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: Die phantastischen Vier

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Dortmund. Borussia Dortmund bewegt sich in einem Koordinatensystem aus lauter Superlativen. Der Spitzenreiter der Fußball-Bundesliga hat die meisten Punkte geholt, die meisten Tore geschossen, die wenigsten Gegentore zugelassen und ...

          3 Min.

          Von Richard Leipold

          Dortmund. Borussia Dortmund bewegt sich in einem Koordinatensystem aus lauter Superlativen. Der Spitzenreiter der Fußball-Bundesliga hat die meisten Punkte geholt, die meisten Tore geschossen, die wenigsten Gegentore zugelassen und mit zehn Siegen aus den ersten zwölf Runden einen Wert erreicht, den zuvor nur der Branchenprimus Bayern München erreicht hatte. So weit die Zwischenbilanz nach dem 2:0 über den Hamburger SV.

          Demnächst könnte der Erfolg der jungen Dortmunder Mannschaft von der Liga auf die Nationalmannschaft übergreifen. Für das Länderspiel an diesem Mittwoch gegen Schweden berief Bundestrainer Joachim Löw vier Borussen in sein Aufgebot. Nachdem Dortmunder Profis in der Nationalelf jahrelang keine Rolle mehr gespielt hatten, stellt der BVB für die Partie in Göteborg die größte Gruppe. Das liegt auch daran, dass einige Spieler des FC Bayern, darunter Kapitän Philipp Lahm, verletzt sind oder geschont werden, fällt aber dennoch ins Auge, zumal bei der Weltmeisterschaft in Südafrika nicht ein einziger BVB-Kicker der Elite-Auswahl des DFB angehört hatte.

          Der anhaltende Dortmunder Erfolg hat die Aufmerksamkeit Löws nochmals gesteigert. Innenverteidiger Mats Hummels und Mittelfeldspieler Kevin Großkreutz hatte er schon länger im Blick, aber nur in einem Benefizspiel gegen Malta eingesetzt und für die WM noch nicht für gut genug befunden. Zwei weitere Borussen stehen zum ersten Mal im Aufgebot der A-Nationalmannschaft: Außenverteidiger Marcel Schmelzer und Mittelfeldspieler Mario Götze, der schon nach wenigen Auftritten in der Bundesliga als eines der größten deutschen Fußballtalente der vergangenen Jahre gehandelt wird. Die phantastischen Vier aus dem Dortmunder Jungbrunnen passen nicht nur sportlich in Löws Konzept. Sie sind jung, dynamisch, erfolgreich, zielstrebig, auch selbstbewusst, aber nicht exzentrisch. Götze ist mit 18 Jahren der Jüngste, von den anderen dreien ist keiner älter als 22 Jahre.

          Das wirft die Frage auf, ob die Nationalmannschaft überhaupt schon wieder junge Kräfte braucht. Hatte Löws Auswahl nicht erst bei der WM als spielfreudige Jugendbewegung von sich reden gemacht, der es zum ganz großen Wurf nur an Erfahrung fehlte? Andere Trainer hätten (sich) unter diesen Umständen erst einmal am Bewährten festgehalten. Doch angesichts des aktuellen Reservoirs an qualifizierten Nachwuchskräften will Löw vermeiden, einen Ausnahmespieler zu übersehen, nur weil die junge Generation schon stark vertreten ist. Ein Verband wie der DFB müsse jedes Jahr einen oder mehrere Spieler herausbringen, sagt er. "Die beste Situation für einen Trainer ist doch, wenn es Spieler gibt, die auf Khedira, Özil, Podolski oder Badstuber Druck ausüben. Das ist meine Wunschvorstellung. Heute kann ein Neunzehnjähriger Druck auf einen Dreiundzwanzigjährigen machen." An diesem Wettbewerb wollen die vier Borussen gerne teilnehmen, ebenso wie die beiden Mainzer Aufsteiger Lewis Holtby und André Schürrle, zwei weitere Neulinge, die Löw für "sehr entwicklungsfähig" hält. Selbstbewusst genug sind die jungen BVB-Profis. "Wir werden Dortmund gut repräsentieren", sagt Großkreutz. Wie gut sie auch an weniger berauschenden Tagen sein können, zeigt exemplarisch das zweite Tor gegen den HSV, das einem zunächst zähen Spiel letztlich eine klare Richtung gab: Götze flankte quer durch den Strafraum, Großkreutz legte den Ball von der Grundlinie filigran mit dem Außenrist zurück zum Torschützen Lucas Barrios, er am Fünfmeterraum postiert war - das Ende einer Kombination frei von Egoismen im Vorbereitungsstadium. "Mario spielt überragend quer, ich spiele überragend quer, und Lucas schießt den Ball rein", sagt Großkreutz, als gäbe es an fußballerisch eher grauen Abenden wie diesem nichts Leichteres, als auf diese Art das Spiel zu entscheiden und die Tabellenführung zu festigen.

          Wenn die Dortmunder sich als Viererbande dem Tross des DFB anschließen, folgen sie ihrem aktuellen Trend - sie kommen langsam, aber gewaltig nach vorn, und sie helfen einander, wo sie können, "als eingeschworene Gruppe", wie Hummels sagt. Diesen Zusammenhalt werden sie auch brauchen, wenn sie sich profilieren wollen. In der Nationalelf sind die Borussen neu, dort besitzen Tabellenführer keinen Bonus. Löw hat angekündigt, dass die Berufung nicht automatisch zu einer großen Karriere führen müsse. "Ob sie den Ansprüchen genügen und bei der Nationalmannschaft eine tragende Rolle spielen werden, ist erst in einigen Monaten, vielleicht erst in Jahren zu beantworten. Meine Messlatte liegt sehr, sehr hoch", sagt der Bundestrainer. Letztlich gehe es ihm darum, Spieler zu finden, die bei einem großen Turnier "gegen Spanien, Argentinien, England oder Italien Akzente setzen und auch mal einen Titel gewinnen können".

          Die beste Chance, die Anfangshöhe zu überspringen, könnte sich Schmelzer bieten. Seit er den beliebten Dortmunder Brasilianer Dede verdrängt hat, bekleidet der Protegé des BVB-Trainers Jürgen Klopp die Position des linken Verteidigers, beackert also ein Feld, das in der Nationalelf seit langem weitgehend brach liegt. Aber auch die anderen Borussen warten voller Tatendrang auf ihren Einsatz. In den Augen ihres Klubtrainers sollte ihnen die Wertschätzung, die sie von Joachim Löw erfahren, "noch mehr Selbstvertrauen geben". Unabhängig davon könne sich der Bundestrainer "auf vier Klassespieler mit gutem Charakter freuen", sagt Klopp. "Es kann ja nie schaden, solche Jungs in der Mannschaft zu haben."

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