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Carsten Jancker : Dicker Hals und dicker Fuß

  • -Aktualisiert am

Sorgenkind: Carsten Jancker Bild: dpa

Trotz seines Tores gegen Kuwait will Carsten Jancker seine Situation in der Nationalmannschaft nicht kommentieren. Nun verletzte er sich auch noch im Training.

          3 Min.

          Selbst der vertraute Reporter des Boulevardblattes hatte keine Chance. Schritt auf Tritt folgt der kleine Mann von „Bild“ dem großen Hünen aus München bis auf den Trainingsplatz, es nutzte nichts. Carsten Jancker hat notorisch schlechte Laune. Immer noch und trotz seines Tores im Test-Kick gegen Kuwait

          Und dann auch noch das: Beim Training am Samstagvormittag zog attackierte ihn Teamkamerad Oliver Kahn derart rüde, das Jancker noch auf der Anlage in Waldkirch behandelt wurde. Dick bandagiert der rechte Knöchel, geschwollen das Sprunggelenk. Die Kapsel ist verletzt, die WM jedoch nicht gefährdet.

          Der Vorfall vom Samstag beschreibt es bestens: Jancker, das Sorgenkind. Und ein Problemfall, dem nur schwierig zu helfen ist. Nachdem er am Donnerstagabend ein Tor im Nationaldress gegen Kuwait erzielt hatte, das siebte im 24. Länderspiel, forderte ihn die Presse tags darauf als Gesprächspartner an. Der Angreifer ging in die Verteidigung. Keine Lust, kein Interesse, kein Wort. Und damit auch keine Möglichkeit, einiges in eigener Sache zu erklären.

          Völler über Jancker: „In der Gruppe verhält er sich top”

          „Lasst mich in Ruhe“

          Daheim soll er ein angenehmer Mensch sein, sagen engere Vertrauten. Ein guter Vater für zwei Töchter, Laura-Larissa und Naomi-Noelle, 1998 und 99 geboren. Bei jedem Tor küsst er den Ehering, ein Zeichen aus Liebe zu seiner Ehefrau Natascha. Er stellt sich auf dem Trainingsplatz in Winden auch mit krebskranken Kindern auf und lässt sich vor der Schwarzwaldkulisse fotografieren.

          Das Lächeln wirkte gequält. Aber als ihn der ZDF-Mann um eine Stellungnahme bat, raunzte der Noch-Bayern-Stürmer inmitten der Kinderschar zurück. „Lasst mich in Ruhe.“ Bundestrainer Michael Skibbe versuchte sich in Diplomatie. „Carsten Jancker geht aus dem Spiel gegen Kuwait gestärkt hervor.“

          Das ist eine etwas verdrehte Wahrheit. Richtiger wäre gewesen: Nur das Schlimmste ist verhindert. 18 Bundesligaspiele hat Jancker für den FC Bayern bestritten, ganze acht Einsätze von Beginn an. Hauptproblem: notorische Torlosigkeit. Dazu der Widerspruch: billiger Ersatz in München, wertvoller WM-Fahrer.

          Abgelehnte Auswechslung

          Selbst das unterdurchschnittliche Kuwait schien nicht zu taugen, die Tor-Flaute zu beenden. Erst als der 27-Jährige in der 77. Minute die Kugel über Kuwait-Keeper Nawaf Al-Khaledi hob, der samt und sonders zuvor nur bei Jancker-Versuchen sein Können gezeigt hatte, war der Bann gebrochen.

          Völler hatte ihn dazu gezwungen. Deprimiert stapfte er nach 70 Minuten in den Mittelkreis und drehte die Finger zum Zeichen des Austausches, nachdem Bierhoff sein drittes Tor per Elfmeter (Bierhoff: „Carsten wollte ja nicht.“) erzielt hatte. Der Teamchef reagierte auf den als Sturschädel geltenden Spieler nicht. Sein Signal: „Er hat meine Unterstützung.“

          Völlers Tipp: „Einfache Tore zählen genau wie die schweren“

          Nicht aber die des Fußball-Volkes, die den Fan-Klassiker „Ohne Holland fahren wir zur WM“ schon in „Ohne Jancker fahren wir zur WM“ umgetextet hatte. „Er wollte ein Über-Tor machen“, kritisierte Völler, „er muss lernen die einfachen Tore zu machen.“ Sein Tipp: „Die zählen genauso viel wie die schweren.“

          Zum ersten Male stellte der 42-Jährige nicht die Vorteile des Vorbereiters heraus („Carsten ist ein spielender Mittelstürmer.“) sondern führte die Nachteile des Vollstreckers Jancker an. Menschlich lässt er auf den Mann nichts kommen: „Er verhält sich top in der Gruppe und ist da absolut vorbildlich.“ Wie beim Ausflug in den Europapark Rust, wo sich Jancker eine Perücke aufsetzte.

          In der Stürmer-Hierarchie an letzter Stelle

          Doch Verkleidung oder Zuspruch können nicht übertünchen: Jancker steht unter allen Angreifern an letzter Stelle. Für Miroslav Klose sprechen Unbekümmertheit, Vielseitigkeit, Beweglichkeit und 16 Bundesliga-Treffer, für Oliver Bierhoff 36 Tore im Nationaltrikot. Oliver Neuville hat seine internationale Verwendbarkeit nachhaltig in der Champions League bewiesen.

          Wie sehr die Torlosigkeit genagt hat, war schon bei den Trainingseinheiten im Elztal zu beobachten. Immer wieder probte der 27-Jährige den Torschuss, doch mit schöner Regelmäßigkeit flogen die Bälle ins Fangnetz, an die Werbebande und mitunter gar Richtung Eckfahne. Auffällig oft sucht er die Nähe zu alten Verbündeten: zu Christian Ziege, Kumpel aus vergangenen Münchner Zeiten, zu Jens Jeremies, Kompagnon der aktuellen Ära.

          Zuspruch aus München

          Die Spieler aus München wissen um das sensibel zu behandelnde Problem. Torhüter Kahn rannte in Freiburg bis zur Mittellinie, um zu gratulieren. „Eine ganz wichtige Geschichte“, nannte Völler die Geste. Auch Jeremies lobt Jancker. „Der Rudi Völler hat auch mal vor der EM 1988 in der Kritik gestanden und dann die Tore gemacht. So wird es der Carsten auch machen.“

          Es bleiben Zweifel. Völler: „Er ist zwar ein großer Kerl, aber sehr empfindlich. Er hat eben eine schwierige Zeit hinter sich.“ Kollege Bierhoff kennt dieses Erlebnis. „Wir haben alle mitgefiebert, dass Carsten noch ein Tor gemacht hat. Es gibt Tage, da geht gar nichts und du triffst nichts.“ Jancker hat das Problem, dass Wochen und Monate gar nichts ging, er nicht traf und nicht weiß, wo er nächste Saison spielen soll.

          Lernfähig?

          Ein Hoffnungsträger für die WM ist er nicht, derzeit muss die Mannschaft eher ihn stützen, als dass er ihr helfen kann. „Er muss da durch und seine Erfahrungen machen“, fordert Völler. Bleibt die Frage nach der Lernfähigkeit des im mecklenburgischen Zierow aufgewachsenen Jancker.

          Anderthalb Jahre vor dem Abitur hat er seine Schulausbildung abgebrochen: „Aus Faulheit“, hat Jancker gestanden.

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