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Bundesliga-Countdown (12): Kaiserslautern : Das Märchen aus der Pfalz

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Nach trostlosen Jahren will sich der 1. FC Kaiserslautern wieder in der Bundesliga etablieren - trotz wenig Geld und vieler Abgänge. Vielleicht taugt ein Sieg in Osnabrück als Gründungsmythos für den Klassenerhalt des Traditionsklubs. Teil 12 des FAZ.NET-Bundesliga-Countdowns.

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          Der Freitagabend ist so recht nach dem Geschmack von Marco Kurz verlaufen. Der Trainer des 1. FC Kaiserslautern hatte sich einen schwierigen Saisonauftakt im DFB-Pokal wie den hart erkämpften 3:2-Sieg nach Verlängerung beim Zweitligaaufsteiger VfL Osnabrück fast schon herbeigesehnt. Im Vorjahr hatte sich sein Team in der ersten Runde des Vereinspokals ähnlich quälen müssen, um schließlich bei Eintracht Braunschweig (1:0) das Weiterkommen zu schaffen. Der Sieg wird noch heute als Geburtsstunde der Lauterer Aufstiegsmannschaft glorifiziert.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Zittersieg von Osnabrück soll nun für einen neuerlichen Gründungsmythos taugen, der den Aufsteiger im Abstiegskampf der Bundesliga ans Ziel führen soll. „Wir haben zwar lange nicht ansatzweise das spielerisch umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben“, sagte der Trainer zur dürftigen Vorstellung seiner Mannschaft, die sich erst in der dritten Minute der Nachspielzeit durch einen Treffer von Srdjan Lakic in die Verlängerung und dank zweier Tore des österreichischen Neuzugangs Erwin Hoffer in Runde zwei rettete. „Aber so ein Spiel kann eine Initialzündung sein für den Kampf um den Klassenerhalt.“ Kurz erwartet, dass die Saison viele engen Situationen bringen wird wie am Freitagabend.

          Mit dieser realistischen Einstellung passt der 41 Jahre alte ehemalige Bundesligaprofi derzeit nahezu perfekt in die Pfalz, wo nicht mal der kühnste Optimist von einer Wiederholung des Coups von 1998 träumt. Damals wurde der FCK nach seinem ersten Wiederaufstieg sofort deutscher Meister. Nach einem denkbar tristen Jahrzehnt mit dem Absturz vom Thron des deutschen Meisters bis hinab in die tiefsten Niederungen der Zweitklassigkeit hat Kurz den viermaligen deutschen Meister und zweimaligen DFB-Pokalsieger in seinem ersten Dienstjahr am einst so mystischen Betzenberg zurückgeführt in die Erstklassigkeit. Er hat die Rückkehr nach vier Jahren im Unterhaus mit Realitätssinn und Vertrauen in eine kleine Gruppe an Leistungsträgern bewerkstelligt. Der gesamte Defensiv-Verbund samt Torwart stand beispielsweise in 32 der 34 Begegnungen unverändert zusammen in der Startformation. „Wir waren im vergangenen Jahr eine sehr kleine Gruppe und hatten viel Glück mit der Gesundheit meiner Spieler“, sagt Kurz. „Wenn zwei oder drei Leistungsträger ausgefallen wären, hätte die Saison ganz anders enden können.“

          Stefan Kuntz: Motor des Pfälzer Aufschwungs
          Stefan Kuntz: Motor des Pfälzer Aufschwungs : Bild: dpa

          Sie ist aber glücklich geendet und fügte sich somit in das Märchen vom Dornröschen aus der Pfalz, das vom „Prinzen“ Stefan Kuntz in seinen nun zwei Jahren als Vorstandschef wieder wachgeküsst worden ist. Der ehemalige FCK-Torjäger und Europameister von 1996 hat womöglich seine Lebensaufgabe gefunden, nachdem er zuvor als Manager beim VfL Bochum in der Branche noch als ein Leichtgewicht gehandelt wurde. In Kaiserslautern aber hat Kuntz seine Meisterprüfung abgelegt, indem er die verlorenen Sympathien der Pfälzer wieder zurückerobert hat. „Ich freue mich riesig auf die Bundesliga, weil die FCK-Familie bereit ist für diese schwere Aufgabe“, sagt Kuntz. Der 47 Jahre alte Vorstandsvorsitzende weiß nicht nur um die extreme sportliche Prüfung, die dem personell wohl am schwächsten besetzten Kader der Bundesliga bevorsteht – das Aufstiegsteam hat mit Sam, Jendrisek und Mandjeck drei seiner Besten verloren und sich mit Spielern wie Hoffer (Neapel), Christian Tiffert (Duisburg), Oliver Kirch (Bielefeld) oder Chadli Amri (Mainz) nur in der Breite verstärkt. Kuntz bekennt sich zudem zu den finanziellen Eskapaden der vorherigen Vorstände. Die hatten vor allem unter der Regentschaft von Jürgen „Atze“ Friedrich im Größenwahn nach der Meisterschaft von 1998 für aberwitzige Summen Weltstars wie den Franzosen Youri Djorkaeff in die Pfalz gelockt und sich auf den überteuerten Ausbau des Betzenbergs zum WM-Stadion eingelassen. Bis heute stöhnt der Klub unter den Altlasten und bringt deshalb mit 13,5 Millionen Euro einen der kleinsten Personaletats der Liga auf. „Wir brauchen zwei Jahre Bundesliga, um uns von diesen Lasten zu befreien“, sagt Kuntz.

          Solange die Kasse noch leer ist, verfolgt der Siebenundvierzigjährige nun nach wie vor beharrlich den Weg, den Klub von den Skandalen der vergangenen Jahre zu befreien, um die ruhmreiche Tradition wieder in den Vordergrund zu rücken. Dazu passt, dass der Verein im Oktober auch ohne die vorgesehene Unterstützung der klammen Stadt sein Fritz-Walter-Museum zu Ehren des größten Vereinshelden in abgespeckter Version eröffnet. Mehr als ein gutes Omen dürfte auch sein, dass im Vorstand künftig ein junger Fritz mithilft, die Finanzen zu ordnen. Der 33 Jahre alte Fritz Grünewalt, der seinem Namensvetter an seinem 13. Geburtstag am Tag nach dem Pokalsieg von 1990 in Berlin die Hand schütteln durfte, war zuletzt unternehmerisch tätig und soll die Brücke in eine finanziell solide Zukunft schlagen.

          Die Basis dafür muss freilich Kurz beginnend mit dem Auftaktspiel in Köln legen. Der Trainer, der in seinen Lehrjahren beim Zweitliga-Krisenklub 1860 München den Umgang mit schwierigen Situationen lernte, will dabei mit seiner an Werktagen so ruhigen und am Spielfeldrand umso emotionaleren Art vorangehen. „Es ist jedem von uns klar, dass wir in jedem Spiel ans Limit gehen und zugleich im Saisonverlauf Ruhe bewahren müssen“, sagt Kurz. „Da müssen uns die Fans auch in kritischen Situationen einfach vertrauen.“ Des Vertrauens seines Vorgesetzten kann Kurz derweil gewiss sein. Kuntz verlängerte den Vertrag des Fußballlehrers noch vor dem Pokalsieg in Osnabrück vorzeitig bis 2012.

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