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Zwei Talente, ein Ziel (9) : Neuer Traum in einer neuen Welt

Oktober 2014: Bilal (rechts) ist inzwischen in der U 19 des FSV Mainz 05 gelandet Bild: Selfie

Seit 2009 begleitet FAZ.NET zwei Berliner Nachwuchsfußballer. In Deutschland wird Fritz kein Profi – doch dank des Sports kann er in Florida studieren. Bilal spielt nun in Mainz und steht vor dem entscheidenden Jahr.

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          Fritz sitzt auf seinem Bett, die langen Beine ausgestreckt, darauf steht sein Laptop. In den Ohren zwei Stöpsel, das Bild wackelt manchmal oder bleibt für Sekunden stehen. Wie das so ist beim Skypen zwischen den Kontinenten. Fritz hat gerade Pause, eine Stunde zwischen Seminarraum und Sportplatz, mehr freie Zeit gibt es unter der Woche nicht. Seit diesem Sommer lebt, studiert und spielt er in Orlando, am Rollins College.

          Michael Horeni
          (hor.), Sport

          Berlin ist weit weg, und auch der Profifußball, von dem Fritz viele Jahre lang geträumt hat, als er noch bei Hertha BSC war. „Es war eine gute Entscheidung, nach Orlando zu gehen“, sagt Fritz im Herbst 2014. „Die Uni ist gut. Fußball macht Spaß. Richtig Englisch lernen macht Spaß. Das College-Leben ist sehr in Ordnung. Es passt.“

          Im Sommer 2009 hatten wir mit der Langzeitreportage über Fritz und Bilal begonnen, beide spielten damals in Herthas C-Jugend. Der Plan war, sie bis zur Volljährigkeit zu begleiten, bis zum Ende der letzten Jugendsaison. Eine Frage schwebte dabei von Beginn an über dem Projekt, die schwierigste von allen: Wie würden die Jungs damit zurechtkommen, wenn ihr großer Traum platzen sollte, wenn es nichts wird mit einem Profivertrag, wenn all die jahrelangen Mühen, auch Entbehrungen, vergebens sein würden?

          Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass es irgendwann so kommt. Fritz und Bilal wussten das, aber sie waren mutig genug, trotzdem mitzumachen. Diese Frage aber geht den gesamten deutschen Sport an. Vor allem die Fußballklubs in diesem Land, die jedes Jahr Hunderte hochtalentierte Jugendliche an der Schwelle zum Profifußball aussortieren, müssen sich fragen lassen: Wie kann diese Zeit, selbst wenn es am Ende nicht für einen Vertrag reicht, trotzdem zu einem Gewinn für diese ihnen anvertrauten Jungs werden? Und nicht nur ein bitterer Verlust?

          Oktober 2014: Fritz studiert und spielt jetzt am Rollins College in Orlando
          Oktober 2014: Fritz studiert und spielt jetzt am Rollins College in Orlando : Bild: Selfie

          Für Fritz war in diesem Jahr der Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen von seinem Traum. Er sitzt nun auf seinem Bett in Orlando, und während sein Kommilitone aus Indien das gemeinsame Zimmer betritt, sagt Fritz ganz entspannt: „Ich blicke gerne zurück auf die Hertha-Zeit. Ich würde es noch mal machen, auch wenn im letzten Jahr viel Ärgerliches passiert ist. Aber es ist etwas Besonderes, auf dem höchstmöglichen Level zu spielen. Das will ich nicht eintauschen. Ich würde das Ganze aber gerne noch mal unter anderen Umständen machen, auch mit einem anderen U-17-Trainer. Heute könnte ich auch selbst mehr bewirken.“

          Wenn man sich das Leben ansieht, das Fritz nun in Florida führt, und die Perspektiven, die sich ihm dadurch eröffnen, kann man sagen: Der eine Traum ist vorbei - und ein neuer Traum hat begonnen.

          „Die kümmern sich den ganzen Tag um uns“

          Dank dem Fußball hat Fritz ein Vollstipendium an einer der besten Universitäten im Süden der Vereinigten Staaten erhalten. Er studiert Philosophie und Volkswirtschaftslehre im Hauptfach, ein Doppel-Bachelor. Im Nebenfach Politik, dazu der sogenannte „liberal arts degree“, ein insgesamt breiter aufgestelltes Studium. „Normalerweise betragen die Studiengebühren 60.000 Dollar pro Jahr. Ohne Fußball wäre dieses Studium für mich nicht mal im Traum denkbar gewesen.“

          Vier Jahre dauert die Ausbildung am Rollins College, da kommt insgesamt knapp eine Viertelmillion Dollar zusammen, die Fritz mit dem Fußball einspielt. Er bekommt dafür eine Ausbildung unter Bedingungen, an die Studenten an staatlichen Universitäten in Deutschland nicht zu denken wagen. Eine bessere Zukunftsinvestition lässt sich kaum vorstellen. Fritz’ Mitbewohner hat kein Stipendium, seine Eltern zahlen die kompletten Gebühren. Sie besitzen eine Supermarktkette in Indien.

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