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: Die alte Dame - stilvoll und geduldig

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Venedig. Die alte Dame ist zurück in Italiens oberster Fußball-Liga. Und wie sich das für eine rüstige Signora nach der Rehabilitation gehört, hat Juventus Turin nach einem schmachvollen Jahr in der Serie B Kampfgeist und Angriffslust nicht eingebüßt.

          3 Min.

          VON dirk SCHÜMER

          Venedig. Die alte Dame ist zurück in Italiens oberster Fußball-Liga. Und wie sich das für eine rüstige Signora nach der Rehabilitation gehört, hat Juventus Turin nach einem schmachvollen Jahr in der Serie B Kampfgeist und Angriffslust nicht eingebüßt. Zum Auftakt der neuen Saison am vorigen Wochenende fegte Juve den Abstiegskandidaten aus Livorno beim 5:1 förmlich aus dem Stadio delle Alpi. Die erneuerte Klubführung wird sich zur Gratwanderung beim Halten wichtiger Stars gratuliert haben. Gleich drei Treffer steuerte David Trezeguet bei, der nach dem Zwangsabstieg seines Vereins nur noch weggewollt hatte, dann aber blieb - genau wie Torhüter Gigi Buffon, Spielmacher Pavel Nedved oder der geniale Alessandro Del Piero.

          Mit solchen bewährten Kräften will man in Turin nach gehörigen Einnahmeausfällen und einem gewaltigen Imageschaden wieder durchstarten in den europäischen Spitzenfußball, am besten gleich in die Champions League. Wenn am Ende der Spielzeit die Tabelle dann so aussähe wie nach der ersten Runde, wären die geschätzten zehn Millionen Juve-Tifosi überglücklich. Denn die Momentaufnahme zeigt den Rekordmeister auf Platz eins, doch die Mehrheit der Fans und von Italiens Fußballexperten sieht am Ende Titelverteidiger Inter Mailand wieder vorne. Dort hat man nämlich nicht nur vom Betrugsskandal profitiert, kaum Geld verloren und zwei Meisterschaften (eine davon am grünen Tisch) eingefahren, sondern sich unter Trainer Mancini den Luxus erlaubt, den soliden Kader von Legionären nurmehr behutsam zu verstärken. Zum Auftakt gab es nur ein enttäuschendes 1:1 gegen Udinese, aber das wird gewiss anders werden.

          Auch Juve hat vorerst - aber wohl eher aus Geldknappheit - keine Weltstars eingekauft, doch der einst schwerreiche und von den Autofabrikanten des Agnelli-Clans gesponserte Klub hätte wohl größere Kaliber als den ehemaligen Münchner Hasan Salihamidzic oder den Udineser Stürmer Iaquinta verpflichten müssen, um über eine Saison lang auf gleicher Augenhöhe mitzuspielen. Die Transferpolitik des dritten Traditions- und Spitzenklubs, AC Mailand, zeigt ebenfalls deutlich, dass sich für die Serie A trotz Milans Triumph in der Champions League die Gewichte in Richtung Spanien und England verschoben haben. Der AC Mailand, der am Freitagabend nach einem 3:1-Sieg gegen den FC Sevilla den Uefa-Supercup gewann, vollbrachte mit einem überalterten Kader, der allerdings mit Ausnahmekönnern bestückt ist, das Kunststück, die Liga generös zu vernachlässigen, sich gegen den Lokalrivalen Inter nicht einmal mehr symbolisch aufzubäumen, dafür aber dann im Endspurt der Saison mit topfitten Veteranen Europas Königsklasse zu dominieren. Was so gut klappt, kann doch auch ein zweites Mal gutgehen, wird sich der sparsamer gewordene Patron Silvio Berlusconi gesagt haben. Seine Spieler, die oft nicht viel jünger sind als die inzwischen bald vierzigjährige Kapitänslegende Paolo Maldini, blieben ohne nennenswerte Blutauffrischung beisammen. Statt wie früher jedes Jahr gut zweihundert Millionen Euro in sein Hobby zu stecken, vertraut Berlusconi jetzt eher auf seine hochprofessionelle Fitnessabteilung, die aus Fußball-Opas wie Seedorf, Ronaldo, Cafú, Inzaghi oder Dida Höchstleistungen herausholt.

          In der letzten Saison verging dem Altherrenteam Milan nach vier Punkten Strafabzug schnell die Lust auf eine Aufholjagd gegen Inter. Heuer begann das erholte Kollektiv mit einem beeindruckenden 2:0 in Palermo, wobei nicht nur seine zwei Tore deutlich machten, dass bei Milan alles mit dem brasilianischen Ausnahmekönner Kaká steht und fällt. Bleibt er gesund und spielfreudig, kann der AC Mailand in Europa jeden schlagen und in Italien allemal. Italiens Tifosi haben also einstweilen begründete Hoffnung, dass Inters einsamer Durchmarsch sich in dieser Spielzeit nicht wiederholt, sonst droht dem Calcio trotz Juves Rückkehr die große Langeweile.

          Denn im Gegensatz zu Spanien und England und sogar zur Bundesliga krankt die Serie A - um es mit Berti Vogts zu sagen - an einer mangelnden Breite in der Spitze. Immer dieselben drei Mannschaften - Inter, Milan, Juve - kämpfen seit der Jahrtausendwende um den Titel. Zu ungleich ist das Geld verteilt zwischen armem Süden und reichem Norden, und die Schockwellen des Fußballskandals um die von Luciano Moggi manipulierten Schiedsrichter haben daran nichts geändert - eher im Gegenteil.

          Bei so viel Gleichmaß, bei stagnierendem Publikumsinteresse und mit einem wiedergekehrten Schlendrian bei der Erneuerung der ruinösen und unsicheren Stadien ist man südlich des Brenners schon froh, dass mit dem SSC Neapel endlich wieder ein Verein mit Riesenanhang und einem meist gefüllten Stadion zurück in der Serie A ist. Nach schmachvollen Jahren in der Drittklassigkeit muss Diego Maradonas einstiger Skandalverein aber gleich um den Klassenverbleib kämpfen, das verriet zum Auftakt das 0:2 daheim gegen den sardischen Provinzklub aus Cagliari. Himmel und Hölle - nicht nur im Fußball - liegen am Vesuv traditionell besonders dicht beieinander, und unter dem Schmachtfilmproduzenten De Laurentiis als Präsident wird Neapel mit seinen heißblütigen und leidensfähigen Fans gewiss eine filmreife Saison hinlegen.

          Dramatisch - so soll es bei Juventus Turin mit seriöser Vereinsführung um den Präsidenten Cobolli Gigli und mit dem in Spanien und England erprobten neuen Trainer Claudio Ranieri um keinen Preis der Welt zugehen. Anstatt sich mit allen Mitteln nach vorne zu drängen, schlagen die gebeutelten Turiner jetzt leise Töne an, bitten die Fans um Zeit und stapeln tief - um am Ende vielleicht doch hoch zu gewinnen. Stilvoll und geduldig eben - wie es sich für eine alte Dame gehört.

          VON dirk SCHÜMER

          Venedig. Die alte Dame ist zurück in Italiens oberster Fußball-Liga. Und wie sich das für eine rüstige Signora nach der Rehabilitation gehört, hat Juventus Turin nach einem schmachvollen Jahr in der Serie B Kampfgeist und Angriffslust nicht eingebüßt. Zum Auftakt der neuen Saison am vorigen Wochenende fegte Juve den Abstiegskandidaten aus Livorno beim 5:1 förmlich aus dem Stadio delle Alpi. Die erneuerte Klubführung wird sich zur Gratwanderung beim Halten wichtiger Stars gratuliert haben. Gleich drei Treffer steuerte David Trezeguet bei, der nach dem Zwangsabstieg seines Vereins nur noch weggewollt hatte, dann aber blieb - genau wie Torhüter Gigi Buffon, Spielmacher Pavel Nedved oder der geniale Alessandro Del Piero.

          Mit solchen bewährten Kräften will man in Turin nach gehörigen Einnahmeausfällen und einem gewaltigen Imageschaden wieder durchstarten in den europäischen Spitzenfußball, am besten gleich in die Champions League. Wenn am Ende der Spielzeit die Tabelle dann so aussähe wie nach der ersten Runde, wären die geschätzten zehn Millionen Juve-Tifosi überglücklich. Denn die Momentaufnahme zeigt den Rekordmeister auf Platz eins, doch die Mehrheit der Fans und von Italiens Fußballexperten sieht am Ende Titelverteidiger Inter Mailand wieder vorne. Dort hat man nämlich nicht nur vom Betrugsskandal profitiert, kaum Geld verloren und zwei Meisterschaften (eine davon am grünen Tisch) eingefahren, sondern sich unter Trainer Mancini den Luxus erlaubt, den soliden Kader von Legionären nurmehr behutsam zu verstärken. Zum Auftakt gab es nur ein enttäuschendes 1:1 gegen Udinese, aber das wird gewiss anders werden.

          Auch Juve hat vorerst - aber wohl eher aus Geldknappheit - keine Weltstars eingekauft, doch der einst schwerreiche und von den Autofabrikanten des Agnelli-Clans gesponserte Klub hätte wohl größere Kaliber als den ehemaligen Münchner Hasan Salihamidzic oder den Udineser Stürmer Iaquinta verpflichten müssen, um über eine Saison lang auf gleicher Augenhöhe mitzuspielen. Die Transferpolitik des dritten Traditions- und Spitzenklubs, AC Mailand, zeigt ebenfalls deutlich, dass sich für die Serie A trotz Milans Triumph in der Champions League die Gewichte in Richtung Spanien und England verschoben haben. Der AC Mailand, der am Freitagabend nach einem 3:1-Sieg gegen den FC Sevilla den Uefa-Supercup gewann, vollbrachte mit einem überalterten Kader, der allerdings mit Ausnahmekönnern bestückt ist, das Kunststück, die Liga generös zu vernachlässigen, sich gegen den Lokalrivalen Inter nicht einmal mehr symbolisch aufzubäumen, dafür aber dann im Endspurt der Saison mit topfitten Veteranen Europas Königsklasse zu dominieren. Was so gut klappt, kann doch auch ein zweites Mal gutgehen, wird sich der sparsamer gewordene Patron Silvio Berlusconi gesagt haben. Seine Spieler, die oft nicht viel jünger sind als die inzwischen bald vierzigjährige Kapitänslegende Paolo Maldini, blieben ohne nennenswerte Blutauffrischung beisammen. Statt wie früher jedes Jahr gut zweihundert Millionen Euro in sein Hobby zu stecken, vertraut Berlusconi jetzt eher auf seine hochprofessionelle Fitnessabteilung, die aus Fußball-Opas wie Seedorf, Ronaldo, Cafú, Inzaghi oder Dida Höchstleistungen herausholt.

          In der letzten Saison verging dem Altherrenteam Milan nach vier Punkten Strafabzug schnell die Lust auf eine Aufholjagd gegen Inter. Heuer begann das erholte Kollektiv mit einem beeindruckenden 2:0 in Palermo, wobei nicht nur seine zwei Tore deutlich machten, dass bei Milan alles mit dem brasilianischen Ausnahmekönner Kaká steht und fällt. Bleibt er gesund und spielfreudig, kann der AC Mailand in Europa jeden schlagen und in Italien allemal. Italiens Tifosi haben also einstweilen begründete Hoffnung, dass Inters einsamer Durchmarsch sich in dieser Spielzeit nicht wiederholt, sonst droht dem Calcio trotz Juves Rückkehr die große Langeweile.

          Denn im Gegensatz zu Spanien und England und sogar zur Bundesliga krankt die Serie A - um es mit Berti Vogts zu sagen - an einer mangelnden Breite in der Spitze. Immer dieselben drei Mannschaften - Inter, Milan, Juve - kämpfen seit der Jahrtausendwende um den Titel. Zu ungleich ist das Geld verteilt zwischen armem Süden und reichem Norden, und die Schockwellen des Fußballskandals um die von Luciano Moggi manipulierten Schiedsrichter haben daran nichts geändert - eher im Gegenteil.

          Bei so viel Gleichmaß, bei stagnierendem Publikumsinteresse und mit einem wiedergekehrten Schlendrian bei der Erneuerung der ruinösen und unsicheren Stadien ist man südlich des Brenners schon froh, dass mit dem SSC Neapel endlich wieder ein Verein mit Riesenanhang und einem meist gefüllten Stadion zurück in der Serie A ist. Nach schmachvollen Jahren in der Drittklassigkeit muss Diego Maradonas einstiger Skandalverein aber gleich um den Klassenverbleib kämpfen, das verriet zum Auftakt das 0:2 daheim gegen den sardischen Provinzklub aus Cagliari. Himmel und Hölle - nicht nur im Fußball - liegen am Vesuv traditionell besonders dicht beieinander, und unter dem Schmachtfilmproduzenten De Laurentiis als Präsident wird Neapel mit seinen heißblütigen und leidensfähigen Fans gewiss eine filmreife Saison hinlegen.

          Dramatisch - so soll es bei Juventus Turin mit seriöser Vereinsführung um den Präsidenten Cobolli Gigli und mit dem in Spanien und England erprobten neuen Trainer Claudio Ranieri um keinen Preis der Welt zugehen. Anstatt sich mit allen Mitteln nach vorne zu drängen, schlagen die gebeutelten Turiner jetzt leise Töne an, bitten die Fans um Zeit und stapeln tief - um am Ende vielleicht doch hoch zu gewinnen. Stilvoll und geduldig eben - wie es sich für eine alte Dame gehört.

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