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Beachteam Ludwig/Walkenhorst : Gegen alle Widerstände

Erfolgreich, auch wenn es weh tut: Deutschlands Mannschaft des Jahres Bild: dpa

Laura Ludwig und Kira Walkenhorst gehen an Schmerzgrenzen heran und darüber hinweg – mit Erfolg. Doch ob Deutschlands Mannschaft des Jahres auch 2018 mitspielen kann, ist offen.

          Den nächsten „kleinen Eingriff“, wie es Kira Walkenhorst ausdrückt, hat sie schon geplant. Nach dem Jahreswechsel kommt die rechte Schulter dran. Vorher muss sie aber erst ihre Krücken loswerden. An denen läuft die Beachvolleyballspielerin seit vergangener Woche – da wurde ihr in einer Sportklinik in Pforzheim ein Riss am Labrum im Hüftgelenk genäht. Insgesamt war es die achte Operation für die 27-Jährige im Laufe ihrer Karriere. Olympiasiegerin und Weltmeisterin ist sie trotzdem geworden, dazu zweimal Europameisterin und zweimalige Siegerin beim World-Tour-Finale – alle Erfolge stets an der Seite von Laura Ludwig, mit der zusammen sie am Sonntag in Baden-Baden wie 2016 zu Deutschlands Mannschaft des Jahres gekürt wurde. Sportlerin des Jahres wurde Biathletin Laura Dahlmeier, Sportler des Jahres der Nordische Kombinierer Johannes Rydzek.

          „Beim Saisonhöhepunkt geht man an Grenzen heran und auch darüber hinweg“, sagt Kira Walkenhorst über ihre Leidensfähigkeit zugunsten des Leistungssports, für die sie freilich einen hohen Preis zahlt, selbst in den Phasen des größten Erfolgs. „Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich beim Arzt und beim Physio verbracht habe“, sagt die Essenerin über die wichtigste Woche des abgelaufenen Jahres – die Weltmeisterschaft Ende Juli und Anfang August in Wien.

          Von außen betrachtet waren die eher zurückhaltend auftretende Kira Walkenhorst und ihre extrovertierte Partnerin Laura Ludwig als Favoritinnen bei der WM angetreten, sie kamen schließlich als Olympiasiegerinnen von Rio. Doch insgeheim rechneten beide ständig damit, auszuscheiden oder gar aufgeben zu müssen. „Wir haben jeden Tag, jeden Morgen neu entschieden, ob wir überhaupt weiterspielen können“, sagt Kira Walkenhorst mit dem Abstand von ein paar Monaten. Die rechte Schulter der Rechtshänderin „stand nicht richtig“, wie sie sagt. Das Gelenk rutschte bei harten Schlägen nach vorne, zudem plagte sie eine Sehnenentzündung. Ihr Schultergelenk musste im Laufe des Turniers „funktionsfähig“ gehalten werden.

          Eine extreme Belastung, auch für den Kopf. „Natürlich war ich nicht schmerzfrei.“ Mit links zu spielen war aber auch keine Option, zumindest nicht gegen die Weltelite. Also mussten andere taktische Varianten einstudiert werden, um die Aufgaben spielerisch lösen zu können. „Es gibt viele Ressourcen, um Punkte zu machen.“ Dazu zählen mentale Stärke, Selbstbewusstsein und der Glaube daran, das weltbeste Team zu sein.

          Schon zu Saisonbeginn hatten die beiden ungleichen, aber kongenialen Partnerinnen ungewollt variabel aufgespielt. Die 31-jährige Laura Ludwig laborierte noch an einer Schulteroperation aus dem Dezember 2016. Der Genesungsprozess zog sich. Anfang Mai, beim Auftaktturnier der nationalen Serie in Münster, konnte sie noch immer nicht schmettern. Und sie servierte ihre Aufschläge sogar von unten. Das Turnier gewannen die beiden trotzdem. Sie spielten „tricky“: variantenreich, unberechenbar, erfolgreich. „Bis Laura wieder Vertrauen hatte, richtig angreifen zu können, dauerte es sehr lange“, sagt Kira Walkenhorst. Kaum war es so weit, fiel sie selbst aus. Mehrere Wochen, mitten in der Saison. Laura Ludwig spielte übergangsweise mit Margareta Kozuch.

          „Der Dank gilt unserem Team“

          Nach Wien reisten sie trotzdem – hielten durch, blieben ungeschlagen, gewannen das Finale gegen die Amerikanerinnen Lauren Fendrick/April Ross. „Der Dank gilt unserem Team, das uns unterstützt und uns den Weg gezeigt hat“, sagt Kira Walkenhorst über Trainer, Ärzte und Therapeuten, die ihnen die Bühne bereiteten, damit sie im Scheinwerferlicht brillieren und WM-Gold gewinnen konnten. „Die Verletzungsproblematik schweißte uns noch stärker zusammen.“ Am Sonntagabend in Baden-Baden durften sie ihren Coach Jürgen Wagner ehren – er wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund als Trainer des Jahres gekürt.

          Auf Krücken zur Gala 2017: Kira Walkenhorst (r.) Bilderstrecke

          Der emotionale Höhepunkt des Jahres aber war das Weltfinale in Hamburg. Flutlichtatmosphäre, Zuschauer in Hochstimmung, Robbie Williams in voller Lautstärke: „Angels“. Ein Herzrasen-Moment. „Da haben uns die Leute eine halbe Stunde lang zugejubelt“, sagt Kira Walkenhorst, die sonst eher froh ist, wenn sie sich unerkannt ins Private zurückziehen kann: „Das hat uns sehr viel Energie gebracht.“ Beim Finale war das Stadion überfüllt, das Gelände gesperrt, Tausende guckten auf Großbildleinwänden zu. Die Sieger waren: Laura Ludwig und Kira Walkenhorst. Ob etwas Vergleichbares noch einmal passieren kann, ist unklar. „Ich hoffe, bis Sommer belastungsfähig zu sein“, sagt Kira Walkenhorst mit dem Blick nach vorne. 2018 könnte ein Übergangsjahr ohne Erfolg werden. Die nächsten Höhepunkte stehen erst 2019 und 2020 an. Dann wollen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst ihre Titel erfolgreich verteidigen: erst Weltmeister werden, danach Olympiasieger.

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