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Bundesliga-Countdown (11): Hannover : Gequälter Optimismus

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Bild: FAZ.NET

Sie haben sich zur Vergangenheitsbewältigung entschlossen. Sie wollen attraktiver spielen als zuletzt. Und sie hoffen auf eine ruhigere Saison. Doch es wird schwer für Hannover 96. Teil 11 des Bundesliga-Countdowns.

          Über das gestellte Bild mit einer erhofften Symbolkraft mussten beide lachen. Eine Woche vor dem Saisonstart der Fußball-Bundesliga saßen Jörg Schmadtke und Mirko Slomka Schulter an Schulter auf einem Podium und wollten den Fans noch einmal so richtig Mut machen. „Wir arbeiten gemeinsam an Hannover 96. Aber dafür muss ich mich nicht ständig mit dem Trainer öffentlich verbrüdern“, sagte der Sportdirektor Schmadtke. „Wir beide raufen uns zusammen. Denn es geht einzig und allein darum, mit 96 die Klasse zu halten“, sagte der Trainer Slomka. Die gekünstelte Harmonie zwischen zwei Streithähnen sollte natürlich davon ablenken, dass die Niedersachsen vor einer erneut ganz schweren Spielzeit stehen.

          Das Spannungsverhältnis innerhalb der sportlichen Leitung mag auch von persönlichen Eitelkeiten geprägt sein. Aber zur Ehrenrettung von zwei Alphatierchen muss erwähnt werden, dass die Konstellation in Hannover durch die Vorgaben von Präsident Martin Kind von Haus aus schwierig ist. Von der Saison 2009/10 sind neben dem Schock, dem drohenden Abstieg erst am letzten Spieltag glücklich entronnen zu sein, erhebliche wirtschaftliche Probleme geblieben. Und Kind, der den Verein seit 13 Jahren mit Hilfe von viel Geld und Macht anführt, ist nicht mehr wie bisher gewillt, eine 96-Mannschaft zu finanzieren, die das wirtschaftliche Umfeld gar nicht hergibt.

          „Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir gut aufgestellt“

          Der Blick auf die sehr kurze Liste der Neuzugänge verrät: Hannover 96 hat sich trotz der Abgänge von gestandenen Spielern wie Arnold Bruggink (noch ohne neuen Verein), Hanno Balitsch (Bayer Leverkusen) und Jiri Stajner (Slovan Liberec) auf dem Transfermarkt äußert defensiv verhalten. „Im Rahmen unserer Möglichkeiten sind wir gut aufgestellt“, findet Schmadtke. Es spricht für ihn, dass er trotz seiner Rolle als Verwalter des Mangels immer noch Argumente dafür findet, warum 96 eine gute Rolle zuzutrauen ist.

          Kaffee-Kellner: Trainer Mirko Slomka bedient Sportdirektor Jörg Schmadtke

          Der Blick auf den Kader und die dürftigen Testspiel-Ergebnisse macht klar, warum selbst der vor laufenden Kameras stets charmant parlierende Trainer nur einen gequälten Optimismus abliefern kann. „Unsere Mannschaft ist so zusammengestellt, dass sie konkurrenzfähig ist“, behauptet Slomka und macht dabei ein sehr ernstes Gesicht. Die Aussicht auf eine Saison, die mit einem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt beginnt und mit schweren Duellen gegen Schalke, Leverkusen, Wolfsburg und Bremen fortgesetzt wird, macht selbst den eingefleischtesten 96-Anhängern große Sorge.

          Carlitos soll einen Hauch von Glanz versprühen

          Neuzugänge wie Moritz Stoppelkamp (Rot-Weiß Oberhausen), Lars Stindl (Karlsruher SC), Emanuel Pogatetz (FC Middlesbrough) und Torhüter Markus Miller (Karlsruher SC) haben kein Geld gekostet, lassen aber auch keine großen Sprünge vermuten. Der nachträglich verpflichtete Portugiese Carlitos, der beim FC Basel keinen neuen Vertrag erhalten hat, soll einen Hauch von spielerischem Glanz und Virtuosität versprühen. „Es gibt viele gute Spieler in der Bundesliga. Und mit mir kommt noch einer dazu“, meinte der 27-Jährige bei seiner Präsentation.

          Carlitos hat im Training seitdem zumindest angedeutet, dass er eine Mischung aus Spielwitz und Torgefahr mitbringt. Ob er als Druckmittel für Jan Schlaudraff taugt, der trotz exzellenter Spielmacher-Qualitäten in Hannover ständig unter seinen Möglichkeiten bleibt, wird sich zeigen.

          Der Sportdirektor fahndet verzweifelt nach Perlen

          Vielleicht gehören eine gewisse Grundnervosität und eine gehörige Portion Skepsis in Hannover zu den üblichen Begleiterscheinungen einer neuen Bundesligasaison. Aber wenn neben den Fans auch die etablierten Spieler ins Grübeln kommen, ob der Sparkurs von Klubchef Kind nicht die Geschäftsgrundlage der Fußballfirma Hannover 96 gefährdet, dann macht das nachdenklich.

          Selbst der gerade zum Nationalspieler in Vertretungsfällen aufgestiegene Verteidiger Christian Schulz hat schon öffentlich geäußert, dass der aktuellen 96-Mannschaft eine gehörige Portion Erfahrung fehlt. Deshalb lässt der Trainer keine Gelegenheit aus, um nach weiterem Personal zu verlangen. Und der Sportdirektor fahndet verzweifelt nach Perlen, die seine Kollegen von den besser zahlenden Vereinen übersehen haben. Der norwegische Stürmer Mohamed Abdellaoue (Valerenga IF) könnte eine solche werden, um die Gemüter zu beruhigen und soll noch werden.

          Die Nummer 1 wurde doch wieder vergeben

          Sie wollen attraktiver spielen als zuletzt. Und sie möchten ihren Beinamen „Schießbude der Liga“ endlich ablegen, wofür vor allem Florian Fromlowitz zuständig wäre. Der 24 Jahre alte Torhüter hat das schwere Erbe von Robert Enke übernommen, der sich im November vergangenen Jahres von Depressionen geplagt das Leben genommen hat. Sie haben Fromlowitz das Trikot mit der Rückennummer 1 übergeben, obwohl diese aus Gedenken an Enke bei 96 eigentlich nie wieder vergeben werden sollte.

          Aber Fromlowitz auf dem Platz und auf dem Rücken zur Nummer 1 zu erklären, gehört zu einer Form von Vergangenheitsbewältigung, zu der sich sich alle gemeinsam entschlossen haben. „Ich möchte mich in der Bundesliga weiter etablieren. Aber ich hoffe auch auf eine ruhigere Saison“, sagt Fromlowitz. Sie ist ihm angesichts des Trubels rund um die Enke-Tragödie zu wünschen. Bei realistischer Betrachtung der finanziellen Möglichkeiten und sportlichen Qualitäten von Hannover 96 kann es eine ruhige Saison im Grunde aber gar nicht geben.

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