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Kommentar Sport : Die letzte Tour

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Reiche Schweiz, arme Schweiz: Am Ende des Jahres werden die Räder also stillstehen, endgültig, kein eidgenössisches Team wird dann mehr dem führenden Zirkel des Profiradsports angehören, der ProTour. Abschiedstour, Endzeitstimmung: Die Mannschaft von Phonak wird bald aus dem Peloton verschwinden.

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          Reiche Schweiz, arme Schweiz: Am Ende des Jahres werden die Räder also stillstehen, endgültig, kein eidgenössisches Team wird dann mehr dem führenden Zirkel des Profiradsports angehören, der ProTour. Abschiedstour, Endzeitstimmung: Die Mannschaft von Phonak wird bald aus dem Peloton verschwinden. Nur die ewig Gestrigen mögen das bedauern. Kritische Zeitgenossen dürften aufatmen: Endlich ist es soweit. Wer von ihnen hätte sich denn auch noch mit dieser Equipe befassen können, ohne ständig Mißtrauen zu hegen? Ohne an das "dreckige Dutzend" zu denken, an die Dopingaffären in Serie, an den tiefen Fall des Amerikaners Floyd Landis, eines der Manipulation überführten Siegers der Tour de France? Seit Jahren ist dieser Rennstall im Gerede, immer mehr litt sein Image, immer deutlicher wurde auch: Phonak und sein Macher, der schwergewichtige Unternehmer Andy Rihs, schafften es nicht, die Betrügereien in den eigenen Reihen einzudämmen. Rihs behauptet zwar, ernsthafte Versuche in dieser Angelegenheit unternommen zu haben - sehr wirkungsvoll können sie jedoch nicht gewesen sein.

          Der bisherige Sponsor, der Hörgerätehersteller Phonak, hatte bereits vor einiger Zeit seinen Rückzug aus dem Radsport angekündigt. Phonak-Chef Rihs mag nun auch nicht mehr die ProTour-Lizenz behalten; allerdings wäre auch fraglich gewesen, ob der Internationale Radsportverband sie wegen der vielen gravierenden Verfehlungen bei Phonak, wegen der Causa Landis vor allem, überhaupt erneuert hätte. Angeblich hatte Rihs mit großem Einsatz, Tag und Nacht, nach Auswegen aus der Misere gesucht - ohne Erfolg. Am Dienstag gab auch ein amerikanischer Partner der Schweizer, ein Fondsverwalter, bekannt, die Zusammenarbeit zum Jahresende einzustellen: Er möchte sich künftig andere Betätigungsfelder im Sponsoring suchen, wahrscheinlich abseits des Radsports.

          Ein verständlicher Entschluß, letztlich sogar ein wegweisendes Signal für den Radsport. Nicht jeder potentielle Geldgeber ist offensichtlich noch bereit, sich in dieser schwer belasteten Branche zu engagieren. Eine Haltung, die den Druck auf den Radsport weiter erhöhen könnte, mit Verve gegen Doping zu kämpfen. Die Finanziers verfügen über beträchtlichen Einfluß, sie sollten sich dessen - und ihrer Verantwortung für den Sport, in den sie investieren - stärker als bisher bewußt werden. Und damit helfen, alte, fragwürdige Strukturen einer geschlossenen Gesellschaft aufzubrechen. Einen solchen Weg zu gehen, nimmt gerade T-Mobile für sich in Anspruch; mit der Kündigung etwa für Teamchef Olaf Ludwig glauben die Bonner ein Zeichen für einen Aufbruch in eine neue Ära gesetzt zu haben. T-Mobile könnte nun auch, da es wegen der bevorstehenden Trennung von Ludwig eine eigene Zulassungsberechtigung in Sachen ProTour anstrebt, von Phonaks Auflösung profitieren. Rihs macht ja nun Platz - angeblich schwer enttäuscht darüber, daß der Radsport zu einen Synonym für Doping geworden sei. Er hat sich viel Zeit genommen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

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