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: "Der Rummel ist mir peinlich"

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FRAGE: Wissen Sie, daß Ihr ehemaliger Klub Würzburg unmittelbar vor dem Abstieg aus der Basketball-Bundesliga steht?ANTWORT: Echt, ist es jetzt endgültig soweit? Schade. Ich würde nicht sagen, daß mir meine einstigen Würzburger völlig egal geworden sind.

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          FRAGE: Wissen Sie, daß Ihr ehemaliger Klub Würzburg unmittelbar vor dem Abstieg aus der Basketball-Bundesliga steht?

          ANTWORT: Echt, ist es jetzt endgültig soweit? Schade. Ich würde nicht sagen, daß mir meine einstigen Würzburger völlig egal geworden sind. Das ist nach wie vor der Verein, in dem ich groß geworden bin.

          FRAGE: Angeblich sind Sie und Ihr Mentor Holger Geschwindner ja dazu bereit, heißt es, Ihrem klammen Heimatklub finanziell unter die Arme zu greifen, wenn der sich in der zweiten Liga wieder mehr dem deutschen Nachwuchs widmen würde, anstatt "Legionäre" zu verpflichten.

          ANTWORT: Ja, ich bin bereit, aber nicht unter allen Umständen. Mein Plan ist es, den Kids in Deutschland zu helfen und so den Basketball wieder mehr auf die Beine zu bekommen. Unter den 15- bis 18jährigen ist mir keiner bekannt, der die Nationalmannschaft weiterbringen würde. Ich erkenne kein Nachwuchs-Konzept, und das gibt mir zu denken.

          FRAGE: Haben Sie Angst um die Zukunft des deutschen Basketballs, dessen Vorzeigefigur Sie sind?

          ANTWORT: "Angst" ist übertrieben. Für die nächsten paar Jahre haben wir ein gutes Team und mit Dirk Bauermann den richtigen Bundestrainer. Ich habe ja meine Bereitschaft zum Mitmachen klargemacht. Bei der Europameisterschaft in Serbien-Montenegro sind wir sicher gut aufgestellt, und mein großes Ziel bleibt die Olympia-Teilnahme in Peking 2008. Aber für die Zeit danach tut sich jetzt schon ein Loch auf, das mir Sorgen bereitet. Wir Basketballer dürften in Deutschland zwar nie an Fußball herankommen, sollten aber schauen, daß wir ein Markenbegriff, die Amerikaner nennen es "Haushaltsname", werden.

          FRAGE: Man erwartet sehr viel von Ihnen als Führungspersönlichkeit. Doch gerade zu Hause in Würzburg, das haben Sie unlängst beklagt, bekämen Sie "immer einen auf den Deckel", weil Sie Ihr ehemaliges Team bisher ohne Zuwendung "den Bach" hätten "runtergehen lassen" und sich nur um sich kümmern würden. Ist es so schlimm?

          ANTWORT: Ja, die Situation ist für mich nicht einfach. Ich fliege zwar gerne im Sommer zurück, es ist schließlich meine Heimat. Aber jedesmal werde ich von irgendwem irgendwo blöd angemacht, daß einem bald die Lust vergeht zu kommen. Vielleicht ist auch häufig eine Spur Neid dabei.

          FRAGE: Wäre "Neid" als Charakterzug in den Staaten ausgeschlossen? Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Amerikanern und Deutschen?

          ANTWORT: Beide Völker haben positive Seiten. Grundsätzlich aber denken die Deutschen negativer, leider erweisen sie sich oft als neidisch. Ich bin's gewohnt, ich bin ja damit aufgewachsen. Doch wenn einer in Deutschland ein teures Auto fährt, gilt er gleich als Oberprotz, während es der Amerikaner von den Gutverdienern sogar erwartet. Bei uns in der Mannschaft besitzt jeder Spieler fünf bis sechs Autos, selbst die Rookies haben schon zwei bis drei. Es wird von den reicheren Leuten geradezu verlangt, ihr Geld zu zeigen. Ich selbst bin der einzige mit nur einem Wagen.

          FRAGE: Seit Sie 19 Jahre alt sind, leben und arbeiten Sie in Dallas. Fühlen Sie sich inzwischen als Halbamerikaner?

          ANTWORT: Nein, ich fühle mich nach wie vor als Deutscher und habe nicht vor, die Staatsbürgerschaft abzugeben. Ich habe sehr gut gelernt, mit den Amerikanern umzugehen, habe im Gegensatz zur Anfangszeit kein Sprachproblem mehr und komme in jeder Lebenssituation zurecht. Aber ich lebe, anders als mein NBA-Vorgänger Detlef Schrempf, nicht amerikanisch, sondern nur den Stil der NBA; da bleibt kaum Zeit für etwas Eigenes. Die Liga dominiert unseren Lifestyle, sie sucht die Hotels aus, sie bestimmt den Plan und den Tagesablauf. Die regelmäßigen Telefonate zu meiner Familie und den Freunden in Deutschland lasse ich mir allerdings nicht nehmen. Und wenn ich mal abends in mein Haus komme und ein bißchen Freizeit habe, lege ich am liebsten die Füße hoch.

          FRAGE: Die meisten Ihrer Landsleute führen ein anderes Leben.

          ANTWORT: Ja, klar, doch ich halte mich für so normal wie immer. Ich bin 26 und ich selbst. Ich mache, was ich liebe und ich immer geliebt habe, und versuche, dabei Spaß zu haben. Daß die Leute ausflippen, weil ich den Ball offenbar einigermaßen gut in den Korb werfe, finde ich komisch, der Rummel ist mir manchmal peinlich.

          FRAGE: 70 Prozent der bei den Dallas Mavericks verkauften Souvenirs und Shirts tragen Ihren Namen und Ihre Nummer "41" - die Fans verehren Sie also, und Mavs-Geschäftsführer Don Nelson meint, man könne noch viel mehr aus und mit Ihnen machen.

          ANTWORT: Ich finde das aber trotzdem komisch, weil ich auf Gleichbehandlung Wert lege. Basketball ist schließlich ein Mannschaftssport. Beim Nationalteam hatten sie für ein Länderspiel einmal sogar nur mein deutsches Trikot mit der "14" zum Verkauf angeboten; das war richtig oberpeinlich. Ich bilde mir darauf nichts ein, und ich brauche es auch nicht, in der Werbung herumzuhüpfen. Ich habe lieber einen Tag lang frei, als einen Tag lang im Fotoshooting bereitstehen zu müssen.

          FRAGE: Wie sehen Sie Ihre Stellung im deutschen Sport, etwa verglichen mit den Fußballprofis?

          ANTWORT: Der Mehmet Scholl hat mir mal ein Trikot geschickt mit allen FC-Bayern-Unterschriften, weil ich gesagt hatte, Bayern-Fan zu sein. Das hat mich sehr gefreut. Ansonsten aber habe ich zu den meisten deutschen Sportlern eher weniger Bezug.

          FRAGE: In der Verdiensttabelle liegen Sie weit vor den Fußballprofis. Nur ein Michael Schumacher übertrifft Sie noch.

          ANTWORT: An den Michael reiche ich doch nicht heran. Was er in den letzten Jahren alles abgezogen hat, wie er die Formel1 dominiert hat, das hat es so noch nie zuvor gegeben. Ich finde gut, wie er die Sache handhabt, vom Typ her. Er ist wie ich eher zurückhaltend und fast schüchtern, mag den Rummel nicht. Entscheidend für seine Ausnahmerolle ist die Professionalität. Wenn ich sehe, daß er trotzdem noch jeden Tag drei Stunden ins Studio geht und Fitness trainiert, dann ist er für mich sogar das große Vorbild.

          FRAGE: Gleichwohl sind Sie für deutsche Kinder ein größeres Vorbild als viele andere Sportler.

          ANTWORT: Darum wollen wir die Sache mit meiner Stiftung ("Dirk-Nowitzki-Foundation") in der Heimat voranbringen. Ich bin in der glücklichen Situation, eine tolle Kindheit verbracht zu haben, und finde es supergut, wenn die wichtigen Dinge in der Familie bleiben.

          FRAGE: Das naheliegende Ziel sind jetzt erst mal die Play-offs in der NBA. Im Vorjahr sind Sie mit den Mavericks früh gescheitert, und ein großer Titel fehlt in Ihrer Karriere.

          ANTWORT: Diesmal will ich erst nach dem Finale nach Deutschland in den Sommerurlaub zurückfliegen, und ich habe ein gutes Gefühl. Wir hatten hier in Dallas schon lange kein Team mehr mit soviel Charakter. Unsere Chancen stehen gut wie nie.

          FRAGE: Das Gespräch führte Jürgen Höpfl.

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