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Bilanz der Leichtathletik-WM : „Das Tief liegt hinter uns“

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Gold für Deutschland: Franka Dietzsch Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein Titel, eine Silber- und drei Bronzemedaillen - Platz zwölf in der Länderwertung. Die deutschen Leichtathleten zeigten bei der WM in Helsinki durchwachsene Leistungen. „Das Positive überwiegt das Negative“, sagte Bundestrainer Jürgen Mallow. Doch es gibt noch viel zu verbessern.

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          Ehrlich währt am längsten: Nach diesem Motto hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in Helsinki seine WM-Bilanz gezogen. Anders als vor zwei Jahren in Paris, als es mit nur zwei Medaillen und Rang elf in der Länderwertung einen Einbruch gab, waren schönfärberische Töne nicht mehr zu hören. „Das Tief liegt hinter uns. Aber wir haben noch viel Arbeit vor uns, um dort hinzukommen, wo wir hinwollen“, sagte der Leitende Bundestrainer Jürgen Mallow. Das Ziel bei Großereignissen lautet, zu den besten fünf Mannschaften zu gehören. Ein Titel, eine Silber- und drei Bronzemedaillen wie nun, nach dem fulminanten Speerwerfen der Frauen, reichen dafür nicht aus, es wurde nach Medaillen Rang zwölf.

          „Die Enttäuschungen machen weniger als 25 Prozent aus. Früher lagen sie bei 40, manchmal sogar bei 50 Prozent der Starter“, so Mallow. „Verbesserungen sind erkennbar. Ein guter Teil der Athleten hat das Niveau, gemessen an Bestleistungen oder Plazierungen in der Weltrangliste, bestätigt. Das Positive überwiegt das Negative.“ Als Beispiel nannte er unter anderem den Erneuerungsprozeß in den Staffeln. Die 4 x 400-Meter Staffel der Frauen kam ohne Grit Breuer ins Finale, die Männerstaffel verpaßte ohne Ingo Schultz nur um drei Zehntelsekunden das Finale. „Das läßt uns hoffen für die Zukunft.“

          Problem Laufdisziplinen

          Die Olympischen Spiele 2004 in Athen waren für den DLV ein Schlüsselerlebnis. In Paris hatte man sich noch etwas vorgemacht. „Wir hatten damals einen hohen Verletzungsstand, und die Stimmung war schlecht. Wir glaubten, wenn sich beides ändert, wird es bei den Olympischen Spielen schon besser werden“, gab Sportdirektor und Generalsekretär Frank Hensel zu. „Wären wir in Athen mit einem blauen Auge davongekommen, hätten wir wohl wieder nichts geändert. So hat der DLV aber radikale Veränderungen vorgenommen wie kein anderer deutscher Sportverband.“

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          Bilanz der Leichtathletik-WM : „Das Tief liegt hinter uns“

          Dank der Bilanz von Helsinki könne man den neuen Kurs zwar fortsetzen, doch eine Garantie für einen Aufschwung in den kommenden Jahren gebe es nicht. Sorge bereitet dem Verband die signifikante Zahl von früh gescheiterten Athleten. „Wir müssen dort den Hebel ansetzen, wo Athleten ihre Leistung nicht abrufen konnten, vor allem die im Vorkampf Gescheiterten“, sagte Mallow. Während Präsident Clemens Prokop den positiven Part übernahm (“Medaillenbilanz und Plazierungen liegen über den Erwartungen. Wir werden mit Optimismus unseren Weg weitergehen“), machten die Funktionärskollegen die Schwach- und Leerstellen deutlich. Viele Laufdisziplinen waren gar nicht besetzt (Frauensprint, Langstrecken der Männer). Werfer und Stoßer tragen immer stärker zur Medaillenausbeute bei.

          „Ich beneide die USA“

          Mallow beschrieb, wo der neue Kurs Früchte trage: ein Teil der neuen Leistungssportkonzeption - strengere Auswahl der Athleten, höherer Leistungsanspruch - wirke; viele unterschiedliche Athleten trügen zur Bilanz bei, ältere, alte und auch junge. Würden noch die erkennbaren (nervlichen) Schwächen abgestellt, sei noch mehr zu erwarten. „Viele rufen ihre Fähigkeiten nicht ab. Da ist Entwicklungspotential.“ Der Bundestrainer blickte auch über den eigenen Zaun und meinte: „Ich beneide die USA. Sie haben ein Gesellschaftssystem, in dem junge Menschen an Leistungsdenken und Sport herangeführt werden, wie das bei uns nicht möglich ist. Sie haben eine andere Sportkultur.“ Deutschland und Europa beschrieb er als „satte Gesellschaft, die sich nicht anstrengen will. Wir sind in Europa in schlechter Gesellschaft.“ Aber auch anderswo laufe es nicht wie gewünscht: „Die Japaner entwickeln sich nicht wie erwartet, Australien macht Rückschritte, und die Chinesen machen wohl vieles falsch.“

          Hensel kündigte für die DLV-Kader mit insgesamt rund 420 Athleten nach der WM in einigen Gesichtspunkten Veränderungen an. Fünf bis acht Athleten werden in den Peking-Perspektivkader aufrücken, unter ihnen der Berliner Zehnkämpfer Andre Niklaus und der Leverkusener Hammerwerfer Markus Esser. Beide hatten überraschend im Finale vierte Plätze belegt und gehören zur Altersgruppe der Siebzehn- bis Dreißigjährigen, aus denen seit Herbst 2004 ein derzeit 53 Athleten großer Kader besteht, dessen Mitglieder besondere Förderungsmaßnahmen genießen.

          Wenig Verletzungsprobleme

          Nach öffentlichem und internem Streit um die Zugehörigkeit zu diesem Kader, den Hensel als „Ressort für die Jungen mit Blick auf Olympia 2008 oder gar 2012“ einschätzt, stellte der Verband klar, daß erfolgreiche ältere Aktive denselben Service erhielten. „Es geht dabei nicht um mehr Geld, sondern um Dinge wie Ernährungsberatung, psychologische Hilfe, Gesundheitsmanagement und weiteres“, sagte Hensel. In Frage kommen hier in erster Linie Diskus-Weltmeisterin Franka Dietzsch (37 Jahre), der Diskus-Bronzemedaillengewinner Michael Möllenbeck (35) und die Hürden-Vierte Kirsten Bolm (30). Zum Peking-Kader gehört schon der Kugelstoß-Dritte Ralf Bartels (27). Aus diesem Kreis jüngerer Athleten erreichten Geher Andre Höhne (Vierter) und der 200-Meter-Sprinter Tobias Unger als schnellster Europäer (Siebter) Finalränge von eins bis acht.

          Die insgesamt gute Vorstellung der DLV-Athleten in Helsinki führte Chefarzt Uwe Wegner darauf zurück, daß die Mediziner bei Verband und Athleten mit ihren Vorstellungen über Vorbeugung von und Umgang mit Verletzungen mehr Gehör fänden. Der Orthopäde, als 400-Meter-Läufer einst in der Nationalmannschaft gestartet, lobt: „So wenig Problemfälle wie hier habe ich noch nicht erlebt. Bei den Athleten existiert ein anderes Bewußtsein. Wer nicht fit war, ist zu Hause geblieben.“ Ausnahme: Dreispringer Charles Friedek.

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