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Deutschland-Tour : Einer fürs Klassement

  • -Aktualisiert am

Tagessieger und Kandidat für den Gesamterfolg: Maximilian Schachmann Bild: dpa

Maximilian Schachmann setzt sich auf der zweiten Etappe der Deutschland-Tour durch. Damit untermauert er nicht nur seine Ambitionen auf den Gesamtsieg, sondern auch für größere Ziele.

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          Wenn ein Radsportfan im Sommer nachmittags den Fernseher bei einer Bergetappe der Tour de France einschaltet, würde er am liebsten einen deutschen Rennfahrer aussichtsreich in der Spitzengruppe kämpfen sehen. Beim Publikum – so hadert man im deutschen Radsport hinter vorgehaltener Hand – würde doch nur die Tour zählen, nur der Kampf der Rad-Giganten um die Gesamtwertung, alles sehne sich nach den Momenten, die zuletzt Jan Ullrich in seinen besten Tagen in Frankreich geboten habe. Liefern konnte die deutsche Szene schon lange keinen dieser Helden, der die Republik vor den Fernseher lockt.

          Dafür ist der Straßenradsport hierzulande aufgrund der Doping-Wirren nach Ullrich auch ziemlich tief gefallen. Die Fahrergeneration um Tony Martin, Marcel Kittel, André Greipel und John Degenkolb hat sich als nimmermüde Entwicklungshelfer in der Sache ihres Sports engagiert und verlässlich (Tages-)Erfolge geliefert. Vor allem die Sprinter Greipel und Kittel haben mit zusammen 25 Etappensiegen der Tour de France in den vergangenen Jahren eine schwarz-rot-goldene Prägung verpasst.

          Doch was kommt nach diesen Rennfahrern? Wer sind die Hoffnungsträger der Zukunft? Sind neue Siegfahrer in Sicht, sogar einer, der die deutsche Sehnsucht nach einem Rundfahrer der Extraklasse befriedigen könnte? Und das bei erheblichen Nachwuchssorgen in den unteren Altersklassen. „In den nächsten sechs bis acht Jahren haben wir einen guten Stamm, da gibt es keine großen Sorgen“, sagt Martin Wolf, Generalsekretär des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).

          Die nächste Generation profitiere von dem frischen Kredit, welche Kittel, Degenkolb und Co. eingefahren habe. Wolf sieht Kandidaten, die „Siegfahrer und Sympathieträger“ zugleich werden könnten. Pascal Ackermann (Team Bora-hansgrohe) hat sich in dieser Saison in den Vordergrund gesprintet.

          Schachmann untermauert seine Ambitionen

          Auch Maximilian Schachmann (Team Quickstep) bringt als Typ sowie als Fahrer viel Potential mit. Was der Berliner am Freitag auf der zweiten Etappe der Deutschland Tour eindrucksvoll bewiesen hat. Nach 196 Kilometern von Bonn nach Trier setzte er sich knapp vor dem Slowenen Matej Mohoric durch. Mit seinem Sieg auf der Königsetappe der viertägigen Rundfahrt untermauerte Schachmann seine Ambitionen auf den Gesamtsieg. „Ich denke schon, das ist unser Ziel, das nach Hause zu bringen“, sagte er anschließend.

          Eine Radlänge voraus: Maximilian Schachmann (r.)

          Überhaupt empfindet man die wiederbelebte Rundfahrt als immens wichtige Bühne und als Signal für die Renaissance des Räderwerks. Ackermann (24), Schachmann (24), Nico Denz (24), Jasha Sütterlin (25), Nils Politt (24), Rick Zabel (24), Max Walscheid (25), Nikias Arndt (26) – es gibt eine junge deutsche Garde, die einen festen Platz in World-Tour-Teams hat. Emanuel Buchmann (25), der sich im bergigen Terrain wohlfühlt, wird von seiner deutschen Equipe Bora-hansgrohe sogar als Kapitän in die an diesem Samstag beginnende dreiwöchige Spanien-Rundfahrt geschickt. Ein großer Vertrauensbeweis.

          Ob Buchmann – 2017 Fünfzehnter bei der Tour – indes den Punch, den Biss und die Ellenbogen hat, um in die Fußstapfen von Ullrich zu treten, bezweifeln viele. Die Last der Erwartungen, ein Fahrer fürs Gesamtklassement zu werden, schultert auch Maximilian Schachmann schon. Der Berliner hat sich in beeindruckender Manier eine Bergetappe des diesjährigen Giro d‘Italia gesichert.

          Jenen jungen Fahrern Raum und Zeit zur Entwicklung zu gewähren und sie nicht mit Erwartungen zu überfrachten – ein Balanceakt. Der bei den letzten beiden Sieg-Kandidaten nicht geklappt hat: Linus Gerdemann stagnierte irgendwann, Dominik Nerz beendete seine Karriere nach einer Reihe von Rückschlägen mit 27 Jahren. Bleibt noch Lennard Kämna, der sehr jung Profi geworden und auf sich aufmerksam gemacht hat. Auch in ihm wurde schon der kommende deutsche Rundfahr-Star gesehen. Im Frühjahr dann zog sein deutsches Team Sunweb den 21-Jährigen aus dem Radverkehr. Eine Auszeit, um wieder Kräfte zu sammeln und die Karriere neu auszurichten, hieß es. Seit Donnerstag erst sitzt Kämna wieder im Rennsattel bei der Deutschland-Tour, die bewusst auch vier deutschen Continental-Teams (dritte Kategorie) die große Bühne bereitet.

          Und was passiert aktuell bei Junioren, bei denen gerade im zehrenden Radsport die Grundlagen für eine mögliche späte Profikarriere gelegt werden? „Wir haben eine gute Spitze, aber keine Breite mehr“, sagt Günter Schabel, BDR-Vizepräsident für Leistungssport. Die Teilnehmerfelder bei den Rennen in den Nachwuchsklassen seien in den vergangenen Jahren immer weiter geschrumpft. Zwar ist man beim BDR mit der Medaillenausbeute der Spitzenkräfte zufrieden, aber die Entwicklung bereitet Sorgen. Die Probleme sind grundsätzlicher Natur – und schwer zu beheben. Denn in Sachen Sponsoreninteresse herrsche im Nachwuchsbereich „Flaute“, wie Schabel sagt. So scheuen Rennveranstalter mehr denn je Kosten und Mühen, wenn es darum geht, Radwettbewerbe auszurichten. Weil es bundesweit nur noch eine überschaubare Anzahl Rennen gibt, müssen engagierte Eltern im Jahr bis zu 30.000 Kilometer Auto fahren, um ihr Kind an Rennen teilnehmen zu lassen. Dazu kommen viele Eltern mit der Vorstellung nicht klar, dass ihre Kinder stundenlang inmitten des Straßenverkehrs trainieren. Meistens aber gilt: Nur wer in der Altersklasse U 15 schon führend ist, wird eines Tages oben ankommen. Auf Sicht droht die Schmiede von kommenden Helden nur noch auf Sparflamme zu laufen.

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