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„Bestürzt, fassungslos“ : DFB macht Gewaltproblem zur Chefsache

  • Aktualisiert am

Sorgenvoller Blick: DFB-Präsident Fritz Keller hat sich mit der DFB-Führung zur Gewalt gegen Schiedsrichter äußern. Bild: dpa

„Wir lassen Sie nicht allein!“: Mit einem klaren Statement hat sich der DFB vor seine Schiedsrichter gestellt. Angesichts zunehmender Gewalt appelliert der Verband, dagegen mit aller Schärfe vorzugehen.

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          Der Deutsche Fußball-Bund hat das Problem zunehmender Gewalt gegen Amateur-Schiedsrichter zur Chefsache erklärt und den Unparteiischen die volle Unterstützung zugesagt. „Die zahlreichen Gewalttaten, Respektlosigkeiten und Übergriffe gegen Schiedsrichter auf den Amateurplätzen schockieren auch uns, wir sind bestürzt, fassungslos und betroffen“, heißt es in einem von DFB-Präsident Fritz Keller, den Vizepräsidenten Rainer Koch und Ronny Zimmermann sowie Generalsekretär Friedrich Curtius unterzeichneten Brief. „Wir lassen Sie nicht allein!“, versicherten sie.

          Auch die Politik ist alarmiert. Der auch für den Sport zuständige Innenminister Horst Seehofer sieht ein generelles gesellschaftliches Problem. „Das ist ein starkes Zeichen für die Verrohung in unserer Gesellschaft, die mittlerweile auch im Sport sehr um sich greift“, sagte der CSU-Politiker am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Das Problem müsse über Strafverfahren in den Sportverbänden geregelt werden. Er sei bereit, „als Moderator und als Initiator“ tätig zu werden, etwa mit einem Runden Tisch. Sein Ministerium werde die Verbände zu dem Thema befragen.

          Auch Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, verzeichnet in allen gesellschaftlichen Bereichen eine „völlig inakzeptable Verrohung im Umgang miteinander. Daher ist es ausdrücklich zu begrüßen, dass auch der DFB das Thema jetzt aktiv aufgreift“, sagte sie am Mittwoch der dpa.

          Jeder Vorfall „sei einer zu viel, jede Form von Gewalt sei nicht akzeptabel“, schrieb die DFB-Spitze weiter. „Angriffe auf den Schiedsrichter sind Angriffe auf den Fußball. Und das muss, da gibt es keine zwei Meinungen, aufhören!“ Der DFB werde alles dafür tun, die Schiedsrichter in den unteren Spielklassen zu schützen.

          „Fußballplätze sind keine rechtsfreien Räume“

          Zugleich appellierten Keller & Co. an die staatlichen Institutionen, gegen die zunehmende Gewalt mit aller Schärfe vorzugehen. „Gefragt ist nicht nur die Sportgerichtsbarkeit, sondern vor allem Polizei, Justiz und auch die Politik. Fußballplätze sind keine rechtsfreien Räume“, hieß es. Und weiter: „Von den Staatsanwaltschaften und der Polizei wünschen wir uns mitunter einen größeren Ermittlungseifer, wenn es um Straftaten auf dem Fußballplatz geht.“

          Grundsätzlich greife in diesen Fällen „zunächst die Sportgerichtsbarkeit, die schnell Sperren oder auch weitergehende Maßnahmen aussprechen kann“, sagte Dagmar Freitag. Tätlichkeiten, Körperverletzungen oder auch Beleidigungen seien Straftaten, die „selbstverständlich vor Gericht geahndet werden. Voraussetzung dafür ist eine Strafanzeige oder eine Kenntnis der Ermittlungsbehörden von einer Straftat“, erklärte die 66-Jährige. Konkreten Handlungsbedarf des Gesetzgebers sieht die Ausschuss-Vorsitzende aktuell aber nicht.

          Der Schiedsrichter-Ausschussvorsitzende des Berliner  Fußball-Verbandes Jörg Wehling hat unterdessen einen geregelten Einsatz von Sicherheitskräften bei Fußballspielen gefordert. „In Sachsen müssen die Vereine bei Spielen mit einer bestimmten Zuschaueranzahl eine bestimmte Zahl an Ordnern stellen. Das ist eine lobenswerte Richtung“, sagte Wehling der dpa.

          Forscherin Thaya Vester sieht zwar ein „Nachwuchsproblem“ im Schiedsrichterwesen, sie sagt aber ganz klar: „Gewalt ist dabei nur eine Ursache von mehreren. Eine Untersuchung der Universität Saarbrücken dazu hat ergeben, dass beispielsweise berufliche und private Gründe deutlich häufiger als Ausstiegsgrund angeführt werden, aber auch fehlender Respekt gegenüber Schiedsrichtern“, sagte die Wissenschaftlerin von der Universität Tübingen in einem Online-Interview des „Spiegel“. Es gebe aber „keine direkte Kausalität“, betonte die 37-Jährige.

          Unterdessen mahnte Dieter Hecking die Vorbildfunktion des Profifußballs an. „Da müssen wir alle dran arbeiten, dass wir uns diese Vorbildfunktion viel, viel bewusster machen müssen“, sagte der Coach des Zweitligisten Hamburger SV am Dienstagabend in der ARD-Sendung „Sportschau Thema“ und sprach neben körperlicher und verbaler Gewalt unter anderem auch Schwalben, Zeitspiel und das grundsätzliche Verhalten von Spielern auf dem Platz an.

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