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: Der Midas des Fußballs: Hiddink ist Gold wert

  • -Aktualisiert am

Guus Hiddink Bild: AP

In Südkorea wird er vergöttert, in Australien wird er bewundert, und in Russland wird er bestaunt. Wo Guus Hiddink, der notorische Trainer-Weltenbummler mit niederländischer Verankerung, auch hinkommt: Was er anfasst, wird zu Gold.

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          In Südkorea, wo er Ehrenstaatsbürger ist, wird er vergöttert, in Australien wird er bewundert, und in Russland wird er bestaunt. Wo Guus Hiddink, der notorische Trainer-Weltenbummler mit niederländischer Verankerung, auch hinkommt: Er ist der König Midas des Fußballs. Was er anfasst, wird zu Gold.

          Aber nicht, weil er ein Zauberer, ein Wundermann wäre, sondern weil er seinen Sport und dessen Grundlagen besser kennt und nutzt als vielleicht alle Kollegen weltweit. Hiddinks Charisma strahlt auch bei der Europameisterschaft - und das, obwohl er anders als ein José Mourinho alles andere als ein exzentrischer Selbstdarsteller ist. Wo der 61 Jahre alte Fußballlehrer mit dem ganzheitlichen Denken auch hinkam, hinterließ er ein Erbe und nicht nur Spuren, die schnell zu verwischen waren.

          Der höchstdotierte Entwicklungshelfer der Welt

          Vier Nationalmannschaften hat Hiddink in den über zwanzig Jahren seiner Karriere auf der Bank betreut, noch nie ist er bei einem großen Turnier in der Vorrunde gescheitert. Die Holländer führte er bei der Weltmeisterschaft 1998 auf Rang vier - so wie die Südkoreaner bei seinem WM-Coup 2002; mit den notorisch übersehenen Australiern scheiterte er bei der WM 2006 unglücklich im Achtelfinale am späteren Weltmeister Italien; und nun begegnet er als Anführer der russischen Nationalmannschaft im Duell mit den Niederlanden an diesem Samstag in Basel lauter Bekannten aus seiner Heimat.

          Guus Hiddink ist ein Profi mit dem sensiblen Gespür dafür, was Spieler brauchen und dürfen. „Im Training und im Spiel verlangt er Disziplin“, sagt Hiddinks Stürmerstar Andrej Arschawin, „aber außerhalb werden wir nicht mehr ständig kontrolliert.“ Ein Geheimnis für die Magie des weltläufigen Niederländers ist seine Fähigkeit, aus hochbezahlten Befehlsempfängern selbständig und selbstbewusst handelnde Fußballunternehmer zu machen.

          Die Koreaner hat er in die Neuzeit des Fußballs geführt

          „Fußball“, sagt Hiddink, „ist kein Trainerspiel, vielmehr müssen sich die Spieler auf dem Platz selber coachen.“ Wissen, was gerade gefragt ist, tun, was situativ nötig ist - und das aus einem freien Geist: Dieses Grundprinzip seiner Arbeit versteht Hiddink wie kaum ein Kollege sonst auf seine Teams zu übertragen. Die Koreaner, aufgewachsen in einer streng hierarchisch regulierten Gesellschaft, hat er auf diese Weise nicht nur in die Neuzeit des Fußballs geführt.

          Park Si-jung, einer seiner WM-Spieler vor sechs Jahren, ist heute eine Größe beim Champions-League-Gewinner Manchester United. Er sagt: „Ohne Hiddink wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Er hat mit dem, was er gepredigt hat, mein Leben von einer Minute auf die andere verändert. Er ist mein Meister. Ich verdanke ihm alles.“

          Den Australiern führte dieser höchstdotierte - derzeit mit 2,5 Millionen Euro im Jahr - Entwicklungshelfer der Welt zu der beflügelnden und flugs in die Tat umgesetzten Erkenntnis, viel besser zu sein als vorher geglaubt. Die Russen, von ihren Trainern früher in altsozialistischer Manier geschurigelt, hat Hiddink, Sputniks gleich, auf seine Umlaufbahn gebracht - heraus aus dem Muff, heraus aus dem inzwischen zwei Jahrzehnte währenden internationalen Mittelmaß.

          1988 hatten sie zuletzt, damals noch im Namen der Sowjetunion, von sich reden gemacht, als eine ähnlich spielstarke Sbornaja wie heute erst im Finale der EM in der Bundesrepublik Deutschland 0:2 an den Niederlanden gescheitert war. Heute sagt Hiddink beim Blick auf die Zukunft: „Russland ist mit seinen 140 Millionen Menschen ein Riesenland, Russland kann eines Tages eine Spitzenmacht des Fußballs werden.“

          Die russische Auswahl ist die jüngste der EM

          Eines Tages? Sollten an diesem Samstag die Sterne günstig stehen, funkelt Russlands Glanz schon jetzt. Denn Hiddink schickt die im Schnitt mit 26 Jahren jüngste Auswahl dieser EM in ein Rennen, bei dem die manchmal traumwandlerisch sicher kombinierenden Arschawin, Pawljutschenko, Schirkow oder Syrjanow ihren Gegenspielern meist einen Schritt voraus sind.

          Die Russen, wie alle Hiddink-Teams konditionell auf den Punkt fit, können den bisher unangreifbaren Niederländern überaus gefährlich werden. Weil Hiddink eine aufstrebende Klasse neuer Fußballstars um sich geschart hat, die im Turbotempo dazugelernt hat.

          „Wir müssen das Momentum nutzen“

          Wie groß sein Aufbauwerk in Russland jetzt schon ist, weiß Hiddink genau. Werden letzte pekuniäre und steuerliche Fragen geklärt, wird der Niederländer mindestens bis 2010 in der Gesamtverantwortung für die Entwicklung des russischen Fußballs bleiben. Bezahlt von den Millionen, die der Fußballfan, Chelsea-Mäzen und Russland-Patriot Roman Abramowitsch in die neugegründete Nationale Fußball-Akademie gesteckt hat, und gestützt von den Mächtigen des Landes, Präsident Medwedjew und Ministerpräsident Putin vorneweg, ist auch Hiddink inzwischen zu einem Machthaber im russischen Sport aufgestiegen.

          Und deshalb engagiert er sich wie an all seinen Stationen auch für nachhaltige Projekte wie Nachwuchsförderung, Errichtung von Leistungszentren und ein modernes Scouting-System. „Wir müssen das Momentum nutzen“, hat der große Reformer gefordert, „um die Infrastruktur zu verbessern.“ Dass er dabei mit missgünstigen alten Seilschaften zu kämpfen hat, ist Guus Hiddink längst bewusst. Doch so wie er die Nationalmannschaft personell umgekrempelt und verjüngt hat, scheint er auch den Kampf gegen die Bürokraten gewinnen zu können - dank der Unterstützung von ganz oben und dank der Magie des missionarisch beseelten und dafür golden entschädigten Midas des Fußballs.

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