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Box-WM in Amerika : Tapferkeit und Ausdauer reichen Feigenbutz nicht

  • -Aktualisiert am

Boxer Vincent Feigenbutz (links) muss sich in der zehnten Runde geschlagen geben. Bild: AFP

Die deutschen Profiboxer bleiben in den Vereinigten Staaten seit fast 90 Jahren ohne WM-Sieg. Auch Vincent Feigenbutz scheitert bei seinem Versuch. Der Ringrichter bricht seinen Kampf ab.

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          Manchmal besteht Tapferkeit auch darin, sich ungebrochen optimistisch zu geben. Vincent Feigenbutz versuchte zu lächeln, als der Ringrichter ihn nach neun Runden in der Ringecke besuchte, um sich zu erkundigen, ob er „okay“ sei. Es wurde mehr Grimasse als Miene, weil längst nicht mehr alles wunderbar und seine Nase wohl soeben gebrochen war. Dennoch konnte sich der 24-jährige Profiboxer aus Karlsruhe auf diese Weise etwas Zeit kaufen, um vielleicht doch noch neuer Weltmeister im Supermittelgewicht nach Version der International Boxing Federation (IBF) zu werden. Die Hoffnung schert sich im Spitzensport selten um Wahrscheinlichkeiten.

          Exakt zwei Minuten und 23 Sekunden später allerdings hatte der Ringrichter Malik Waleed genug gesehen. Er nahm den Deutschen, der gerade wieder harte Kombinationen gegen Kopf und Körper einstecken musste, in der zehnten Runde aus dem bedenklich einseitigen Vergleich – und machte so dessen Gegner, den Amerikaner Caleb Plant, zum erfolgreichen Titelverteidiger. Von diesem Moment des späten Samstags an waren die Rollen im Ring der ausverkauften Bridgestone Arena in Nashville/Tennessee klar verteilt. Während sich der 27-jährige Champion aus dem nahen Ashville City am Samstagabend vom Heimpublikum feiern ließ, bemühten sich Feigenbutz und seine Betreuer um achtbare Haltungsnoten.

          „Ich hätte gern noch länger geboxt“, bedauerte der sichtbar Gezeichnete, weil er bis dahin „fest auf den Beinen“ gestanden und außerdem noch genug Sprit im Tank gehabt habe. „Für die Sicherheit“ in seinem Kampfsport sei das dennoch „eine korrekte Entscheidung“ gewesen. In diesem Sinne suchten auch Manager Rainer Gottwald und alle anderen Betreuer das anerkennende Shakehands mit dem gegnerischen Lager. „Wahre Sieger erkennt man in der Niederlage“, bemühte Feigenbutz eine alte Weisheit in dem für ihn so enttäuschenden Moment.

          Der zweite deutsche Berufsboxer zu werden, der sich fast 90 Jahre nach Max Schmelings Disqualifikationssieg über Jack Sharkey in Amerika zum Champion aufschwingt – das war der kühne Auftrag, den sich Feigenbutz selbst verliehen hatte. Das sollte sein ausbaufähiges Profil stärken sowie gleichzeitig seinen Sport wieder mehr in den Mittelpunkt des Interesses rücken, wie er vor der Abreise erklärt hatte: „Wenn ich den Gürtel mit nach Hause bringe, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung getan.“

          Doch in der mit fast 20.000 Zuschauern ausverkauften Arena konnte der frühere Interims-Champion wenig dafür tun: Er traf mit dem unbezwungenen Local Hero (nun 20 Siege) auf den vielleicht stärksten von vier anerkannten Titelträgern. Es war von Beginn an der Vergleich zwischen einem passablen, unerschrockenen und einem außergewöhnlichen Boxer, der ihn an Technik, Variabilität und Tempo deutlich übertrifft. Um sechs Zentimeter größer und stets reaktionsschneller, dominierte der bärtige Champion mit dem Beinamen „Sweethand“ das Geschehen im Ring über weite Strecken nach Belieben. Deckte seinen Gegner mit giftigen Kombinationen ein, bestimmte die Distanz. Immer hätten da zehn Zentimeter gefehlt, merkte Feigenbutz später an, um diesen wie aus Quecksilber gefertigten Widersacher zu stellen.

          So ging Runde um Runde an den Weltmeister; wenn überhaupt, fiel allenfalls der sechste Durchgang an dessen Herausforderer, als dieser ein- zweimal erfolgreich nachsetzte. Keiner wollte dem tapferen Karlsruher Mut und Ausdauer absprechen. „Er hat das große Herz, in jedem Fall“, lobte etwa der deutsche Live-Kommentator Tobias Drews. Der Klassenunterschied war dennoch offensichtlich, und die Trefferstatistik dokumentierte sie: Während Plant 202 (33 Prozent) seiner Schläge ins Ziel brachte, kam Feigenbutz nur auf 47 Treffer (18 Prozent). 47 „Hits“ über zehn Runden: Das reicht in keiner Gewichtsklasse aus, um Weltmeister zu werden oder gar jenseits des Ozeans einen neuen Boom hierzulande zu entfachen.

          Hinterher mochte sich der eindeutige Sieger auch kaum noch mit dem wackeren Gegner aus Deutschland beschäftigen, dem er soeben dessen dritte Niederlage (31 Siege) zugefügt hatte. Er rief bereits nach David Benavidez, dem konkurrierenden Titelträger des World Boxing Council (WBC) aus Phoenix in Arizona, um die Frage nach dem Besten im Supermittelgewicht bald zu klären – und an dem mutmaßlichen Megafight noch lukrativer zu partizipieren. Vincent Feigenbutz steht derweil ein Neuaufbau bevor. Er muss vor einem weiteren Titelanlauf seine boxerischen Mittel erweitern, statt sich in erster Linie auf seine Schlagkraft und seine mentalen Stärken zu kaprizieren. Tapfer und ausdauernd sind auf dem höchsten Niveau seines Sports recht viele.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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