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Boule : Die Kugel muss zur Sau

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Boule: Urlaubsmitbringsel auf den Weg in den Feierabend Bild: dpa

Was in Frankreich mit der Verbissenheit des Alters betrieben wird, ist in Deutschland Teil des Feierabends geworden: Boule.

          In Südfrankreich gehören sie zum Stadtbild: gesetzte Herren mit Baskenmütze auf dem Kopf, die filterlose Gitanes hinter dem Ohr und eine Eisenkugel in der Hand. Doch auch in Deutschland erfreut sich das Boule-Spiel wachsender Beliebtheit. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein hört man in Parks und Grünanlagen das metallische „Klack-Klack“ der Kugeln.

          „Beim Boule kann ich wenigstens einmal pro Woche der Familie entrinnen“, sagt Reinhard lächelnd. Der Architekt trifft sich mit Freunden regelmäßig zum Spiel unter Palmen im Darmstädter Orangeriegarten. Für den ledigen Computerspezialisten Frank steht hingegen die Geselligkeit im Vordergrund, mindestens ein gemeinsames Interesse hat man schon mal, wenn man sich auf der Anlage begegnet.

          Die Füße geschlossen - Pétanque

          Boule bedeutet Kugel, und Kugelspiele wie das schottische Bowls oder Boccia in Italien sind weltweit verbreitet. Hier zu Lande wird zumeist Pétanque gespielt, vermutlich der älteste Behindertensport der Welt. Er wurde, so die Überlieferung, für Jules LeNois erfunden. In La Ciotat, einer kleinen Hafenstadt bei Marseille, sah der ältere Herr 1910 traurig seinen Freunden beim Jeu Provençal zu. Weil ihn das Rheuma plagte, konnte er nicht mehr mitmachen, denn bei diesem Spiel wird die Kugel mit Anlauf knapp 20 Meter weit geschleudert.

          Die findigen Südfranzosen änderten die Regeln so ab, dass die Kugel aus einem Abwurfkreis und über kürzere Distanz gespielt wird. Dabei müssen beide Beine fest auf dem Boden stehen. Aus der Wendung „Les pieds tanqués“, auf provenzalisch „ped tanco“ - die Füße geschlossen -, wurde der Begriff Pétanque. Inzwischen spielen es schätzungsweise acht Millionen Franzosen, weltweit gibt es in 52 Ländern organisierte Pétanque-Spieler.

          Siegeszug durch Deutschland

          Touristen brachten das Spiel dann auch nach Deutschland. 1963 wurde in Bad Godesberg der erste Boule-Club Pétanque gegründet. Inzwischen zählt der Deutsche Pétanque-Verband (DPV) rund 350 Mitgliedsvereine mit zusammen knapp 14.000 Lizenzspielern und „zweistelligen Wachstumsraten“, wie DPV-Präsident Klaus Eschbach berichtet.

          Die Zahl der unorganisierten Freizeitspieler in Deutschland schätzt der Inhaber einer Werbeagentur im badischen Ettenheim auf mehrere Hunderttausend. Während in Frankreich vor allem Arbeiter und Rentner Boule spielen, ist es in Deutschland eher ein Hobby der gehobenen Mittelschicht, hat Eschbach beobachtet.

          Aus Wurzelholz gedrechselt

          Bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurden die Kugeln aus dem steinharten Wurzelholz des Buchsbaums gedrechselt, in das dicht an dicht Hunderte von Nägeln getrieben wurden. Heute werden sie aus eisernen Halbschalen zusammengeschweißt und wiegen bei einem Durchmesser von 70,5 bis 80 Millimeter zwischen 650 und 800 Gramm.

          Zwei Spieler oder zwei Mannschaften mit zwei oder drei Spielern treten gegeneinander an. Einzelspieler haben je drei, Mannschaften je sechs Kugeln. Sie versuchen, ihre Boules möglichst nahe an der kleinen hölzernen Zielkugel zu platzieren, dem „Conchonet“ (Schweinchen, meist Sau oder Wutz genannt). Gewertet wird jede Kugel einer Mannschaft, die näher am Schweinchen liegt als die beste der anderen Mannschaft. Es gewinnt, wer zuerst 13 Punkte hat. Gespielt werden kann auf jeder einigermaßen ebenen Fläche.

          Boule als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit

          Spiele, bei denen Kugeln an ein Ziel geworfen werden, sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Doch schon die Menschen der Frühantike müssen sich so die Zeit vertrieben haben - darauf deuten jedenfalls auf 5.000 bis 6.000 v. Chr. datierte Steinkugeln hin, die bei Catan Huyuc in Anatolien gefunden wurden. Auch im antiken Griechenland und bei den Römern wurde mit Kugeln gespielt, meist aus Stein oder Holz. 1369 verbot Karl V. das Spiel - er sah die Staatssicherheit gefährdet, weil die Soldaten lieber Boule spielten, als mit ihren Waffen zu üben.

          Die Pariser Synode von 1697 untersagte Geistlichen das Boulespiel in der Öffentlichkeit. Die Fakultät von Montpellier hingegen, so vermeldet der DPV, verwies im 16. Jahrhundert auf den Wert des Boule-Spiels für die Gesundheit: „Es gibt keinen Rheumatismus oder andere ähnliche Leiden, die nicht durch dieses Spiel vereitelt werden können, es ist für jede Altersstufe geeignet.“

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