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Bundesliga-Wintercheck : „Katze“ Zumdick unter Zugzwang

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          Einst erfanden die Fans für ihren VfL Bochum das Unwort „Die Unabsteigbaren“. In 22 Jahren lückenloser Bundesliga-Zugehörigkeit schauten die Westfalen oft in den Abgrund zur zweiten Liga, aber irgendwie schafften sie es immer wieder, dem Abstieg zu entgehen.

          Doch plötzlich wandelten sich die „Anti-Abstiegsexperten“ zu einer ganz normalen „Fahrstuhlmannschaft“, die zwischen erster und zweiter Liga hin- und herpendelte: 1993, 1995 und 1999 mussten die Bochumer wegen mangelhafter sportlicher Leistungen die erste Liga verlassen.

          Im vorigen Jahr kehrte das Team erneut in die Bundesliga zurück, steht aber nach 18 Spieltagen auf dem letzten Tabellenplatz. Rund um das Ruhrstadion ist Ernüchterung eingekehrt. Denn die Mannschaft von Trainer-Neuling Ralf Zumdick präsentierte sich nach dem überraschenden 1:0-Auftaktsieg in Kaiserslautern größtenteils spielerisch erschreckend schwach und taktisch zuweilen äußerst naiv.

          Anders als 1996 nach dem zweiten Bundesliga-Wiederaufstieg, als das Team mit dem fünften Platz und dem Einzug in den UEFA-Pokal das beste Saisonresultat aller Zeiten erzielte, überzeugte die VfL-Mannschaft weder auswärts noch im eigenen Stadion. Mit 3:18 Toren wurde der zweitschlechteste Auswärtsauftritt aller 18 Clubs erreicht. Der Heimbilanz mangelte es mit nur vier Siegen und bei insgesamt 13:16 Toren ebenfalls an Erstligareife. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Bochumer versprechen einen Kampf auf Biegen und Brechen, um wenigstens am Saisonende wieder „unabsteigbar“ zu werden.

          Das Team

          Dass in der Hinrunde nie eine feste Formation feststand, war einer der Gründe für die große Instabilität der Defensive. Zudem fanden schwere interne Auseinandersetzungen statt, die zum Rauswurf von Torjäger Achim Weber führten und Trainer Zumdick zeitweise schwächten. „Die Stimmung hat wirklich nicht gestimmt. Jetzt stimmt sie wieder“, beschreibt Präsident Werner Altegoer die Atmosphäre vor dem Jahres-Start der Bochumer beim FC Bayern München. In den Testspielen zeigte der Tabellenletzte aufsteigende Form, nicht zuletzt wegen der beiden in der Winterpause für drei Millionen Mark verpflichteten Dänen Sören Colding und Thomas Christiansen. Torwart Thomas Ernst hat den Verein in der Winterpause in Richtung VfB Stuttgart verlassen. Da sich Stammkeeper Rein van Duijnhoven am Kopf verletzt hat, plagen Zumdick große Sorgen.

          Die unendliche Geschichte Delron Buckley und die südafrikanische Nationalelf hat ebenfalls ein neues Kapitel bekommen. Der Stürmer muss gegen den FC Bayern für das WM-Qualifikationsspiel der Südafrikaner gegen Burkina Faso abgestellt werden. Bei weiteren VfL-Partien wird er wegen FIFA-Pflichtspielen gegen Guinea und Malawi fehlen. Stark gefährdet ist auch der Einsatz von Sebastian Schindzielorz, einem der wenigen echten Leistungsträger. Als Idealformation strebt Zumdick nach den Tests wohl folgende Elf an: van Duijnhoven, in der Abwehr Damir Milinovic, Zoran Mamic und Thomas Reis, das Mittelfeld mit Peter Peschel, Colding, Yilderim Bastürk, Mirko Dickhaut und Schindzielorz sowie im Angriff Marijo Maric und Buckley, der durch Christiansen oder Zdravko Drincic ersetzt werden kann.

          Der Trainer

          Der 42-jährige Zumdick, der für den VfL zwischen 1981 und 1993 insgesamt 282 Bundesligaspiele bestritt, hatte von Anfang an keinen leichten Stand. Denn der Ex-Torwart galt, als er die Mannschaft vor einem Jahr übernahm, als „zweite Wahl“. Amateurtrainer Bernard Dietz war in der zweiten Liga als Interimscoach eingesprungen, führte das Team zurück in die Aufstiegszone, wollte aber nicht dauerhaft als Profi-Trainer weiter arbeiten. Also fiel die Wahl von Altegoer und Manager Klaus Hilpert wieder auf eine vereinsinterne Lösung, die Zumdick hieß. Der erledigt seinen Job so ruhig und gelassen, wie er einst zwischen den Pfosten stand. Als sich in der Hinrunde die Krisenzeichen mehrten, meinten einige Beobachter, der Trainer sei eventuell zu gnädig für die heutige Spielergeneration, die eine harte Hand gebrauchen könne. Doch Zumdick, wegen seiner früheren Torwart-Qualitäten zuweilen noch immer „Katze“ genannt, behielt seinen Job. Seine Chefs sind keine Anhänger von schnellen Trainerwechseln.

          Die Struktur

          Der Verein für Leibesübungen (VfL), gegründet zu Turnvater Jahns Zeiten am 1. Juli 1848, ist im Prinzip ein deutscher Sportverein der uralten Prägung. Lediglich die Lizenzspieler-Abteilung unterscheidet den Club von zehntausenden anderer Vereine. Die Profi-Sektion des VfL wird nach Gutsherrenart geführt. Altegoer versteht sich als Vater der Kompanie und Mädchen für alles. Entscheidungen trifft er mit den Vorstandskollegen, mit Manager Hilpert und dem Trainer, aber notfalls auch allein. Umzingelt von den Großklubs Schalke und Dortmund, die eine Straßenbahnfahrt entfernt beheimatet sind, werden in Bochum keine Pläne eines Börsengangs gehegt. In jedem Jahr ist man froh, wenn die DFB-Lizenzierung überstanden wird. Wobei die Fußball-Abteilung des VfL 1848 durchaus clever, aber eben in kleinerem Rahmen geführt wird.

          Die Perspektiven

          Das große Ziel heißt Platz 15. Bei zwei Punkten Rückstand auf die Nichtabstiegszone ist der vierte Absturz in acht Jahren durchaus zu vermeiden. Doch dafür muss das Team frühere Heimstärke zurück gewinnen. Fallen wichtige Spieler mit Verletzungen ausfallen, bleiben die Bochumer mangels personeller Alternativen Abstiegskandidat Nummer eins.

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