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Carsten Jancker : Befreit in der Ferne

  • -Aktualisiert am

Blick nach vorne: Jancker spielt von Anfang an Bild: dpa

Welch ein Rollenwechsel: Carsten Jancker steht nach seinem Wechsel zu Udinese Calcio im Nationalteam als Synonym für gute Laune.

          3 Min.

          Irgendwie ist jetzt alles anders: Wenn Carsten Jancker zum Torschuss ansetzt, fliegen die Bälle nicht mehr gegen Blechbanden und Betonwände sondern zappeln wieder häufig im Netz. Wenn der 28-Jährige zur Pressekonferenz der deutschen Nationalmannschaft den Raum betritt, schaut er nicht griesgrämig auf den Boden sondern sagt freundlich 'Guten Morgen'. Wenn er gefragt wird, antwortet er auch. Zwar immer noch kurz knapp aber bedeutend häufiger lächelt er dabei.

          Schnell ändern sich die Fußball-Zeiten - für Jancker zum Guten, obwohl er kurioserweise noch nicht ein Pflichtspiel diese Saison bestritten hat. Erst am 14. September startet sein neuer Club Udinese Calcio in der italienischen Serie A. Ein paar Testspiele, meist Training, eine Einheit oft länger als zwei Stunden. Jancker findet's gut: „Wir studieren mehr Taktik ein. Aber das kenne ich ja noch vom Trapattoni aus München.“

          Harte Wochen

          Jancker denkt in seiner neuen Heimat wieder positiv. Erkennungszeichen: kein Granteln, kein Grummeln. „Die ersten Wochen waren sehr hart, doch es geht mir sehr gut“, sagt er. Man sieht es ihm an: Ein paar Kilo leichter ist er, er bewegt sich gut gelaunt im Kreis der Kollegen.

          Auch Rudi Völler sind diese Veränderungen nicht entgangen. „Er lebt brutal auf“, stellt der Teamchef dieser Tage fest. Und so ist der Mann, an dem sich so oft die Fußball-Nation reibt, wieder von Anfang an dabei, wenn es am Samstag gilt, das erste EM-Qualifikationsspiel in Litauen (19.30 Uhr/ARD) zu bestreiten.

          „Ich will jeden Samstag spielen“

          Seit dem Weggang aus München soll Jancker ein anderer Mensch sein, meinen viele. Er selbst beschwichtigt. „Ich bin ein bisschen befreit“, gesteht er und sagt diplomatisch, dass „ein weiteres Jahr beim FC Bayern nicht so gut gewesen wäre.“ Genau genommen wäre es ein Unglück gewesen für den Mann, der hinter der Südamerika-Connection nur noch die dritte Wahl war. „Ich wollte spielen, jeden Samstag. Das war beim FC Bayern nicht mehr möglich“, sagt er nach sechs Münchner Jahren.

          „Der Druck war nicht zu groß für mich. Aber ich musste halt weg.“ Lange gezittert habe er im Sommer angesichts der Konjunktur-Flaute auf dem brach liegenden Arbeitsmarkt Profifußball. Im Norden Italiens hat er Anstellung, Hoffnung- und für die Familie ein Haus in Udine gefunden. „Alles schon fix und fertig. Wenn ich jetzt auch die Leistung bringe, spiele ich auch.“ Völler scheint schon vorab überzeugt: „An Carsten werden wir noch viel Freude haben. Er bekommt bestimmt noch einen Schub.“

          Dolmetscher Giuseppe Gemiti

          Tipps von seinem Ex-Konkurrenten Oliver Bierhoff, der in Udine ein erfolgreiches Gastspiel gab, hat sich Jancker nicht geholt. Jancker-Jargon: „Ich bin in meinem Leben immer allein auf zwei Füßen gegangen.“ Das Einleben in Friaul erleichtert ihm nun Giuseppe Gemiti. Der ehemalige Frankfurter, Deutsch-Italiener, der für die deutsche U 21 spielt, fungiert als Dolmetscher und Fremdenführer in Personalunion. „Ich bin froh, dass er da ist“, sagt Jancker, der ansonsten täglich mit einer Sprachlehrerin übt.

          Weitere Kurse in Sachen Sprache finden auf dem Trainingsplatz statt. „Einfach nachfragen, selbst sprechen“, erklärt Jancker, der sich mit dem Wahl-Römer Rudi Völler indes nicht auf italienisch unterhalten will. „Da bleiben wir besser bei meiner Heimatsprache.“

          Ausweg aus einem Dilemma

          Geboren ist Jancker in Grevesmühlen, wuchs im mecklenburgischen Zierow auf und begann mit dem Kicken bei der TSG Wismar. Die klassische Nachwuchsförderung der DDR schloss sich an. Er war einer der ersten DDR-Nachwuchsfußballer in einer DFB-Auswahl. Das Abitur brach er „aus Faulheit“ ab.

          Daraus ist abzulesen, dass ihm der Wechsel ins Ausland schwerer fiel als er zugab. Doch es war der einzige Ausweg aus dem Dilemma, das ihm über kurz oder lang auch den Platz in der Nationalmannschaft gekostet hätte. „Wichtig ist, dass er im Verein wieder spielt“, sagt auch Völler.

          Schöne Wiener Erinnerungen

          Viel schief gehen kann nicht: Seinen ersten Auslandsaufenthalt (1995/96 bei Rapid Wien) hat er nicht nur wegen vieler Einsätze und Tore in guter Erinnerung. Auf der Rapid-Geschäftsstelle lernte er seine heutige Frau Natascha kennen. Sie bildet zusammen mit seinen 1998 und ´99 geborenen Töchtern Laura-Larissa und Naomi-Noelle den Mittelpunkt seines Lebens.

          Ist auf dem Fußballplatz meist nur die geballte Kraft und Wucht seines körperbetonten Stils zu sehen und fordert seine schroffe-schlichte Art bei Interviews Widerspruch heraus, so hat der 193-Zentimeter-Mann auch eine geheime Seite: Statt sich wie andere Bayern-Stars im Münchner Jet-Set zu vergnügen, zog Jancker stets das Familienleben vor. Familienidylle in Grünwald statt Party in Schwabing. Vorbildlich stand er seiner kranken Tochter in schwierigen Zeiten zur Seite. Und enge Vertraute schätzen seine Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit.

          Selbstvertrauen und Pluspunkte

          Charakterzüge, die auch Völler immer wieder preist. Immer wieder hat der Teamchef seinen Angreifer gegen alle Art von Attacken verteidigt. Einfacher Grund: „In der Gruppe verhält sich Carsten absolut vorbildlich.“ Die notorische Torlosigkeit vor der WM hinderte den früheren Weltklassemittelstürmer nicht, Jancker sogar in der WM-Vorrunde einzusetzen. Doch ein einziges Tor gegen Saudi-Arabien war schließlich zu wenig, um den in Asien verehrten Angreifer ab dem Achtelfinale aufzubieten.

          Mit seinem (unfreiwilligen) Tor in Sofia gegen Bulgarien hat Jancker Selbstvertrauen und Pluspunkte gesammelt. „Ich habe ein gutes Länderspiel gemacht“, findet er selbst. Bundestrainer Michael Skibbe attestiert ihm „persönlich locker drauf und fit zu sein“. Beste Voraussetzungen, um in Litauen erfolgreich zu sein?

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