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Blamage gegen Litauen : Das große Rätsel von Nürnberg

  • -Aktualisiert am

Schlicht „katastrophal” - Torsten Frings und das Nationalteam blamiert sich gegen Litauen Bild: dpa/dpaweb

1:1 gegen Litauen. Fußball-Vizeweltmeister Deutschland hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Doch öffentlich schlug niemand Alarm. Nur in der Kabine wurde nach dem Rückschlag in der EM-Qualifikation Klartext geredet.

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          Wie schön, wenn man Freunde in der Not hat. „Wir wollen Deutschland helfen“, sagt Valdas Ivanauskas. Das klingt zwar seltsam, nachdem die litauische Nationalmannschaft, deren Betreuer der frühere Bundesliga-Profi des Hamburger SV ist, der deutschen Auswahl eine gehörige Blamage beschert hat. Aber schaden kann der gute Vorsatz auch nicht.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Mittwoch spielen die Litauer gegen Schottland, und Deutschland wird nach dem ernüchternden 1:1 von Nürnberg beim Auftritt des größten Konkurrenten um einen Platz im EM-Turnier 2004 genauer hinsehen müssen als erwartet. Schottland ist - nach einem 2:1 gegen Island - neuer Tabellenführer, Deutschland nur noch Zweiter und das kleine Litauen Spielverderber und Mutmacher in einem.

          „Einfach so dahingeplätschert“

          Die Qualifikations-Gruppe 5 steht Kopf, und die Mannschaft von Rudi Völler trägt die Hauptschuld daran. Sie leistete sich einen seltsam uninspirierten Auftritt gegen einen dieser vermeintlichen Zwerge des europäischen Fußballs, Nummer 104 der Weltrangliste, der zuvor 0:3 in Island verloren hatte. Nach einem schwungvollen Auftakt und einem frühen Tor des Leverkuseners Carsten Ramelow in der achten Spielminute Minute sei das Spiel „einfach so dahingeplätschert“, wie Stürmer Miroslav Klose befand.

          Warum das so war, blieb das große Rätsel des Abends. So also wurde es nichts mit dem dritten Sieg im dritten Qualifikationsspiel und der scheinbar natürlichen Tabellenführung vor den Schotten des früheren Bundestrainers Berti Vogts. Stattdessen diese Pleite, gravierender noch als das jüngste 2:1 gegen die Färöer: Vogts darf sich freuen - zumal Völlers Elf in ihrem nächsten Qualifikationsspiel nach Glasgow reisen muss. Das wird erst am 7. Juni sein. Es bleibt also Zeit zur Besserung.

          „Riesensauerei“ - Schiedsrichter erkennt Tor nicht an

          Deutschlands Auswahl der Besten war gegen Litauen krank, und das lag nicht nur am Fehlen der verletzten Michael Ballack, Jens Jeremies oder Christoph Metzelder. Völlers hatte einen „Virus“ ausgemacht, der seine Spieler lähmte. „Nach dem schnellen 1:0 haben wir gedacht, dass wir auch mit weniger Aufwand bestehen können.“ Dem war nicht so.

          Zwar hatte seine Mannschaft immer wieder mal Torchancen, vor allem dann, wenn Bernd Schneider über die rechte Seite nach vorne drängte und Fredi Bobic mehr als ein Mal als Abnehmer seiner Flanken fand. Aber egal, ob Bobic, Klose oder später der unauffällige Torsten Frings: Das Tor von Gintaras Stauce, der mal mit dem MSV Duisburg in der Bundesliga gespielt hat, blieb eine Tabuzone für Deutschlands Angreifer. Bernd Schneider traf in der zweiten Halbzweit zwar ins Netz, wurde jedoch im Jubel vom Schiedsrichter unterbrochen, weil Bobic' Flanke im Tor-Aus gewesen sein soll. Dies nannte Völler hinterher eine „Riesensauerei“, weil dem nicht so war - aber ändern konnte er daran auch nichts mehr.

          Kahn verhinderte Schlimmeres

          So blieb es bei Ramelows Treffer, seinem ersten im 36. Länderspiel. Derart gestärkt verkündete der Torschütze immerhin: „Wir müssen die Ruhe bewahren. Wir werden die Qualifikation schon packen.“ Das Erreichen dieses Ziels wird von einer gehörigen Leistungssteigerung abhängen, aber große Sorgen vor einem noch gewaltigeren Schaden für den deutschen Fußball scheint sich keiner im deutschen Lager zu machen. Ramelows Analyse war unter den Spielern mehrheitsfähig, nur der große Mahner Rudi Völler merkte an, Deutschland sei „noch nicht qualifiziert“.

          Die deutlichsten Worte an diesem Abend fand einer, der in seinem erst zweiten Länderspiel nervös begonnen hatte, sich dann steigerte und später unfreiwillig ins Rampenlicht rückte. Der junge Wolfsburger Tobias Rau fand die deutsche Leistung schlicht „katastrophal“. Mag sein, dass er damit auch jene Szene meinte, die zum 1:1 in der 75. Minute geführt hatte. Bei einem der immer häufigeren Konter der Litauer ließ sich Rau nämlich vom Torschützen Tomas Razanauskas vergleichsweise anfängerhaft ausspielen. Hätte Torhüter Oliver Kahn kurz darauf bei einem Schuss aus kurzer Distanz nicht gewohnt gekonnt reagiert, hätte aus diesem 1:1 sogar noch Schlimmeres werden können.

          Keiner kann die Viererkette ausspielen

          Auf der anderen Seite verpuffte der finale Schwung der deutschen Mannschaft - unterstützt vom eingewechselten Angreifer Kevin Kuranyi in seinem ersten Länderspiel - nämlich wirkungslos, weil sie ihr Kardinalproblem nicht lösen konnte: die von zahlreichen Mittelfeldspielern unterstützte Vierer-Abwehrkette des Gegners auszuspielen. Eine Abwehr, die, wie Trainer Liubinskas verriet, „noch nie so zusammengespielt hat“. Weil sie so erfolgreich verteidigte, feierte Litauen einen der größten Erfolge seiner Fußball-Geschichte. „Es gab zwar mal ein Unentschieden gegen Europameister Dänemark“, erinnerte sich Valdas Ivanauskas. „Aber zwischen Dänemark und Deutschland liegen Welten“. Spielt die deutsche Mannschaft so wie gegen Litauen, sollte er da nicht so sicher sein.

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