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Boxen : Doppelweltmeister Ottke benötigt die Kraft der doppelten Herzen

  • -Aktualisiert am

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Sven Ottke ist der erste deutsche Profiboxer, der die Weltmeistertitel zweier Verbände trägt. In einem packenden Kampf schlug der 35-Jährige den Amerikaner Byron Mitchell nach Punkten.

          3 Min.

          Als Vertreter der führenden Weltmacht entwaffnet. So jedenfalls fühlte sich Byron Mitchell aus Ozark in Alabama nach dem verlorenen Duell im Ring der Berliner Max-Schmeling-Halle gegen Sven Ottke.

          Mitchell teilt seit Sonntag die Erfahrung mit amerikanischen Landsleuten wie Joe Gatti, Thomas Tate, James Butler, James Crawford oder Charles Brewer, die alle nach Germany gekommen waren, einem alternden Berufsboxer endlich das Handwerk als Weltmeister zu legen. Manche großmäulig wie selbstherrliche Sheriffs, Mitchell aber mit erlesenen Fähigkeiten und Manieren. Der Weltmeister des Verbandes WBA auf Staatsbesuch beim Weltmeister des Verbandes IBF.

          Ottke schrammte Millimeter am K.o. vorbei

          Die Könige des Super-Mittelgewichts unter sich, das hatte was. Vor allem für Ottke, der jetzt stolz die Gürtel beider Boxfirmen in seinem Besitz herzeigen kann. Allerdings mit dem Schönheitsfehler der Erinnerung an eine zwölfte Runde, die der Spandauer am liebsten ungeschehen machen würde.

          Zwei begehrte Gürtel: Sven Ottke ist Doppelweltmeister der Profibox-Verbände IBF (rot) und WBA (schwarz). Manager Wilfried Sauerland (l.) und Trainer Ulli Wegner jubeln mit.
          Zwei begehrte Gürtel: Sven Ottke ist Doppelweltmeister der Profibox-Verbände IBF (rot) und WBA (schwarz). Manager Wilfried Sauerland (l.) und Trainer Ulli Wegner jubeln mit. : Bild: AP

          Aber genau diese Schwachstelle in der Schlußrunde zeigte in den Minuten danach die exemplarische Stärke des deutschen Weltmeisters auf, sich aus kritischer Situation zu befreien. Nach dem Volltreffer des Amerikaners schrammte Ottke nur Millimeter an einem K.o. vorbei, mobilisierte jedoch innerhalb von Sekunden all seine Sinne, wich dem nachsetzenden, seine späte Chance witternden Mitchell aus und teilte seinerseits sogar wieder aus.

          Mitchells Führungshand verbreitet Respekt

          Im nachhinein ärgerte sich 2:1-Punktsieger Ottke „über meine eigene Doofheit,“ für den Bruchteil einer Sekunde nicht aufgepaßt zu haben, im Vorgriff auf den Triumph und den Zugriff auf die Beute nicht so hundertprozentig auf der Hut gewesen zu sein wie in den elf Runden zuvor.

          Der Amerikaner war die Denksportaufgabe Ottke vorsichtig angegangen, wollte sich „nicht in tiefes Wasser locken“ lassen. So umschrieb er die wieder und wieder per Video studierte Strategie des Konterboxers Ottke. Dieser eröffnete seinerseits die ungewöhnliche Partie ohne Herausforderer, indem er als erster die Inititative ergriff, immer wieder mit Schlagserien punktete, während Mitchell mit seiner linken, schnellen Führungshand Respekt verbreitete.

          „Ich bin noch nicht fertig“

          Doch auch er konnte „das Phantom“, wie Ottko schon im Frühstadium der Profikarriere charakterisiert wurde, letztlich nicht entscheidend stellen. Viele Versuche mit der rechten Schlaghand verfehlten das Ziel. Und wenn er traf, kam die Antwort prompt, Nadelstichen gleich. Nur beim Großangriff in der finalen zwölften Runde ließ sein „Svennie“ jenen Treffer zu, den auch Trainer Ulli Wegner als „einen wirklichen Hammer“ empfand.

          Da hätte abrupt Schluß sein können, aber so, wie Ottke seinen Kopf aus der Schlinge zog, konnte er dem Publikum in der ausverkauften Halle und den 7,95 Millionen vorm Bildschirm plausibel machen, noch nicht aufhören zu wollen, denn „ich bin noch nicht fertig.“

          Amerikaner wollen Revanche

          So abgekämpft wie der Fünfunddreißigjährige sich hinterher präsentierte, hat die These des amerikanischen Lagers einiges für sich, Ottke werde sich an Mitchell erinnern, wenn dieser ihn bereits vergessen habe. Da bahnte sich der Frust Bahn, härter als Ottke, aber nicht öfter und erst recht nicht entscheidend getroffen zu haben. Darum machte sich Manager Carl King dafür stark, „ es noch mal zu machen.“

          Sie respektierten das Urteil, wollten die Leistung des „intelligenten, ausgeschlafenen“ Siegers nicht schmälern, aber schieden im Gefühl, ihn bei einer Neuauflage packen zu können. So hatten schon die Gefolgsleute von Brewer gesprochen und sich beim Rematch eine blutige Nase geholt. Für Juni steht erst mal die Pflichtverteidigung gegen Antwun Echols an.

          Die „härteren Schläge“ kompensieren

          Der Amerikaner wird von King erfahren, was schon andere an diesem Ottke gestört hat: Das er sehr schnell ist, sich entzieht und so ausgebufft ist zu wissen, was gegen den jeweiligen Gegner zu tun ist, die Herren Amerikaner sich aber allein auf ihren ureigenen Tugenden verlassen.

          Sportsfreund Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, sah die Vorteile Ottkes in „einmalig guter Beinarbeit, seinem Geschick auszuweichen“ und dem angesammelten Punktepolster, das „die härteren Schläge und die glänzende Führungshand“ Mitchells mehr als kompensierten.

          Zwei Fäuste für ein atemberaubendes Halleluja

          Als Ottke in eigener Sache sprach und ankündigte, seine Erfolgsstory fortzuschreiben, waren sogar ein paar Juchzer in der Halle zu hören. Er hatte sodann noch den Nerv, sich für die Olympiakandidatur Leipzigs stark zu machen, denn wenn man das Herz entscheiden ließe, „dann kann es nur Leipzig werden“ und wünschte eine „schöne, verletzungsfreie Heimfahrt.“

          Erst hinterher, im kleineren Kreis, offenbarte Ottke, der gerade noch als Conférencier im Ring eine Extrarunde eingelegt hatte, wie sehr ihn dieser Kraftakt gegen einen fünf Jahre jüngeren geschlaucht hatte. Ottkes Manager Wilfried Sauerland fand das richtige Wort, als er nach der 16. Titelverteidigung plus Eroberung eines weiteren Titels davon sprach, daß sich sein Mann aus brenzliger Situation „herausgemogelt“ habe. Nach diesem „Vereinigungskampf“ genannten Verdrängungswettbewerb ist er Doppelweltmeister. Um es zu bleiben, bedürfte es schon der Kraft der doppelten Herzen. Bisher haben zwei Fäuste für ein atemberaubendes Halleluja gereicht.

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