https://www.faz.net/-gtl-83s3m

Darmstädter Image : „Die 98er sind besser als Hochglanzbroschüren“

  • -Aktualisiert am

Erst Bierdusche, dann kalte Dusche? Oberbürgermeister dementierte inzwischen, dass Schweinsteiger und Co. beim Auswärtsspiel bei den 98er womöglich kalt duschen müssten. Bild: Wonge Bergmann

Der Erfolg der Lilien wirkt sich auch auf das städtische Marketing aus. Die Stadt überlegt schon, wie dem sportlichen Aufstieg auch ein touristischer Aufschwung folgt. Wie Darmstadt nach einem neuen Image sucht.

          2 Min.

          Anja Herdel hat am Sonntag einen Millionengewinn gemacht. Die Leiterin des Stadtmarketings spielte zwar kein Lotto. Aber was Besseres als der Aufstieg des SV Darmstadt 98 in die Erste Bundesliga hätte ihr nicht passieren können. „Das ist ein Aufstieg wie aus dem Bilderbuch. Das wird uns im Stadtmarketing Welten öffnen“, sagte Herdel. In den nächsten Wochen will sie mit ihren Mitarbeitern besprechen, wie der sportliche Erfolg in einen touristischen Aufschwung umgemünzt werden kann, insbesondere an den Wochenenden, an denen die werktags meist ausgebuchten Hotels der Stadt noch Kapazitäten frei haben. Dass die Chancen dafür gut stehen, weiß Herdel von ihrem Tourismuskollegen aus Paderborn, der sich nach dem Abstieg seiner Mannschaft nun auch neu orientieren muss.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Jochen Partsch (Die Grünen) hat jedenfalls schon gerechnet. Wollte man den Imagegewinn für Darmstadt durch den Höhenflug der Lilien messen und den Kosten für eine klassische Werbekampagne mit Anzeigenschaltungen und Rundfunkspot gegenüberstellen, dann wäre sicherlich ein „veritabler Millionenbetrag“ aufzurufen, sagt der Oberbürgermeister. Die 98er seien „pures „Marketing“. Keine Hochglanzbroschüre könne den Geist der Stadt besser verkörpern. Deshalb seien auch die geplanten Investitionen in den Umbau des Merck-Stadions am Böllenfalltor „gut angelegtes Geld“.

          Stadion sei alt, aber bundesligatauglich

          So ganz auf Hochglanz sind die Lilien noch nicht poliert. Insbesondere in ihrem Stadion weht weiter ein besonders nostalgischer Geist. Darmstadts Oberbürgermeister sah sich inzwischen genötigt, die grausame Nachricht zu dementieren, Schweinsteiger und Co. müssten bei ihrem ersten Auswärtsspiel in der nächsten Saison womöglich bei den 98er kalt duschen. Lilien-Torhüter Christian Mathenia hatte dem FC Bayern in aller südhessischen Direktheit schon einmal „Viel Spaß!“ dabei gewünscht. Partsch sagte dazu dem Hessischen Rundfunk, das Merck-Stadion sei zwar ein altes, aber bundesligataugliches Stadion. Für den Start in der ersten Liga gebe es keine Schwierigkeiten, da die Voraussetzungen dafür schon im vergangenen Jahr geschaffen worden seien. Jetzt gelte es, nur noch wenige Auflagen zu erfüllen.

          Die Modernisierung der Traditionsspielstätte, deren Bilder künftig in so vielen deutschen Wohnzimmern zu sehen sein werden, ist gleichwohl unausweichlich und so dringlich, dass der Magistrat schon heute über den Vorentwurf des Bebauungsplans „Sportpark Böllenfalltor“ entscheiden wird. Über das weitere Vorgehen will der Oberbürgermeister am Nachmittag die Öffentlichkeit informieren. Die Stadion-Modernisierung ist zwar vor allem eine bauliche Angelegenheit, sie tangiert aber auch das Selbstverständnis des Vereins und damit die „Werbebotschaft“ der Lilien.

          Die ehrlichen Kicker aus der Provinz

          Partsch hatte ihr Image in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit den Eigenschaften „Arbeitsethos, Leidenschaft und Begeisterung der Fans“ umschrieben. Rund 1000 Fußballanhänger aus dem Fanbündnis hatten sich zu diesem Punkt am Sonntag zu Wort gemeldet, als sie zum Stadion gingen und mit der Forderung demonstrierten, weder dürfe die Zahl der preiswerten Stehplätze reduziert noch dürfe der Charakter der Gegengeraden verändert werden. Dass es zwischen Fans und Verein darüber unterschiedliche Auffassungen gibt, räumte der Oberbürgermeister ein. Ob sie inzwischen behoben werden konnten, wird man heute erfahren.

          Bleibt die Werbebotschaft der Lilien vor allem die von ehrlichen Kickern aus der Provinz, die mit kleinem Budget, großem Teamgeist und treuen Fans die Fußballwelt verändern? Für Herdel wird diese Frage nicht im Mittelpunkt stehen. Bei der bevorstehenden Modifizierung des städtischen Marketings muss sie vor allem überlegen, wie sie Darmstadt als mögliche Weltkulturerbe-Stätte und Stadt einer Landesgartenschau mit dem Image der „Wissenschaftsstadt“ und dem sportlichen Erfolg der Lilien unter einen Hut bringt. Am zweiten Tag nach Darmstadts Pfingstmärchen ist bislang nur eines klar: Eine schönere Marketingaufgabe kann es kaum geben. 

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In der indischen Stadt Ahmedabad nimmt ein Arzt einen Abstrich von einem möglicherweise erkrankten Patienten.

          Indien : Die Apotheke der Welt öffnet ihre Tür

          Nach den Drohungen des amerikanischen Präsidenten exportiert Indien nun doch wichtige Corona-Medikamente an bedürftige Länder. Die Tür zur Apotheke der Welt ist aber nur einen Spalt breit geöffnet.
          Graffiti im belgischen Wetteren: Wer muss sich wie schützen, wenn der Shutdown vorbei ist?

          Sicherheit vs. Freiheit : Was kommt nach dem Shutdown?

          Welcher Weg führt aus dem strengen Corona-Regime zurück zur tätigen Gesellschaft? Darüber muss jetzt diskutiert werden, fordert der Jurist Hinnerk Wißmann in seinem Gastbeitrag – und soziale Differenzierung ist eine Antwort.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.