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Der Bayern-Kommentar : Der Blick zurück

Sehnsucht nach Vergangenem: die Bayern-Fans hatten beim Spiel gegen Barcelona einige Vorschläge parat Bild: ddp

Die nostalgisch-konservative Melange der Bayern-Fans aus aktueller Unzufriedenheit und Sehnsucht nach Vergangenem sagt etwas über die Gesamtlage beim größten deutschen Fußballbetrieb. Das bajuwarische Selbstbild, geprägt von Stärke auf der Führungsebene, droht verlorenzugehen.

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          Immerhin war es ein konstruktives Misstrauensvotum. Die Fans des FC Bayern brachten ihren Unmut in den letzten Minuten des Barcelona-Spiels nicht nur mit Destruktivforderungen („Klinsmann raus“, „Vorstand raus“) zum Ausdruck. Sie hatten auch gleich eine Reihe von Vorschlägen parat, wer den Klub in eine bessere Zukunft führen könne. Ottmar Hitzfeld wurde als „der beste Mann“ besungen, und auch Hermann Gerland, Oliver Kahn und Mehmet Scholl gehörten zu denen, die beim Publikum offenbar mehr Kredit genießen als die aktuelle Führung.

          Man sollte das Votum der Basis gewiss nicht überschätzen, dazu wirkt sie oft zu sehr auf sich selbst und das eigene Amüsement fixiert (anders sind die Namen Matthäus und Lattek in diesem Zusammenhang nicht zu erklären). Und doch verrät die nostalgisch-konservative Melange aus aktueller Unzufriedenheit und Sehnsucht nach Vergangenem etwas über die Gesamtlage beim größten deutschen Fußballbetrieb.

          Das bajuwarische Selbstbild droht verlorenzugehen

          Dass nämlich, erstens, die Trainerdebatte trotz zwischenzeitlicher Beruhigung noch längst nicht ausgestanden ist. Und dass, zweitens, über all die Diskussionen um die Person Klinsmann etwas viel Wertvolleres verlorenzugehen droht: das bajuwarische Selbstbild, das bislang durch Stärke auf der Führungsebene geprägt war.

          Das bajuwarische Selbstbild - geprägt von Stärke auf der Führungsebene - droht verlorenzugehen. Die Schwestern der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz schienen über ihren Besuch bei Uli Hoeneß nach dem Aus in der Champions League allerdings durchaus zufrieden
          Das bajuwarische Selbstbild - geprägt von Stärke auf der Führungsebene - droht verlorenzugehen. Die Schwestern der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz schienen über ihren Besuch bei Uli Hoeneß nach dem Aus in der Champions League allerdings durchaus zufrieden : Bild: ddp

          Nicht nur den Radikalreformer Klinsmann hat man bei einem Teil der Anhänger über, auch Vorstandschef Rummenigge, Manager Hoeneß und Präsident Beckenbauer genießen nicht mehr uneingeschränktes Vertrauen - vor allem, weil ihnen die Orientierung abhandengekommen zu sein scheint. Das Schweigen in der Frage, wie es mit Klinsmann weitergeht, ist zwar professionell. Die Art und Weise aber, wie vorher mit verschiedenen Zungen gesprochen wurde, war es nicht. Auch manche Einlassung zur Frage der Hoeneß-Nachfolge zeugt eher von Unsicherheit und Zukunftszweifeln als von Souveränität. Es passte, dass Beckenbauer nun sogar behauptete, er könne sich auch mit Platz zwei in der Bundesliga anfreunden.

          Und was wäre die Alternative?

          Die Kluboberen werden die selbst auferlegte Sendepause also auch nutzen, um sich intern Klarheit zu verschaffen über die entscheidenden Fragen: Wofür will der FC Bayern stehen? Ist der Zeitpunkt tatsächlich schon gekommen, das Projekt Klinsmann zu beenden? Und was wäre die Alternative? Klinsmann wies nicht zu Unrecht darauf hin, dass auch das große Vorbild Barcelona nicht an einem Tag erbaut wurde.

          Man habe das Votum der Basis zur Kenntnis genommen, sagte Hoeneß am Dienstag. Befolgen muss man es deshalb noch nicht. Auch bei den um Orientierung ringenden Bayern weiß man, dass der verklärte Blick in die Vergangenheit nicht automatisch auch als Zukunftsmodell taugt.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

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