https://www.faz.net/-gtl-776cx

Zwei Talente, ein Ziel (6) : Am Scheideweg

“Irgendwann trennt sich die Spreu vom Weizen“, sagt Thom. „Er hat sicherlich Fähigkeiten, die andere nicht haben. Aber er muss jetzt lernen, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. Er wird es sehr schwer haben, er muss kämpfen - wie die anderen auch.“ Zu Beginn der Saison hat sich Bilal zudem einen neuen Berater gesucht, einen, den er schon länger kennt. Seinen Vertrag mit der Hertha hatte noch Michael Becker ausgehandelt, der hatte sich als Berater von Michael Ballack einen Namen im Fußballgeschäft gemacht. Bilal sagt, er fühle sich jetzt nicht mehr so unter Druck.

„Diese Saison ist bisher nicht so gut gelaufen, weil ich auch nicht so richtig meine Leistung gebracht habe. Das lag auch an meiner Einstellung, meiner Trainingseinstellung. Früher habe ich gedacht, dass ich das Training vielleicht nicht so brauche, dass ich sowieso spiele. Aber das war völliger Schwachsinn. Jetzt bin ich aber seit einigen Wochen und Monaten auf einem guten Weg“, sagt Bilal. „Der Trainer pusht mich und sagt, dass ich so weitermachen soll.“ Als es den Ärger gegeben hatte und ihm das Kapitänsamt entzogen wurde, gab es auch ein Gespräch mit dem Trainer und den Verantwortlichen der Hertha. „Da ist mir noch mal gesagt worden, woran ich arbeiten muss. Ich hoffe, dass jetzt alles besser wird.“

Seit ein paar Wochen trainiert Bilal zusätzlich mit seinem Onkel, der auch Bilal heißt. Er trainierte zuletzt einen Amateurklub, den er bis ins Berliner Pokalfinale führte. Onkel Bilal erklärte ihm, dass er anders darauf reagieren müsse, wenn er nicht spielen dürfe, er solle das als Herausforderung begreifen. „Ohne Fleiß gibt es keinen Preis, da muss ich was machen“, sagt Bilal. „Das habe ich verstanden.“ Er erlebt nun schon seit gut einem Jahr schwierige Zeiten. Als Bilal so gut war wie nur wenige in Deutschland aus seinem Jahrgang und sich die anderen Bundesligaklubs um ihn rissen, bekam er eine Jacke von der Hertha geschenkt, die zeigen sollte, dass er zu den großen Talenten des Vereins gehört.

Er spürt, wie ihm der Glaube guttut

Seit es nicht mehr so lief und Bilal auch emotionalen Halt gesucht hat, war aber niemand im Klub da, der zu ihm gesagt hätte: „Bilal, Kopf hoch, es geht weiter.“ Bilal wiederholt in diesem Jahr die neunte Klasse, im kommenden Jahr will er den mittleren Abschluss machen. In der Schule hat er sich mittlerweile stabilisiert, er wirkt auch ansonsten gefestigter, reifer. „Die Religion spielt dabei eine große Rolle“, sagt Bilal. Er betet mittlerweile fünfmal am Tag. Weil er das früher nie getan hatte, brauchte er zunächst jemanden, der ihm zeigte, wie das geht; er lernte auch Suren auswendig. Bilal sagt, wenn er sich jetzt stärker nach dem Glauben richte, ginge es nicht nur darum, gewisse Pflichten zu erfüllen, er müsse auch an seiner Persönlichkeit arbeiten. Er spürt, wie ihm der Glaube guttut.

Eine gute Erfahrung ist für ihn auch die Karriere seines Kumpels Hany. Der 17 Jahre alte Hany Muhktar spielte in dieser Saison schon für die Hertha in der zweiten Liga. Im vergangenen Sommer spielten die beiden noch zusammen im U-17-Meisterteam, Trainer Jos Luhukay hat Hany direkt zu den Profis geholt. „Ich freue mich sehr für ihn - und es ist schön zu sehen, dass es schon jemand in den Profifußball geschafft hat, der mit mir zusammen gespielt hat.“

Auch das sind Dinge, die Bilal an der Weggabelung seiner Karriere Mut machen. Aber noch stärker vertraut er auf sich selbst, mehr, als man nach all den Rückschlägen glauben mag. „Das Gefühl, dass ich es in den Profifußball schaffe, ist jetzt sogar stärker geworden“, sagt Bilal. „Ich sehe, was die anderen können - und da schätze ich meine Chancen gut ein. Ich hoffe sehr, dass es klappt.“

Gleiches Alter, verschiedene Typen

Fritz und Bilal sind zwei 16 Jahre alte Berliner Jungs und spielen bei Hertha BSC in der U 17. Seit dem Sommer 2009, als beide in der C-Jugend spielten, begleiten wir sie auf ihrem Weg, einen Traum zu verwirklichen, den so viele Jungs träumen: als Profi in der Bundesliga zu spielen. Für die Langzeitreportage bis an die Schwelle des bezahlten Fußballs hatten wir damals nach zwei gleichaltrigen Stürmern gesucht, die sich von ihrer Spielweise und Temperament unterscheiden - aber auch von den Anfängen ihrer Fußballkarriere und ihrer Herkunft.

Bilal lebt in Spandau, hat zwei Schwestern und strebt den mittleren Schulabschluss an. Er spielt seit seinem vierten Lebensjahr bei Hertha BSC. Fritz wohnt im bürgerlichen Charlottenburg, er hat ebenfalls zwei Schwestern und geht auf ein katholisches Gymnasium. Fritz ist vor knapp fünf Jahren zur Hertha gewechselt, er kam damals als Stürmer; danach war sein Platz in der Abwehr und im Mittelfeld, später füllte er die Position des rechten Verteidigers aus, danach spielte er in der Innenverteidigung und im defensiven Mittelfeld, jetzt wieder in der Innenverteidigung. Bilal ist in der U 17 weiterhin Stürmer. Als es mit 15 um die ersten Verträge bei Hertha ging, konnte Bilal einen langfristigen Kontrakt abschließen, Fritz’ Vertrag muss nach jeder Saison verlängert werden.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Spitzen der großen Koalition bei ihrem Treffen im Kanzleramt

Große Koalition : Union und SPD einigen sich bei Grundsteuer

Die Spitzen der großen Koalition haben bei der Reform der Grundsteuer einen Kompromiss erzielt. Das Gesetz soll nach monatelangem Streit noch vor der Sommerpause im Bundestag beraten werden.

TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.