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DFB-Pokalfinale : Union Berlin: Nichts ist mehr so wie früher

  • -Aktualisiert am

Underdog Union steht nicht mehr im Regen Bild:

Wenn am Samstag Union Berlin im DFB-Pokalfinale auf Schalke 04 trifft, ist das der Höhepunkt für den ewigen Underdog nach langen Jahren des Leidens vor und nach der Wende.

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          Manchmal nimmt eine Leidensgeschichte, die sich über viele Jahre hingezogen hat, innerhalb von Sekunden eine wundersame Wendung:

          Als Ronny Nikol beim Pokal-Halbfinale zwischen Borussia Mönchengladbach und Union Berlin antrat, um den entscheidenden Elfmeter auszuführen, stand Tino Neuhaus auf der Tribüne im Stadion an der Alten Försterei und war sich hundertprozentig sicher: “Er wird verschießen, wir werden verlieren, es werden wieder die anderen jubeln. Es wird so sein wie immer!“

          Nikol lief an und schoß den Ball ins Tor. Seitdem ist für Tino Neuhaus und die Fans von Union nichts mehr wie früher. In jenem Augenblick der Befreiung, als um ihn herum alles vor Glückseligkeit zusammenbrach, stand Neuhaus regungslos da - wie ein Fels in der Brandung - und war “einfach nur ergriffen. Ich habe an all die unsäglichen Reisen in irgendwelche Provinzkäffer gedacht, an all die Niederlagen, an all das Pech, das wir gehabt haben.“

          Aus der „Besenkammer“ auf die große Bühnes

          Das Leiden hat ein Ende. Union, der Verein aus Köpenick, den einst Stahlarbeiter gegründet hatten, ist endlich an der Sonne. Am Samstag geht es im Pokalfinale gegen den FC Schalke 04, Union ist in die 2.Liga aufgestiegen, und weil die Schalker für die Champions League qualifiziert sind, darf der Klub demnächst sogar im Uefa-Cup ran. Noch nie in der Geschichte des deutschen Fußballs haben sich die Geschicke für einen Verein in so kurzer Zeit so dramatisch verschoben.

          Union, das war der Klub, dessen zu Hause auf alle Ewigkeit die Besenkammer des Fußballs zu sein schien. Im großen Salon logierten immer die anderen. “Und jetzt“, sagt Neuhaus, “bekommen wir innerhalb weniger Wochen alles in geballter Form zurück.“ Als er sieben Jahre alt war haben sich Tino Neuhaus und Union kennen gelernt. Damals spielte Tinos Vater in der DDR-Liga für Bergmann Borsig und nahm den Filius mit zum Auswärtsspiel in die Alte Försterei. Es war Liebe auf den ersten Blick: “Für DDR-Verhältnisse war das Wahnsinn, wie viel Stimmung da war, die ganzen Fahnen, die ganzen Gesänge.“

          23 Jahre ist das her, seitdem hat Union Tino Neuhaus nicht mehr losgelassen. Was ihn besonders anzog, das war “diese komische Mischung des Arbeitervereins aus Köpenick und den langhaarigen Studenten im NATO-Parka. Das hatte Charme.“ Neuhaus lernte schnell, dass man als Union-Fan damit leben musste, „ein Verlierer zu sein“.

          Einst Klub der Underdogs im Schatten der Stasi

          Union Berlin, das war in der DDR der Klub der Underdogs, ein Sammelbecken für Spontis, Intellektuelle und Regimegegner. Ein Verein, der stets im Schatten des verhaßten und von Erich Mielke verhätschelten Stasi-Klubs BFC Dynamo stand. Die besten und talentiertesten Spieler wurden selbstverständlich zur übermächtigen Konkurrenz delegiert, und wenn es für Dynamo trotz allem mal eng wurde, wußte der Schiedsrichter, was er zu tun hatte.

          Krasser konnten die Gegensätze nicht aufeinanderprallen. Das Ost-Berliner Derby wurde im großen und weitläufigen Stadion der Weltjugend ausgetragen, “weil sich die Dynamos zu uns in die Alte Försterei nicht hingetraut haben“, erzählt Neuhaus. Zum Poltikum wurden die Partien dennoch, denn auf dem Rückweg zur S-Bahn führte der Weg der Fans, begleitet von hunderten uniformierten Sicherheitskräften, an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik vorbei. Dann war das donnernde “Eisern Union“ sehr viel mehr als ein Fußball-Schlachtruf.

          “Nicht jeder Union-Fan ist Staatsfeind“³, hat das Satireblatt “Eulenspiegel³, eine Art “Titanic³ des Ostens, einmal geschrieben, “aber jeder Staatsfeind ist Union-Fan.“ Tino Neuhaus findet zwar, “dass das regimekritische Image von Union zu sehr zum Mythos stilisiert wird“, dennoch durfte ein solcher Klub in der DDR natürlich nicht oben sein.

          Nach der Wende Finanzchaos und Lizenzprobleme

          Und so wurde alles dafür getan, dass er unten blieb. Nach der Wende ging das Leiden weiter. Union wurde zum Tummelplatz halbseidener Unternehmer. Die versprachen viel und hielten wenig. Der sportpolitischen Unterdrückung folgte die wirtschaftliche Depression. Einmal wurde die Lizenz wegen einer gefälschten Bankbürgschaft über eine Million Mark verweigert, einmal, weil der Schuldenberg fünf Millionen Mark betrug.

          Oder der Verein wurde Meister und scheiterte in der Aufstiegsrunde zur 2.Liga. Dabei lief es sportlich gut, dafür sorgten Trainer wie Frank Pagelsdorf und Hans Meyer oder Spieler wie Marko Rehmer, Torwart Martin Pieckenhagen und der frisch-gekürte Bundesliga-Torschützenkönig Sergej Barbarez. Tino Neuhaus half zu dieser Zeit mit, das Stadionheft zu gestalten und organisierte Fantreffen.

          „Obskure Lust am Scheitern“ des ewigen Underdogs

          Einmal hat er Marko Rehmer mit seinem Trabbi durch Berlin zum Meisterschaftsspiel in Zehlendorf kutschiert, weil der die Abfahrt des Mannschaftsbusses verpennt hatte. Später ging Rehmer zur großen Hertha und wurde Nationalspieler, Neuhaus blieb bei Union in der Regionalliga.

          Irgendwann hatte er “die Schnauze voll, dass uns ständig irgendwelche Selbstdarsteller ohne Ahnung von wirtschaftlichen Belangen reingerissen haben“ und stellte seine Arbeit für den Klub ein. Fan ist er geblieben, “na logisch“. Bis zu dieser Saison, in der alles anders wurde. Dabei schien diese “obskure Lust am Scheitern“ (Der Spiegel) Union Berlin bis ans Ende aller Fußball-Tage zu begleiten.

          Tino Neuhaus mag dem magischen Höhenflug des ewigen Underdog nicht so recht trauen. Die rosige Lage bereitet ihm “positive Probleme, schließlich habe ich mich daran gewöhnt, mit dem Schicksal des Verlierers zu leben“. Andere Fans haben längst Gefallen am wundersamen Aufschwung gefunden. Auf der Internetseite der Union-Supporters ist eine nackte Blondine mit beachtlicher Oberweite abgelichtet, die zwischen ihren gespreizten Beinen den DFB-Pokal hält. Darunter ist in rot-weißen Lettern zu lesen: “Erfolg macht sexy!“

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