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Bundesliga-Kommentar : Bayerische Beißreflexe

  • -Aktualisiert am

Stefan Effenberg hat noch keine Erfahrung als Trainer. Trotzdem lobt ihn Rummenigge zu Schalke. Íst das ein gut gemeinter oder hinterlistige Rat?

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          Soso, Karl-Heinz Rummenigge empfiehlt Schalke 04 also wärmstens die Verpflichtung von Stefan Effenberg als Trainer und damit als Nachfolger von Jens Keller. Da muss die Frage erlaubt sein, ob es sich um einen guten Ratschlag des Vorstandsvorsitzenden für einen Konkurrenten in der Bundesliga oder um den listigen Versuch einer Schwächung handelt.

          Effenberg hat noch keine Erfahrung als Trainer. Was er mitbringt, sind große Erfolge als Spieler und eine Vergangenheit beim FC Bayern. Mit Blick aus dem Münchner Kosmos reicht das offenbar für beinahe jeden Job im deutschen Fußball, und die Argumente, die für diese angeblichen Alleskönner genannt werden, sind immer dieselben: Sie haben alles schon erlebt, was man im Fußball erleben kann, sie hatten Erfolg, und sie können mit Druck umgehen. Wem das reicht, der darf zugreifen, zumal wenn Karl-Heinz Rummenigge sagt, er halte Effenberg für „eine sehr gute Wahl“.

          Dass der gar nicht so erfolglose Jens Keller, der Schalke stramm auf Kurs Champions League hält, dabei nicht allzu gut aussieht: geschenkt. Rummenigge hätte auch sagen können: Der hat ja als Trainer noch nicht einmal eine Meisterschaft gewonnen. Für diese bayerische Logik hatte sich unlängst Matthias Sammer verwendet, der den Mainzer Manager Christian Heidel abkanzelte, weil dieser das Vorgehen der Münchner bei dem einen oder anderen Transfer als eines Meisters unwürdig kritisiert hatte. Heidel musste sich danach anhören, er sei ja noch nie Meister geworden, er solle sich lieber heraushalten. Fehlte nur noch die Aufforderung: Klappe halten, setzen!

          Wieviel Seriosität ist nötig?

          Das Selbstverständnis, das hinter derartigen Empfehlungen und Beißreflexen steht, wird durch die Erfolge in dieser großartigen Saison vermutlich nicht hinterfragt. Für diese Einschätzung lieferte Sammer auch in Dortmund bei seinem Kopf-an-Kopf-Duell mit Jürgen Klopp wieder Futter. Für so etwas wäre Effenberg, ganz der aggressive Anführer, der er auf dem Platz einmal war, vermutlich auch gut. Wenn Schalke ignoriert, dass der bisweilen schrille Trainer-Novize bisher nicht als Taktikexperte, sondern zwischendurch als Kandidat fürs Trash-TV auffiel, dann könnte es ja noch was werden mit der Verpflichtung.

          Was die grundsätzliche Frage aufwirft, wie viel Seriosität für diesen Job unverzichtbar ist - und wie viel Bereitschaft zur öffentlichen Peinlichkeit zumutbar. Ob nun ehemaliger Nationalspieler (Heynckes, Favre, Meier, Labbadia) oder nicht gerade brillanter Zweitligaprofi (Klopp, Tuchel, Streich), jeder sollte eine gewisse Haltung mitbringen, die durch gewonnene Titel nicht ersetzt werden kann. In dieser Beziehung gibt es in der Bundesliga unter den Trainern aktuell keinen Ausreißer nach unten. Diese Haltung war auch in Dortmund zu beobachten, wo Jupp Heynckes den Disput zwischen Sammer und Klopp mit einer Souveränität kommentierte, die ihn in seiner Branche zu einem Vorbild macht. „Mittlerweile bin ich da so gelassen“, sagte er entspannt, „diese Dinge, die am Rande passieren, schaue ich mir nicht an.“ Ein Meister eben, nicht nur des Fußballfachs.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

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