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Brasilien : Aufmarsch gegen einen Einmarsch

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstration: Die Massen an Demonstranten allein in Rio de Janeiro würden die meisten Stadien sprengen Bild: dpa

Traditionelle Fans sind beim Confederations Cup in Brasilien außen vor. Sie gehen jetzt auf die Straße, um gegen das Diktat der Fifa und den Kommerz zu demonstrieren.

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          Während die Nationalhymne gespielt wird, posiert der neue brasilianische Fan für Facebook und Twitter. Gerne mit Sektglas und Tablet-Computer in der Hand, das wirkt modern und passt zum Ambiente, wenn sich im Foto-Hintergrund gerade Mario Balotelli zur Hymne aufgestellt hat. Zur Halbzeit spielt eine mexikanische Band im VIP-Bereich auf. Auch das dient als Kulisse zur Selbstinszenierung. Willkommen in der neuen brasilianischen Stadionwelt. Es spielt Mexiko gegen Italien beim Confed-Cup 2013 in Brasilien. Gekommen sind rund 73000 Zuschauer, doch kaum einer von ihnen stand früher in der Kurve des riesigen Stadions. Auch die traditionellen Spruchbänder und Banner fehlen.

          Der überwiegende Teil des Publikums der ersten Spiele beim Confed-Cup stammt aus der weißen Mittel- und Oberschicht. Es sind die Gutverdiener, die sich nach dieser Bühne gesehnt haben. Nun setzen sie sich in Pose und halten die Erlebnisse für die sozialen Netzwerke fest. Der Straßenfan muss derweil draußen bleiben. Doch eben da draußen tobt der Protest. Am Dienstag gingen im ganzen Land Menschen auf die Straße, um ihrem Unmut - meist friedlich - Luft zu machen. Allein in Rio de Janeiro sollen 100000 Protestierer ins Zentrum gezogen sein. Vor dem Regionalparlament kam es hier dann sogar zu massiven Ausschreitungen, Vermummte warfen Steine auf das Gebäude, rissen Absperrungen um und entzündeten Feuer auf der Straße.

          „Die Fifa ist einmarschiert“

          Viele brasilianische Fans fühlen sich vom Internationalen Fußball-Verband (Fifa) enteignet. „Die Fifa ist einmarschiert“, steht auf einem Plakat, das ein Demonstrant hoch hält. Ein anderes besagt: „Die Eroberer sind zurück.“ Ausgerechnet hier, im Fußball-Land Brasilien, regt sich Protest gegen die Auswüchse des Fußball-Kommerzes. Viel hat die Fifa getan, um sich gegen diesen Eindruck zu wehren. So jedenfalls stellt sie es selbst dar. Am Morgen vor den Protesten lautet das Thema des Medien-Briefings Nachhaltigkeit und soziale Projekte. Die Botschaften werden auch von den riesigen Stadion-Bildschirmen verkündet. Afrobrasilianische Kinder profitieren von diesen Projekten, heißt es. Im Stadion aber sieht man die Kinder nicht, außer als Balljungen und Einlaufstaffage eines der Sponsoren. Auf der Tribüne ist für sie kein Platz, zu teuer sind die Tickets. Gönnerhaft hat die Fifa vor dem Turnier Tickets an die Brasilianer indigener Herkunft verteilt, als könne man sich deren Gunst erkaufen.

          Aufgebracht: Der Frust vieler Fans in Brasilien bricht sich Bahn
          Aufgebracht: Der Frust vieler Fans in Brasilien bricht sich Bahn : Bild: AP

          Die Protestwelle, die vor wenigen Tagen in Sao Paulo wegen Fahrpreiserhöhungen begann, richtet sich nicht nur gegen die brasilianische Regierung. Sie richtet sich auch gegen die Maßlosigkeit der Fifa-Vorgaben, die keine Rücksicht darauf nimmt, ob eine Gesellschaft überhaupt in der Lage ist, diese neuen Prachtbauten zu verkraften. Investitionen wie für das Stadion Maracana, das fast eine halbe Milliarde Euro an Umbauarbeiten verschlungen hat, fehlen nun anderenorts. Schulen, Universitäten, Kindergärten sind in einem schlechten Zustand. Die Fifa-Manager stehen dieser Entwicklung ratlos gegenüber. Ignorierten sie anfangs die Proteste, trifft sie der Zorn nun mit voller Wucht. Hinzu kommen Entscheidungen, die viele brasilianische Fans nicht verstehen können: Das Stadion Maracana, mit Steuergeldern komplett saniert, wird bald privatisiert werden. Selbst Pelé, die brasilianische Fußball-Legende, zeigte sich entrüstet: „Maracana gehört dem Volk. Das war schon immer so.“ Für den neuen milliardenschweren Eigentümer ist die Übernahme ein exzellentes Geschäft, für den Steuerzahler eine herbe Niederlage. Brasiliens Trainer Luis Felipe Scolari hat sich bislang zu den Vorfällen nicht geäußert, auch seine Nationalspieler halten sich zurück. Die Marschroute ist klar: Sie wollen nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.

          Der Confed-Cup ist erst der Auftakt, es folgen die WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016. Auch für Olympia wird in Rio schon kräftig gebaut, es wird ein Hafengelände aufwendig saniert. Doch ähnlich wie für die Fußball-Events fehlt es auch hier an nachhaltigen Investitionen in Verkehrs-Infrastruktur und Mobilität, die der Allgemeinheit zu Gute kämen. Diese Probleme betreffen alle Brasilianer, eingeleitete Maßnahmen sollen erst nach WM und Olympia fertig werden. Fifa und IOC werden deshalb die Entwicklung in Brasilien mit Sorge verfolgen. Ein Datum aber wird der Fußball-Verband mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben. Am 1. Juli soll es einen Generalstreik in Brasilien geben. Dann ist das Finale des Confed-Cups in Rio de Janeiro aber schon gespielt, und die meisten Fifa-Manager sitzen wieder im Flugzeug Richtung Heimat. Die Brasilianer bleiben dann mit ihren Problemen erst einmal allein.

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