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Der Bundesliga-Kommentar : Und jetzt mal alle zusammen

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Wahrscheinlich haben sie in Ostwestfalen einfach mehr Ahnung vom Fußball als im Ruhrgebiet, wissen, was empfindsame, verletzliche Profiseelen brauchen: Nestwärme, Heimatgefühl, dazu uneingeschränkt Vertrauen und Rückhalt.

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          Wahrscheinlich haben sie in Ostwestfalen einfach mehr Ahnung vom Fußball als im Ruhrgebiet, wissen, was empfindsame, verletzliche Profiseelen brauchen: Nestwärme, Heimatgefühl, dazu uneingeschränkt Vertrauen und Rückhalt. "Spieler & Fans. Gemeinsam ein Ziel" und - für die etwas Weltläufigeren in der Region OWL - "All together now", so hießen die Botschaften, mit denen sich Mannschaft und Anhänger von Arminia Bielefeld gegenseitig bestärkten, um sodann die hocheingeschätzten Nürnberger niederzuringen. Es wirkt zwar ein wenig bieder, wie man in Bielefeld Zusammenhalt kreieren will - etwa mit "Strick it like Inge", einem Strick-Wettbewerb für das Design eines neuen Fan-Schals. Aber was soll man sich lustig machen über vermeintlich provinzielle Einfälle - wenn sie doch wirken!

          "Diese Mannschaft braucht die Unterstützung der ganzen Region. Viele Menschen reden immer davon, wie wichtig der Bundesliga-Fußball ist. Jetzt können es alle beweisen. Wir müssen jetzt die Kräfte bündeln. Es ist eine schwierige Situation, in der Mannschaft und Zuschauer als Einheit auftreten müssen." Das ist so oder so ähnlich schon Tausende Male gesagt worden, gerade so, als stünden diese Sätze im Unterrichtsmaterial für angehende Fußball-Lehrer. Zurzeit haben sie wieder Hochkonjunktur, in einer Situation, in der die halbe Bundesliga am Abstiegskampf teilnehmen muss.

          Der unergründliche Zauber der Parolen und Phrasen soll Wunder ermöglichen - nicht bloß am Tabellenende. Aber was machen sie da in Gelsenkirchen? Pfeifen auf ihr Team! Wütender Protest statt kuscheliger Nestwärme. Zlatan Bajramovic attestierte daraufhin den Zuschauern nach der Schalker Heimniederlage gegen den Hamburger SV, sie hätten an diesem Abend nicht besonders viel Fußballverstand bewiesen. Und was meinte er wohl damit: etwa, dass es diese Fans nicht wert seien, sich für sie anzustrengen? Dass es diesem Publikum am Ende recht geschehe, zu leiden und zu trauern, wenn Schalke wieder nicht Meister werde? Mal sehen, wie es dem Klub gelingt, dieses atmosphärische Zerwürfnis aus der Welt zu schaffen.

          Ahnung von der Materie oder nicht - das ist ja oft ein Streitfall: Darf ein Theaterbesucher eine Aufführung schlecht finden ohne Regieausbildung, kann ein Konzertgast ohne Konservatoriumsabschluss das Orchester kritisieren? Warum eigentlich nicht? Der Kunde zahlt und schweigt, wenn es ihm nicht gemundet hat? Nie und nimmer. Wenn der Braten versalzen ist, kommt schließlich auch nicht der Koch aus der Küche, um seinen Gast zu beschimpfen. In den besseren Häusern zumindest wird das so gehalten. Und die Schalker Arena ist doch auch keine Pommesbude, wo man weggejagt wird, wenn man sich über ein Tütchen ranziger Ware empört.

          Eine gefestigte Mannschaft setzt sich auch ohne Fanunterstützung oder gar trotz einer feindseligen Stimmungslage durch. Ein selbstsicherer Spieler lässt sich durch die veröffentlichte Meinung nicht ins Bockshorn jagen. Den Schalker Seelchen würde im Moment wohl nicht mal ein schöner neuer dicker Schal helfen.

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