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Bundesliga-Wintercheck : Wer „Meisterschaft“ sagt, fliegt raus

  • -Aktualisiert am

Noch nie war der FC Schalke 04 in der Bundesliga nach 18 Spieltagen erfolgreicher als zur Zeit. Während andere Clubs in der Winterpause mehrere Millionen investierten, übt sich Schalke in Zurückhaltung. Nicht die Meisterschaft, die Rückkehr ins internationale Geschäft ist das erklärte Ziel.

          Noch nie war der FC Schalke 04 in der Bundesliga nach 18 Spieltagen erfolgreicher als zur Zeit. Die Gelsenkirchener, die ihre sieben Deutschen Meistertitel vor der Bundesliga-Gründung gewannen, gingen als „Wintermeister“ in die fünfwöchige Pause.

          Doch das neue Erfolgsgefühl des UEFA-Pokal-Siegers von 1997, der zudem im DFB-Pokal-Halbfinale steht, löste bei den Westfalen keine überdrehte Euphorie aus. Rund um das Parkstadion blieb man bodenständig. Das ist die neue Qualität des Traditionsvereins, der sein früheres Image eines permanent von Skandalen geprägten Fußball-Clubs abgestreift hat.

          Als einziger Verein neben dem 1. FC Köln schlugen die Schalker in der Vorbereitung kein Trainingslager im Ausland auf. Anders als die Konkurrenten Dortmund und Leverkusen, die jeweils mehr als 30 Millionen Mark investierten, übten sich die „Königsblauen“ auch auf dem Transfermarkt in Zurückhaltung. Stattdessen verlängerte Manager Rudi Assauer den Vertrag mit Trainer Huub Stevens unbefristet und den Kontrakt des Torjägers Ebbe Sand vorzeitig bis 2005.

          Trotz der allgemeinen Zufriedenheit beim Spitzenreiter riskiert jeder, der das Wort „Meisterschaft“ in den Mund nimmt, einen sofortigen Verweis aus dem Clubhaus. Assauer und Stevens sprechen übereinstimmend davon, dass ein sechster Platz und die damit verbundene Rückkehr in den Europapokal ausreichend sei.

          Das Team

          Trotz vieler Fragezeichen und einer unbefriedigenden Vorsaison legten die Westfalen im Sommer einen Blitzstart hin. Die schlechteste Platzierung war der sechste Rang am 1. Spieltag. Die Eckdaten der Hinserie: Als einziges Team sind die Schalker zu Hause noch ungeschlagen, der Tabellenführer weist mit 37:19 Treffern das beste Torverhältnis und die wenigsten Gegentreffer auf, mit 4:0 siegten die „Knappen“ in Berlin, in Dortmund und in Rostock, mit 3:2 wurde Titelverteidiger FC Bayern bezwungen.

          „Die Mannschaft ist gewachsen, sie ist eine kompakte Einheit. Wir haben sie Stück für Stück verstärkt“, begründet der Niederländer Stevens den Aufschwung. Von der Verpflichtung von Andreas Möller, der Marc Wilmots (nach Bordeaux) ersetzte, profitierte besonders das Top-Sturmduo Sand und Emile Mpenza, wobei auch Gerald Asamoah zu einem Klassestürmer reifte. Die Defensive mit Nico van Kerckhoven, Tomasz Waldoch und Tomasz Hajto vor Torwart Oliver Reck ist äußerst stabil. Im Mittelfeld wurden den altbewährten Tschechen Jiri Nemec und Radek Latal sowie Marco van Hoogdalem die spielstarken Neuen Jörg Böhme und Möller zur Seite gestellt, wobei mit Nils Oude Kamphuis, Michael Büskens und Sven Kmetsch sehr gute Alternativen zur Verfügung stehen. Für Olaf Thon, der wegen einer Verletzung lange pausieren musste, ist kaum noch Platz im Team.

          Der Trainer

          Vor dem Saisonstart galt der 47-jährige Stevens als einer der ersten Kandidaten auf eine Entlassung. Dem Niederländer aus Sittard, der den Verein in seinem ersten Jahr zum UEFA-Cup-Triumph führte, wurde die mäßige Entwicklung der vergangenen Jahre angelastet. Der oft mürrisch wirkende Coach habe sich abgenutzt, lauteten die Vorwürfe. Doch der für seinen Fleiß gelobte Stevens, der einst den Defensivspruch „die Null muss stehen“ prägte, führte die Schalker mit größerem Offensivdrang zurück auf den Erfolgspfad. Stets gestützt von Assauer manövrierte der Ex-Nationalspieler seine Elf an die Bundesliga-Spitze und sich selbst aus den Negativ-Schlagzeilen. Auch in der Auseinandersetzung mit Olaf Thon blieb er Sieger.

          Die Struktur

          Hinter dem FC Bayern München ist Schalke 04 der wohl populärste deutsche Fußball-Verein. Einen aktuellen Beweis dafür lieferte nicht nur die hohe Zuschauerresonanz im Parkstadion, sondern auch die Einschaltquote des neuen Pay-per-View-Systems beim TV-Sender Premiere World. Die Schalker Spiele riefen hinter den Partien der Münchnern die zweitmeisten Bestellungen hervor. In dieser Saison bewegt sich der Etat der Gelsenkirchener, bei denen Manager Assauer die Rolle des starken Mann einnimmt, noch bei rund 80 Millionen Mark. Doch mit der Fertigstellung der 320 Millionen Mark teuren Arena „Auf Schalke“, dem ersten Hallenstadion in Deutschland, im kommenden Sommer könnte Schalke zu Dortmund aufschließen. Ein Börsengang ist dann nicht ausgeschlossen.

          Die Perspektiven

          „Die Großen da oben haben wir in der Hinrunde alle weggehauen. Wir spielen besser, mit mehr Risiko und mehr Feuer. Es ist mehr Leben in der Bude als letzte Saison“, sagt Assauer. Doch daraus resultiert kein Titelanspruch, die Minimalanforderung lautet Platz sechs. Wenn man sich im April noch im Tabellen-Vorderfeld befinden würde, soll das Ziel in „Champions-League-Teilnahme“ umformuliert werden. Das Wort „Meisterschaft“ ist Tabu.

          Fazit: Die Realisten Assauer und Stevens schätzen die Möglichkeiten der Mannschaft exakt ein. Nur wenn alles optimal läuft und der FC Bayern größere Schwächen zeigt, wäre auch der Titel möglich.

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