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Boxen : Das Vergnügen, als Underdog im Ring zu stehen

  • -Aktualisiert am

Schlagfertig: Klitschko und Lewis Bild: AP

Boxweltmeister Lennox Lewis fühlt sich sicher, Witali Klitschko sieht eine Schwäche beim Champion: Vor ihrem WM-Kampf in Los Angeles geben sich die beiden Schwergewichtler gelassen.

          3 Min.

          Witali Klitschko tat geheimnisvoll wie einst Max Schmeling. "Ich habe eine Schwäche gesehen." Die gleiche Andeutung hatte die deutsche Boxikone gemacht und dann Joe Louis in der 12. Runde k.o. geschlagen. Eine der größten Überraschungen in der Historie des Boxens war perfekt. Der ukrainische Hüne fühlt sich von seinem mittlerweile 97 Jahre alten Idol inspiriert. "Die Geschichte wird sich nach 67 Jahren wiederholen", prophezeite Klitschko - gegen Lennox Lewis genauso krasser Außenseiter wie damals Max Schmeling gegen Joe Louis.

          Die Schweißarbeit in den Trainingscamps war getan, Öffentlichkeitsarbeit angesagt. Medienmittag vor dem Showdown am Samstag im Staple Center von Los Angeles: Witali Klitschko im eleganten khakifarbenen Anzug, darunter ein schwarzes T-Shirt, saß mit seiner Entourage, angeführt vom jüngeren Bruder Wladimir, längst artig auf dem Podium und wartete. Reichlich verspätet schlenderte Lennox Lewis herein, mit dem Selbstbewußtsein des Champions: dunkle Sonnenbrille, die Rastazöpfe unter einer schwarzen Kappe gebündelt, knallgelber Frottee-Freizeitanzug mit kurzen Hosen. Ein neu kreierter Gürtel wurde ihm überreicht, der den WBC-Champion aus England als den einzig wahren Weltmeister im Schwergewicht auf der Nachfolgelinie seit John L. Sullivan legitimiert.

          Lewis neigt zu Arroganz

          Sein Herausforderer, der 31 Jahre alte Doktor der Sportwissenschaft, wirkte nicht gerade souverän, als er am Rednerpult seinen Vortrag zum Kampf von einem Zettel ablas, anstatt - so gut ist sein Englisch allemal - frei drauflos zu plaudern. Er finde es aufregend, las er vor, in Los Angeles zu boxen, wo er mit seiner Familie lebe. "Es ist eine wundervolle Chance, dem amerikanischen Publikum zu zeigen, wer ich bin und was ich kann. Ich weiß, daß ich bei den Experten der Außenseiter bin. Aber ich werde sie überzeugen und neuer Weltmeister werden." Für den älteren Klitschko ist es neu, selbst derart im Mittelpunkt und nicht nur an der Seite seines in amerikanischen Ringen längst heimischen jüngeren Bruders zu stehen.

          Ergebnis des Wiegens beim Weltmeister: 116,3 Kilo

          Lewis provozierte nicht, wiederholte nicht, daß er seinem Herausforderer nur fünf Runden gibt. Den Spott bekam Kirk Johnson ab, der Kanadier, der den Kampf erst möglich machte, "als er entschied", höhnte Lewis, "verletzt zu sein. Ein weiser Entschluß." Die Großmut des Champions, so kurzfristig einen anderen Gegner zu akzeptieren, wird als historische Großtat gepriesen. Der Kabelsender HBO hatte die Pflichtverteidigung erst für Dezember geplant, im Pay-per-view (Bezahlfernsehen) für 50 Dollar. Das ist das Geschäft, das aber eine drei Monate lange Werbekampagne voraussetzt. Nun gibt es den Kampf "live" im gewöhnlichen Abonnement. "Lennox hat auf Geld verzichtet", sagte HBO-Sportpräsident Ross Greenburg und erhöhte die Börse wenigstens um 1,5 auf 7 Millionen Dollar. Klitschko wird mit 1,4 Millionen Dollar und den deutschen Fernsehrechten (ZDF) entlohnt.

          Unterschätzt Lewis in seiner Neigung zur Arroganz den offiziellen Herausforderer? Klitschko-Trainer Fritz Sdunek räumt ein, daß der kurzfristige Gegnerwechsel für den Titelverteidiger allemal ein größeres Risiko sei als für den Herausforderer. Der sieht seine Chance und packt zu. "Witali hat doch nichts zu verlieren." Lewis, der seine Überheblichkeit schon zweimal mit K.o.-Niederlagen bezahlte, ist sich seiner Sache sicher. Klitschko habe noch nie einem Boxer seiner Klasse gegenübergestanden, und er, Lewis, sei mit großen Kerlen immer besonders gut zurechtgekommen. Er redet gern in der dritten Person: "Lennox Lewis wird siegreich sein." Irgendwelche Zweifel?

          Und wenn das „Weichei“ Weltmeister wird?

          "Kämpfe werden nicht auf Presseterminen entschieden", sagte Witali Klitschko und stand dennoch nach der Medienpräsentation eine weitere Stunde Rede und Antwort - ohne Zettel. Der 2,02-Meter-Riese bemerkte dabei: "Lewis hat einen großen Fehler gemacht, als er nach dem Sieg über Mike Tyson auf der Höhe seines Ruhms nicht aufgehört hat." Das klang wie das Bedauern, eine Legende zerstören zu müssen. Doch welche Chancen hat der so statisch boxende Ukrainer (31 K.-o.-Siege in 33 Kämpfen) tatsächlich gegen die Geschmeidigkeit und Schlagkraft des Champions?

          Larry Merchant, dem Star-Kommentator von HBO, sind offenbar Bedenken gekommen. Der scharfzüngige Zyniker, der nach der Aufgabe gegen Chris Byrd wegen einer Schulterverletzung Witali Klitschko "die Mentalität eines Champions" abgesprochen und ihn als "Weichei" verhöhnt hatte, beugt einer - für ihn dann sicherlich peinlichen - Überraschung schon mal mit dem Argument vor: "Lewis hat ein Jahr nicht gekämpft und wird 38 Jahre alt."

          Das Gespräch mit Sdunek und dessen so überzeugend wirkende Zuversicht lassen Merchant befürchten, am Samstag vielleicht ein "Weichei" als Weltmeister würdigen zu müssen. Keine angenehme Vorstellung. "Witali wird den Kampf geduldig, aber bestimmend angehen, agieren und versuchen, zuerst zu schlagen", sagt Sdunek. "Seine Kondition und seine Schnelligkeit werden der ausschlaggebende Faktor sein. Sein Stil sieht zwar nicht so elegant aus, ist aber sehr zweckmäßig." Was Corrie Sanders, der Polizist aus Pretoria, der Wladimir Klitschko k.o. schlug, aus jüngster Erfahrung in die Debatte warf, spricht eher für als gegen Witali: "Es ist schön, der Underdog zu sein." Wie Max Schmeling anno 1936 gegen Joe Louis.

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