mitschnitt dieses Finales anzusehen, dann reicht möglicherweise schon eine Sequenz. Natürlich verpasst man eine ganze Menge, wenn man einfach rund fünf Stunden und zwanzig Minuten vorspult, aber dieses eine Aufschlagspiel von Rafael Nadal beim Stand von 4:4 im fünften Satz ist eine perfekte Zusammenfassung des gesamten Dramas, das sich da am Sonntagabend in der Rod-Laver-Arena abgespielt hat.

          Es zeigt zwei großartige Sportler, wie sie sich mit letzter Kraft gegen die Niederlage wehren, wie sie sich gegenseitig zu immer größeren Leistungen anspornen und wie sie vor allem niemals aufgeben. Der erste Ballwechsel umfasst 32 Schläge auf höchstem Niveau, mit höchstem Einsatz - und weil heute alles vermessen wird und statistisch erfassbar ist, weiß man, dass Djokovic in diesem Schlagabtausch insgesamt 92 Meter von links nach rechts und wieder zurück sprintete.

          Herz, Leidenschaft, Wille

          Am Ende lag der Serbe wie ein Boxer am Boden, den gerade eine schwere Gerade erwischt hat. Was wie das Ende der Szene aussieht, ist nur der Anfang: Knapp zehn Minuten dauerte dieses Aufschlagspiel letztlich, und Nadal ging 5:4 in Führung. Es reicht zwar, diese zehn Minuten zu sehen, um eine Ahnung zu haben, mit welcher Intensität dieses Finale, das bei brütender Hitze von 33 Grad begann, geführt wurde. Aber es lohnt sich, alles zu sehen, selbst wenn man weiß, wie es ausgehen wird.

          Vor allem Trainer sollten eine DVD dieses Finales im Schrank haben, nicht nur Tennistrainer, sondern jeder Coach, der einmal mit Bildern zeigen möchte, was Herz, was Leidenschaft, was Wille bedeuten. Nadal ist mehr als zwei Sätze lang der etwas weniger gute Spieler, aber er kämpft um jeden Punkt, er wartet verzweifelt auf die Möglichkeit, dieser Partie eine Wende zu geben - und als sie sich tatsächlich bietet, nutzt er sie entschlossen.

          Den ersten Durchgang hatte der Spanier noch 7:5 gewonnen, danach aber war Djokovic zum jederzeit spielbestimmenden Akteur geworden, hatte Nadal immer weiter hinter die Grundlinie getrieben, und von dort konnte Nadal nicht genug Druck ausüben, um seinerseits den Serben zu gefährden. Djokovic agierte, Nadal reagierte, beide allerdings auf allerhöchstem Niveau.

          Es schien wie in London und New York

          Doch weil der Weltranglistenerste vor allem mit dem Aufschlag seines Kronprinzen wenig Probleme hatte, schien diese Partie zwar langsam, aber unaufhörlich in eine Richtung zu kippen. Schon nach dem Return war Nadal meistens in der Defensive, und so war der zweite Satz 4:6 und der dritte Durchgang 2:6 an den Serben gegangen.

          Es schien sich alles wie in den beiden letzten Grand-Slam-Endspielen in Wimbledon und bei den US Open zu entwickeln. Was immer auch Nadal sich vorgenommen hatte, es drohte nicht auszureichen gegen diesen Djokovic. Nach knapp vier Stunden war das Ende nicht mehr weit, Nadal lag beim Stand von 3:4 bei eigenem Aufschlag 0:40 zurück, es schien kein Entrinnen mehr zu geben.

          Aber der Spanier wehrte diese virtuellen Matchbälle alle ab, die Rod-Laver-Arena bebte vor Begeisterung der 15000 Zuschauer - und wurde ein paar Momente später von einem Freiluftstadion zur Halle. In den letzten Momenten dieses Turnieres hatte es erstmals zu regnen begonnen. Nach zehn Minuten war das Dach geschlossen, und was gerade noch kurz vor dem Ende gestanden hatte, begann nun erst richtig.

          Nadal lag zwar im Tiebreak 3:5 zurück, schaffte aber trotzdem unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer den Satzausgleich und hatte damit fast Unmögliches geschafft: Djokovic war der dominierende Spieler gewesen, trotzdem ging es nun in den fünften Satz.

          Ein Ende wie bei Ali und Frazier?

          Geschichte war damit schon geschrieben, denn das bislang längste Finale eines Grand-Slam-Turniers hatten sich Ivan Lendl und Mats Wilander 1988 (4:54 Stunden) bei den US Open geliefert, und auch die 5:14 Stunden aus dem legendären Halbfinale 2009 zwischen Rafael Nadal und Fernando Verdasco waren schon längst überboten. Es war das erste Fünfsatzspiel zwischen den beiden Endspielgegnern, und es war nun ein Duell auf Augenhöhe geworden, denn Djokovic konnte die Ballwechsel nicht mehr dominieren.

          Mehr als zweieinhalb Sätze lange hatte Nadal auf eine Breakchance warten müssen. Als sie in diesem fünften Durchgang kam, nutzte er sie zur 4:2-Führung. Eine kleine Unachtsamkeit im nächsten Spiel kostete ihn diesen Vorteil gleich wieder, und dieser erbitterte Kampf um jeden Punkt war wieder von vorne losgegangen.

          Ein Ende wie im berühmten Boxkampf „Thrilla in Manila“ wäre denkbar gewesen, als Joe Frazier in der 15. Runde gegen Muhammad Ali nicht mehr von seinem Stuhl aufgestanden war, weil er nicht mehr konnte. Die beiden aber konnten, und als Novak Djokovic nach 5:53 Minuten Spielzeit dann jubelnd umfiel, war es vielleicht die größte Überraschung, dass er aus eigener Kraft wieder aufstehen konnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Frist : May will angeblich Aufschub von drei Monaten

          Nach Medienberichten will die britische Regierung die EU bitten, den Austrittstermin nur ein wenig zu verschieben. Kommissionspräsident Juncker verlangt dafür eine kaum zu erbringende Vorleistung: Das Parlament soll dem Brexit-Abkommen zustimmen.
          Svenja Flaßpöhler und Florian Werner: „Ich jedenfalls war pappsatt von der körperlichen Zuwendung der Kinder“

          Eltern-Interview : „Nichts am Kinderkriegen ist harmlos“

          Verändert Nachwuchs die Liebe? Wo bleibt die Freiheit? Und was können nur Väter? Die Philosophin Svenja Flaßpöhler und ihr Mann, der Schriftsteller Florian Werner, ergründen das Elternsein.
          Krankenkassen sollten die Kosten wirksamer Grippeimpfungen nicht scheuen.

          Zweiklassen-Medizin? : Grippostatisch

          Im vergangenen Winter gerieten Ärzte in eine Zwickmühle: Der empfohlene Grippe-Impfstoff wurde von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Wer sich für Patientenschutz entschied, kämpft nun gegen Rückzahlungsforderungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.