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Bundesliga-Kommentar : Viel Potential, wenig Potenz

Ein Star für Hamburg: der Niederländer Rafael van der Vaart Bild: dpa

Nur eine der deutschen Millionenstädte hat einen Fußballklub von europäischem Rang. Der Hamburger SV war einst die Nummer eins in Deutschland. Jetzt ist er der schläfrigste Fußball-Riese.

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          Deutschland hat vier Millionenstädte. Nur eine hat einen Fußballklub von europäischem Rang. Welche? Berlin, Hamburg, München oder Köln? Das ist keine Frage aus dem Quiz „Wer wird Fußballmillionär“. Und wer für ihre Beantwortung den Publikumsjoker braucht, ist wohl nur versehentlich auf den Fußballseiten der Zeitung gelandet. Die eigentliche Frage lautet nicht: Welche Stadt? Sondern: Warum nur diese? Warum schafft es nur eine deutsche Fußballmetropole, die wirtschaftlichen und sportlichen Möglichkeiten einer fußballbegeisterten Millionenstadt auszuschöpfen? Und das in höchst ungleichem Maße.

          Während der FC Bayern seit langem als der bestgeführte Fußballklub Europas gilt, sind Hertha BSC, der Hamburger SV und der 1. FC Köln die am schlechtesten geführten Klubs der Bundesliga mindestens der vergangenen fünf Jahre. Sie haben aus ihrem Potential - Stadion, Fans, regionale Wirtschaftskraft, Markenwert - am wenigsten gemacht. Und sogar im aktuellen Bundesliga-Boom weiter abgewirtschaftet.

          Berliner und Kölner spielen deshalb nur noch zweitklassig. Nur der HSV ist bis heute nicht bestraft worden und als einziges Gründungsmitglied der Bundesliga immer noch nicht abgestiegen. Dazu einen herzlichen Glückwunsch, passend zum 125-jährigen Jubiläum, das dieser immer noch großartige Verein am Wochenende gefeiert hat. Nur eine Woche zuvor hatte es nach einer tristen Feier ausgesehen, als man mit null Punkten am Tabellenende stand. Doch Torwart Rene Adler rettete Siege gegen Dortmund und Hannover und damit die Party. Er und Rafael van der Vaart, dessen Rückkehr durch das Privatdarlehen eines Milliardärs möglich wurde.

          Hoher Markenwert und hohe Schulden

          Gäbe es die 50+1-Regel nicht, die den deutschen Fußball vor größeren Wettbewerbsverzerrungen als dieser schützt, dann wären die drei Metropolenklubs aus Hamburg, Berlin und Köln gewiss die ersten, die von Investoren aus Rohstoffregionen übernommen würden. Sie erfüllen die wichtigsten Voraussetzungen dafür: hoher Markenwert und hohe Schulden, viel Potential und wenig Potenz. Doch auf diese Art von Rettung durch fremdes Geld kann man bei den mittelmäßigen Metropolenklubs nicht hoffen. Deshalb haben es die Münchner seit langer Zeit nur mit Herausforderern aus eher strukturschwachen Regionen zu tun, deren begrenzte wirtschaftliche Möglichkeiten eine dauerhafte Konkurrenz nahezu unmöglich machen. Bremer oder Dortmunder haben dafür jahrelang sportlich weit über ihren ökonomischen Möglichkeiten spielen müssen, das aber geht nicht ewig.

          Ein Vierteljahrhundert ohne Titel

          Uli Hoeneß sieht den HSV als den einzigen Klub, „der es von der Stadt und dem Umfeld schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein“. Als er 1979 bei den Bayern das Ruder übernahm, war der HSV die Nummer eins in Deutschland, wurde Europapokalsieger, hatte Weltklassetrainer wie Zebec und Happel und den Manager-Pionier Günter Netzer. Doch dem hundertjährigen Jubiläum 1987 folgte ein Vierteljahrhundert ohne Titel und Konstanz, mit fast so vielen Präsidenten- wie Trainerwechseln. Das ist, ob man den HSV mag oder nicht, ein Jammer. Es gibt zu viele schlafende Riesen im deutschen Fußball. Und er ist der schläfrigste.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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