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: Die Eisbären machen das Finale zur Berlinale

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BERLIN. Vor dem Triumph kam die Erleichterung. Bevor die Berliner Eisbären in nur drei Finalspielen gegen Mannheim die deutsche Eishockey-Meisterschaft gewannen, konnten sie in ihrer Halle störungsfrei die deutsche Nationalhymne spielen.

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          BERLIN. Vor dem Triumph kam die Erleichterung. Bevor die Berliner Eisbären in nur drei Finalspielen gegen Mannheim die deutsche Eishockey-Meisterschaft gewannen, konnten sie in ihrer Halle störungsfrei die deutsche Nationalhymne spielen. Fast so sehr wie einen sportlichen Einbruch hatten sie befürchtet, daß die Direktübertragung von den feierlichen Momenten vor der Entscheidung von Pfiffen begleitet werden würde. Doch auch da hatte das Management die richtige Personalentscheidung getroffen. In Bernd Römer, dem blondmähnigen Mitglied der DDR-Band Karat, schickten sie einen verdienten Veteranen aufs Eis, der seine Gitarre die Hymne heulen und kreischen ließ - und die Fans zu respektvollem Schweigen brachte.

          Nicht nur das in der Endrunde dieser Meisterschaft überragende Spiel der Eisbären und auch nicht das des sogenannten Jimi Hendrix des Ostens sorgt im Wellblechpalast von Berlin-Hohenschönhausen für Stimmung. Die Fans sind es, die mit einer gewöhnungsbedürftigen Folklore das Auf und Ab des Klubs begleiten, der fünfzehnmal die Meisterschaft der DDR gewann und in Abstieg und Rauswürfen auch für die oft ungerechten Härten der Nachwende steht.

          In der DDR überlebte Eishockey nur, weil der Chef des Staatssicherheitsdienstes, Erich Mielke, Gefallen an dem schnellen Sport gefunden und ihn in sein Fördersystem namens Dynamo eingegliedert hatte. Vom Deutschen Turn- und Sportbund der DDR abgelehnt, spielten die Dynamos aus Ost-Berlin und aus Weißwasser zwanzig Jahre lang unter Mielkes Protektion immer wieder und ausschließlich gegeneinander um die Meisterschaft. Nach der Wende riefen Fans im Westen: "Stasi, Stasi!", wenn Dynamo kam.

          Auch deshalb heißt der Klub seit 1992 EHC Eisbären. Patron ist jetzt der amerikanische Unternehmer und Milliardär Phil Anschutz. Doch die Fans rufen immer noch "Dynamo!" Bei Auswärtsspielen bringen sie die Gastgeber auf die Palme, indem sie die DDR-Flagge schwenken. Einige der kurzgeschorenen Fans tragen Pullover, auf denen steht: "Die Legende lebt". Darunter sind die Umrisse des geteilten Deutschland zu sehen; der Westen ist von Mauersteinen zugedeckt, im Osten scheint die Sonne.

          Selbstverständlich wollen auch die lautesten Krakeeler nicht die DDR wiederhaben. Schon ihren Schlachtruf "Ost-, Ost-, Ost-Berlin!" hätten die jungen Leute, von denen kaum einer Erinnerungen an den Arbeiter- und Bauernstaat hat, in der Hauptstadt der DDR gar nicht rufen dürfen. Doch vom Westen grenzen sie sich in einer Mischung aus Bitterkeit, Lokalpatriotismus und verletztem Stolz ab.

          "Die Jungs aus dem Osten sind immer auf dem Posten", rief der Berliner Stürmer Sven Felski in einer Drittelpause. Er ist praktisch ein gebürtiger Dynamo. Als er nach dem 4:1 den Meisterpokal in die Arme gelegt bekam, hielt er die Tränen nicht mehr zurück. "Unglaublich! Ich habe so lange darauf gewartet", schluchzte er. "Hartmut Nickel und ich sind schon so lange hier, und wir wollten nicht immer nur Zweite sein." Felski ist in den Eishallen von Hohenschönhausen aufgewachsen. Mit vier kam er zum Eiskunstlauftraining ins Sportforum, mit elf wechselte er zum Eishockey, mit siebzehn gab er sein Debüt in der Bundesliga, mit dreißig ist er nun deutscher Meister - "gesamtdeutscher Meister", wie er sagt.

          Hartmut Nickel, der Assistent des kanadischen Trainers Pierre Page, kam 1994 als Spieler zu Dynamo. Auch er hat Abstieg und Comeback des Klubs mitgemacht. Seine und Felskis Sehnsucht nach dem Titel vergrößert das Glück der anderen Spieler an ihrer Meisterschaft. "Dies ist der schönste Tag meiner Karriere", schwärmte der aus Amerika nach Deutschland heimgekehrte Stefan Ustorf. "Ich bin so froh für Hartmut Nickel, Sven Felski und die Fans." Der kugelrunde Nickel deutete noch im tränen- und bierfeuchten Moment des Titelgewinns an, wie sehr die Arbeiter und Kämpfer aus dem Osten der Stadt sich als ewige Verlierer abgestempelt sehen, wie sie selbst als Gewinner befürchten, nicht anerkannt zu werden. "Dies ist eine Sternstunde", schwärmte er. "Wir haben für unsere Region, den Ostteil, und für Westberlin eine Marke gesetzt. Ich hoffe, daß das die Westberliner auch so sehen."

          Aus dem Wellblechpalast mit seinen 4500 Plätzen sind die Eisbären spätestens mit dieser Meisterschaft herausgewachsen. Doch zusammengewachsen sind noch nicht einmal das Eishockeypublikum von Ost- und Westteil der Stadt. Das hat auch nachvollziehbare Gründe. Innerhalb von nur zwanzig Minuten waren die Eintrittskarten für das dritte Finalspiel am Dienstag vergriffen.

          Der Besuch der Eisbären wird auch in den nächsten Spielzeiten ein exklusives Vergnügen bleiben. Zwar engagiert sich Anschutz für den Bau einer neuen Halle mit 18 000 Plätzen an der Spree beim Berliner Ostbahnhof. Doch der wie zur Belohnung für den Titel am Mittwoch ausgerufene Baubeginn betrifft lediglich Straßen- und Versorgungsarbeiten. Anschutz will den Grundstein nicht legen, bevor er den Namen der Arena für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft hat. So wird der deutsche Meister noch eine ganze Weile brauchen, bis er im Westen ankommt.

          Michael Reinsch

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