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: Demütig geht Österreich wieder in die Knie

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BORMIO. Die Zahl derer, die vorgaben, immer an ihn geglaubt zu haben, potenzierte sich von einer Sekunde zur anderen ins Unendliche. Plötzlich gab es niemanden mehr, der sich erinnern konnte, doch neulich noch gelästert zu haben.

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          BORMIO. Die Zahl derer, die vorgaben, immer an ihn geglaubt zu haben, potenzierte sich von einer Sekunde zur anderen ins Unendliche. Plötzlich gab es niemanden mehr, der sich erinnern konnte, doch neulich noch gelästert zu haben. Keine Spur mehr von der Kritik, Hermann Maiers Aufstellung in der Abfahrt sei angesichts seiner Weltcupergebnisse in diesem Winter ungerechtfertigt gewesen. Ganz Österreich, so scheint es seit Donnerstag, hat einen seiner größten Söhne, besser noch seinen größten Sohn, wieder fest ins Herz geschlossen. Aus der zuletzt zwiespältigen Liebe war plötzlich und aufs neue eine innige Beziehung geworden. Demütig gingen seine Landsleute in die Knie, als sich der Meister nach einem vierten Platz im Superriesenslalom und einem völlig unstandesgemäßen 17. Rang in der Abfahrt doch wieder als der Größte präsentiert hatte und ihnen gelassen ein paar Worte zum Nachdenken mitgab. "Auch Niederlagen sind ganz interessant. Man kann da genau beobachten, wie jeder darauf so reagiert", sagte Hermann Maier, der neue Riesenslalom-Weltmeister.

          Vergessen hat er vermutlich nichts, und möglicherweise erkannte Maier sogar, welche Schleimspur mancher seiner Gratulanten am Donnerstag hinterließ. Schon im Dezember war der Flachauer sauer darüber gewesen, daß seine einzigartige Erfolgsgeschichte in der Heimat nicht mehr ausreichend gewürdigt wurde. Bei der Wahl zum "Sportler des Jahres" hatte er nur den zweiten Platz belegt, obwohl er im Winter zuvor doch in der ersten kompletten Saison nach seinem Motorradunfall ein spektakuläres Comeback hingelegt hatte, das niemand so erwarten konnte. Maier, der Halbinvalide, hatte den Gesamtweltcup gewonnen, aber die Wahl der Sportjournalisten fiel auf den Schwimmer Markus Rogan, Silbermedaillengewinner von Athen. "Das gibt's wohl nur in Österreich, daß ein Zweiter Sportler des Jahres wird", sagte Maier und machte sich nicht die Mühe, seinen Groll darüber zu verbergen.

          Nun ist Maier wieder obenauf, aber er ist nie so richtig zu fassen. Diesen Triumph genoß er eher still, nach innen gekehrt. Ausgerechnet er, der schon so viele große Sprüche gemacht hat, zeigte sich nachdenklich. Selbst ein Karriereende schloß er nicht aus. "Wer weiß, Turin ist noch so weit weg", sagte Maier. Dabei hatte er doch vor ein paar Wochen noch gesagt, weil er vor vier Jahren Salt Lake City verpaßt habe, sei 2006 sein großes Ziel.

          Seine Zeit sei vorbei, hatte ihm Christian Neureuther zuletzt in einer Zeitungskolumne attestiert. Ob sich ein ARD-Experte, der als sechsmaliger Sieger von Weltcuprennen bei einem Großereignis nie etwas gewonnen hat, sich dies gegenüber einem dreimaligen Gesamt-Weltcupsieger, Doppel-Olympiasieger und Doppel-Weltmeister anmaßen sollte? Über den Deutschen lächelt nun ganz Österreich mitleidig, dabei hatte Neureuther doch nur schreiben lassen, was viele dachten. Vielleicht denkt Maier das sogar selber manchmal. "Der Riesenslalom macht nicht mehr so viel Spaß wie früher, man muß die Tore irrsinnig direkt anfahren. Die Linie, die Bode Miller oder Benjamin Raich fahren, die kann ich nicht halten", sagt er.

          Natürlich nicht, weil es nie mehr so sein wird wie früher. Wie vor dem Unfall, als Maier die Szene beherrscht hatte, mit einer Leichtigkeit Siege einfuhr und sich mokierte, er habe so viele Fehler gemacht. So wird es nie mehr sein, und Maier betont dies gerne und häufig. Er klingt dann stets so, als setze er wie selbstverständlich voraus, daß es ohne seinen Unfall nie anders geworden wäre, daß er die Konkurrenz immer noch nach Belieben beherrschen würde. "Es ist nicht mehr wie früher, ich muß für so einen Sieg alles geben, was in mir steckt", sagt Maier, der wegen seines lädierten Beins seinen Fahrstil hat ändern müssen. So aggressiv wie einst kann er nicht mehr fahren. Das bedeutet nicht, daß er dann und wann nicht so erfolgreich wie früher sein kann, manchmal sogar erfolgreicher. "Selbst in meinen besten Zeiten bin ich nicht Riesenslalom-Weltmeister geworden", sagt er.

          Ob er wirklich nach diesem Winter die Skischuhe in die Ecke stellt und sich Olympia entgehen läßt? Kaum vorstellbar, vor allem wohl, wenn einer Österreicher ist. Aber nur Maier kann wissen, wieviel Kraft und Energie es ihn kostet, trotz seines Handikaps vorne mitfahren zu müssen. Was bleibt noch an Zielen? Er hat schon fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, und Slalomfahrer wird er ja wohl nicht mehr werden. "Das gehört zur Persönlichkeitsentwicklung, daß man Niederlagen wegstecken können muß", sagt er. In seinem Fall auch Siege. PETER PENDERS

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