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Friedek gewinnt Rechtsstreit : Der späte Sieg des Dreispringers

Später Sieger: Charles Friedek Bild: dpa

Zwei Dreisprünge über 17 Meter in einem Wettbewerb hätten doch für die Olympia-Qualifikation gereicht - 2008 in Peking. Sieben Jahre später gewinnt Friedek immerhin vor Gericht gegen den DOSB.

          Wer den ehemaligen Dreispringer Charles Friedek einmal im Training erlebt hat, der weiß, dass er erst aufgibt, wenn er wirklich kaputt ist. Oder wenn er gewonnen hat. Gegen sich, seinen Trainer, den Rest der Welt. Am Dienstag hat Friedek gegen den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gewonnen und damit auch gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) – seinem heutigen Arbeitgeber, denn Friedek ist als Bundestrainer für den männlichen Nachwuchs im Dreisprung angestellt.

          Es ist das vorläufige Ende eines jahrelangen Rechtsstreit um seine verwehrte Olympia-Teilnahme 2008. Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe urteilte nun, der DOSB habe als Monopolverband zur Nominierung von Athleten seine Pflicht „schuldhaft“ verletzt. „Er wird erleichtert sein, dass dieser Justizmarathon jetzt rechtlich geklärt ist“, sagte Friedeks Anwalt Michael Lehner über seinen Mandanten. Friedek selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

          Klage und Gegenklage

          Im Juni 2008 war der frühere Weltmeister, damals schon im reifen Springer-Alter von 36 Jahren, bei einem Meeting in Wesel zweimal über die Normweite von 17 Metern gesprungen. Seiner Meinung nach hatte er sich damit für die Spiele von Peking qualifiziert. Der DLV verlangte allerdings, dass die Olympianorm bei zwei verschiedenen Veranstaltungen erbracht wird. Dies war zuvor gängige Praxis gewesen – aber nicht eindeutig festgeschrieben. Friedek klagte. Er bemühte das Deutsche Sportschiedsgericht, damit er vom DLV für das deutsche Olympia-Team vorgeschlagen wurde. Was dann auch geschah. Doch der DOSB als oberste Nominierungs-Instanz nahm ihn dennoch nicht mit nach Peking.

          Friedek klagte weiter: Erfolglos versuchte er noch 2008 in einem Eilverfahren vor dem Landgericht Frankfurt durchzusetzen, dass er doch noch zu Olympia mitgenommen wird. Er musste zu Hause bleiben. Auch sein Einspruch vor dem Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt scheiterte. Nachdem das Olympische Feuer in Peking längst verloschen war, klagte er abermals vor dem Landgericht Frankfurt – und bekam dort im Dezember 2011 Recht. Das OLG aber hob dieses Urteil am 20. Dezember 2013 wieder auf. Nun gewann er in der dritten und letzten Instanz – sieben Jahre nach dem eigentlichen Wettkampf. Mit dem Urteil im Revisionsprozess (Aktenzeichen II ZR 23/14 – s. V. PM 82/15) des II. Zivilsenats unter dem Vorsitzenden Richter Alfred Bergmann findet somit ein Rechtsstreit, der einmalig ist im deutschen Sport, sein grundsätzliches Ende. „Dies ist jetzt erst mal ein Grundurteil des BGH“, hieß es dazu in einer ersten Stellungnahme des DOSB. Über Inhalte können man mehr sagen, wenn das schriftliche Urteil und die Begründung vorlägen. Der DLV hat längst aus der Causa Friedek gelernt. Die Lücke im Regelwerk ist geschlossen. Verbandspräsident Clemens Prokop, selbst Amtsrichter, sagte nach dem BGH-Urteil gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Der Rechtsstreit war für den DLV Anlass, die Nominierungs-Frage völlig klar zu definieren, so dass es keinerlei Diskussionen geben kann.“ Auch Prokop kündigte an, man werde die Urteilsbegründung studieren.

          Beschwerde über Rassismus

          Endgültig Ruhe ist im Fall Friedek allerdings noch immer nicht eingekehrt, denn nun muss über die Höhe des Schadensersatzes entschieden werden. Das wiederum obliegt der Urteilskraft des Landgerichts Frankfurt. Der mittlerweile 44 Jahre alte Friedek fordert 133.500 Euro für entgangene Sponsoren-, Preis- und Startgelder. Ob es zu einem weiteren Prozess oder zu einer außergerichtlichen Einigung kommt, ist offen.

          Friedek, 1971 in Gießen als Sohn eines amerikanischen Soldaten geboren, hatte seine beste Zeit als Dreispringer um die Jahrtausendwende: 2002 gewann er bei der EM in München die Silbermedaille, zudem wurde er Hallen-Weltmeister 1999 und Hallen-Europameister 2000. Seit größter Satz war ihm 1999 in Sevilla gelungen, als er mit persönlichen Bestweite von 17,59 Weltmeister wurde. Als erster dunkelhäutiger Deutscher. Danach nutzte er seine frisch gewonnene B-Prominenz, um sich über den offenen Rassismus in Deutschland zu beschweren: Was nutze ihm der WM-Titel, wenn er in keine Disko in Köln reinkomme, beklagte er. Als „ungeduldig, selbstkritisch und emotional“, bezeichnete sich Friedek im persönlichen Gespräch einmal, und natürlich auch als „sensibel“. Sein langjähriger Verein Bayer Leverkusen stehe „in guten wie in sehr guten Zeiten“ zu ihm, sagte er nur halb im Scherz. Als er nach dem Rückzug seines langjährigen Trainers Bernd Knut dort seinen neuen Wunschtrainer nicht durchsetzen konnte, gründete er kurzerhand einen eigenen Verein.

          Der DLV hatte längst seinen Frieden mit dem streitbaren Athleten gemacht, ihm schon 2007 den Rudolf-Harbig-Preis für sein Lebenswerk verliehen. Das nahm Friedek freilich als unzulässigen Wink mit dem Zaunpfahl. „Ich entscheide selbst, wann ich meinen Hut nehme.“ So kam es zu dem Wettbewerb 2008 in Wesel mit den beiden 17-Meter-Sprüngen. 2009 beendete Friedek dann seine Karriere.

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