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Daum-Prozess : Liga über Drogengerüchte lange vorher informiert?

  • Aktualisiert am

Wer wusste was über Christoph Daum? Bild: dpa

Bevor Christoph Daum Bundestrainer werden sollte, haben Vertreter der Liga offensichtlich von den Drogengerüchten über Daum gewusst.

          Vertreter der Fußball-Bundesliga haben mit großer Wahrscheinlichkeit bereits vor der geplanten und später gescheiterten Berufung Christoph Daums zum Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft Ende September 2000 von den Drogengerüchten über den 48-Jährigen gewusst.

          Der Spielervermittler Hans Hägele sagte während des 22. Prozesstages vor dem Landgericht Koblenz als Zeuge aus, dass er bereits am 26. August 2000 mit Manager Dieter Hoeneß vom Bundesligisten Hertha BSC Berlin über Daums mutmaßlichen Kokain-Konsum gesprochen habe.

          „Informationen nicht neu“

          „Wenn Dieter Hoeneß in diesem Gespräch nicht nachgefragt hat, kann das eigentlich nur bedeuten, dass die Informationen nicht neu waren“, erklärte DFB-Prozessbeobachter Heinz Fink am Dienstag am Rande der Verhandlung.

          „Meine Überzeugung, dass Daum Kokain konsumiert hat, basierte auf Körperreaktionen von Herrn Daum, aber auch auf Behauptungen anderer. Mit Uli Hoeneß hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht darüber unterhalten“, erklärte der als Zeuge geladene Hägele. Hägele selbst soll im August 2000 nach eigenen Angaben von einem früheren Zuhälter eine Warnung für Daum erhalten haben, dass das Telefon des Hauptangeklagten und mutmaßlichen Drogenlieferanten von Daum abgehört worden sei.

          Überraschung der Liga gespielt?

          Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß hatte den „Fall Daum“ schließlich am 1. Oktober 2000 ins Rollen gebracht. Während in diesem Zusammenhang erstmals auch die Worte über einen „verschnupften Daum“ fielen, hatten sich die übrigen Bundesliga-Vertreter allerdings von der damaligen Entwicklung - zumindest öffentlich - noch überrascht gezeigt. War die Überraschung der Liga also nur gespielt?

          Nach der anschließenden positiven Haaranalyse war Daum, dem der unerlaubte Erwerb von Kokain in 63 Fällen und die Anstiftung zum Kauf von 100 Gramm der Droge zur Last gelegt wird, als Trainer des Bundesligisten Leverkusen zurückgetreten und sein Traum als Bundestrainer geplatzt.

          Fragwürdige Vernehmungsmethoden

          Unterdessen warfen Hägeles Aussagen am Dienstag ein fragwürdiges Licht auf die Vernehmungsmethoden der Oberstaatsanwaltschaft. Nach der Schilderung Hägeles soll Oberstaatsanwalt Horst Leisen ihn bei der Vernehmung „unheimlich unter Druck“ und „ganz schön in die Enge getrieben“ haben.

          „Wenn Sie nichts sagen wollen oder sich nicht erinnern können, lasse ich Sie den Haftrichter vorführen“, soll Leisen laut Hägele gedroht haben. Daums Verteidiger Dr. Ralph Mayer wertete dieses Verhalten als „nötigende Angriffe“.

          Daum fühlt sich in Würde verletzt

          Nach der ersten „Doppel-Verhandlung“ am Montag und Dienstag im seit fast einem halben Jahr andauernden Prozess gegen den Trainer des türkischen Erstligisten Besiktas Istanbul war die Beziehung zwischen Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern sowieso schon „vergiftet“.

          „Ich fühle mich wirklich in meiner Würde verletzt“, erklärte ein sichtlich angegriffener Daum, nachdem pikante Details aus seinem Privatleben breitgetreten wurden. So waren der Zeugin Heiderose Hoffmann, Frau des früheren Fußballprofis von Bayern München, Willi Hoffmann, vom Gericht Äußerungen aus polizeilichen Vernehmungsprotokollen vorgehalten worden, die das Ansehen der Lebensgefährtin Daums nachhaltig schädigen könnten.

          „Ich kann vieles nicht verstehen. Ich bin für Aufklärung, aber so etwas gehört nicht hier her“, sagte Daum, der in einer Verhandlungspause stark erregt auf die Vorgänge reagierte. Sein Anwalt Rolf Stankewitz warf dem Gericht unter Vorsitz von Ulrich Christoffel vor, überflüssige Dinge zu verwenden, „die geeignet sind, die Person meines Mandanten und seiner Lebensgefährtin zu beschädigen.“

          Der Prozess wird am Montag (18. März) fortgesetzt.

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