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Zwei Talente, ein Ziel : Alles wird anders

Fritz wird körperbetonter

Fritz ist seit einem halben Jahr in der Oberstufe des Canisius-Kollegs. In seinen Leistungskursen Mathe und Sozialwissenschaften hat er zwölf Punkte, eine 2 plus. Im vergangenen Jahr hatte er sich noch an seinen Lehrern gerieben, das hat ihn Kraft gekostet, die er eigentlich nicht hatte. Sein neuer Trainer Frank Vogel, zugleich der Koordinator der Amateur- und Jugendabteilung des Klubs, machte ihm gleich klar, dass ihm auch Körperlichkeit wichtig ist. Das machte Fritz ein bisschen Sorge, denn er gehörte immer zu den Kleineren im Team.

In weiter Ferne, so nah: Bilals Trainer schnuppern an der Bundesliga
In weiter Ferne, so nah: Bilals Trainer schnuppern an der Bundesliga : Bild: Julia

Aber in dieser Saison und in diesem Semester ist Fritz gewachsen, das kann man wörtlich nehmen, die anderen merken das auch. "Fritz war immer kleiner als ich", sagt Bilal, "seit dem Sommer ist er echt groß geworden." Auf 1,84 Meter ist Fritz hochgeschossen, sein Spiel ist körperbetonter, der Trainer hat ihn jetzt auch ein paarmal in der Innenverteidigung aufgestellt. "In letzter Zeit fühle ich mich deutlich wohler", sagt Fritz. "Es kamen auch gute Rückmeldungen vom Trainer, das finde ich sehr wichtig. Da ist es einfacher, zu trainieren und zu spielen - und man bekommt noch mehr Motivation."

Pragmatisch in der Schule

In der Schule war es so, als hätte Fritz einen Schalter umgelegt, um seine Energie nur noch ins Lernen fließen zu lassen, aber da war er nicht der Einzige. "Die Oberstufe ist etwas ganz anderes. Nicht nur ich habe mich geändert, alle haben sich geändert." Fritz pendelt zwischen zwei Welten, in denen er Leistung bringen will und muss. Der Fußball ist ungebrochen wichtig, aber er verlangt immer mehr Kraft und Engagement; dazu kommen die immer größeren Anforderungen der Schule. Beides hängt für Fritz zusammen - ein gutes Abi bedeutet, sich den Studienort aussuchen zu können und weiter an der Fußballkarriere arbeiten zu können.

Er geht das jetzt ganz pragmatisch an, man könnte sagen: Fritz denkt von Spiel zu Spiel und von Semester zu Semester. "So kann man das sehen", sagt er. Seinen Eltern fällt manchmal auf, dass Fritz zu Hause anders redet, wenn er vom Fußballplatz kommt, anders auch als auf dem Hof der katholischen Schule. So, als ob jede Szene ihre eigene Sprache habe. "Die Sprache beim Fußball ist anders", sagt Fritz, "aber in der Schule ist es nicht weniger rauh. Da gibt es Leute, die sind ganz anders, die haben gar nichts mit mir gemeinsam. Beim Fußball haben wir alle wenigstens den Fußball."

Fritz wächst - und geht die Schule pragmatisch an
Fritz wächst - und geht die Schule pragmatisch an : Bild: Julia

Fritz spielt mit der U 16 noch nicht in der Bundesliga wie Bilal, sondern in der Regionalliga. Er gehört auch nicht dem DFB-Team an, auch in die Berlin-Auswahl ist er noch nicht berufen worden. Falls er darüber enttäuscht sein sollte, merkt man ihm das nicht an. Es ist auch eine Erleichterung, neben der Schule, den vier, fünf Trainingseinheiten sowie dem Spiel nicht noch weitere Termine zu haben. In den vier Freistunden unter der Woche macht er schon in der Schule seine Hausaufgaben, damit er sein Pensum schafft. "Mit der Berlin-Auswahl beschäftige ich mich zurzeit nicht", sagt Fritz. "Ich will einfach meine Leistung bei Hertha bringen."

Mit der Meisterschaftsrunde ist das in der U16 so eine Sache, fast alle Gegner sind ein Jahr älter. Die Mannschaft liegt im Mittelfeld, aber würde sie in ihrer Altersklasse spielen, wäre sie der Konkurrenz haushoch überlegen. So haben die großen Turniere gegen die anderen altersgleichen Bundesligaklubs den größten Reiz. Ende Januar fand die inoffizielle deutsche Hallenmeisterschaft statt.

Nach schwächerem Start steigerte sich das Team, im Achtelfinale schlug es den FC Bayern 5:2, im Halbfinale Borussia Dortmund 4:1, und das Endspiel gegen Hannover 96 wurde nach 0:1-Rückstand noch 3:2 gewonnen. Der Turniersieg war der Höhepunkt der Saison. Fritz erzielte dabei im Endspiel den Führungstreffer. Er war ja auch mal Stürmer wie Bilal, als er vor über drei Jahren zur Hertha kam. Aber das ist lange her, da waren beide noch Kinder.

Gleiches Alter, verschiedene Typen Fritz und Bilal sind zwei 15 Jahre alte Berliner Jungs und spielen bei Hertha BSC. Sie träumen von einer Karriere in der Bundesliga. Seit Sommer 2009 begleiten wir sie auf ihrem Weg. Für die Langzeitreportage bis an die Schwelle des Profifußballs hatten wir nach zwei Stürmern gesucht, die sich unterscheiden in Spielweise und Temperament, aber auch von ihrer Herkunft und den Anfängen ihrer Fußballkarriere. Bilal lebt in Spandau, er hat eine Schwester und geht in die neunte Klasse einer Realschule, er strebt den mittleren Schulabschluss an. Bilal hat immer für Hertha gespielt, schon seit seinem vierten Lebensjahr. Im vergangenen Sommer hat er wie Fritz einen Ausbildungsvertrag beim Klub unterschrieben. Fritz wohnt im bürgerlichen Charlottenburg, er hat zwei Schwestern und bereitet sich auf das Abitur auf dem Canisius-Kolleg im kommenden Jahr vor. Fritz ist im Jahr 2008 von einem kleineren Klub zur Hertha gewechselt. Er spielte dort aber bald in der Abwehr, später im Mittelfeld. In den vergangenen Spielzeiten war er rechter Verteidiger, mittlerweile setzt ihn der Trainer auch als Innenverteidiger ein. Bilal ist immer noch Stürmer. hor.

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