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Biathlon : Kreislauf-Kollaps und Staffel-Drama

  • Aktualisiert am

Qualen auf der Piste: Marco Morgenstern Bild: dpa

Ein Kreislauf-Kollaps von Startläufer Marco Morgenstern überschattete das dramatische Staffelrennen bei der Biathlon-Weltmeisterschaft.

          3 Min.

          Es waren dramatische Bilder, die sich da im Zielraum abspielten. Die Zuschauer im slowenischen Pokljuka fühlten sich an die taumelnde Marathonläuferin aus der Schweiz erinnert, die einst in Atlanta für so viel Aufsehen sorgte. Nun spielte der deutsche Biathlet Marco Morgenstern eine ähnliche tragische Rolle.

          Diagnose: Kreislauf-Kollaps. Sichtlich überanstrengt. Marco Morgenstern und sein taumelnder Weg ins Ziel überschattete das dramatische Staffelrennen bei der Biathlon-Weltmeisterschaft und führte dazu, dass der letzte deutsche Medaillentraum frühzeitig platzte.

          Kreidebleich auf den „Kamelbuckel“

          Kreidebleich taumelte der Altenberger den Anstieg zu den „Kamelbuckeln“ hinauf, stürzte mehrfach in den Schnee und schleppte sich mit nahezu übermenschlicher Anstrengung noch zum Wechsel. Das deutsche Team war geschockt. Morgenstern wurde sofort ärztlich behandelt. Nach der ersten Diagnose von Mannschaftsarzt Klaus-Jürgen Marquardt wird er keine bleibenden Schäden davon tragen.

          „Der Blutdruck ist nach einer Infusion wieder stabil. Ihm geht es ganz gut“, gab der Arzt Entwarnung. „Das hat sich nicht angekündigt. Auf den ersten zwei Runden habe ich mich gut gefühlt. Erst beim Rauslaufen auf die letzte Schleife stellten sich Probleme ein, wurde es mir schlagartig schwarz vor den Augen“, erinnerte sich Morgenstern, der über sechs Minuten auf die Spitze verlor. Den Titel über 4x7,5 km gewann zum ersten Mal in der WM-Geschichte Frankreich vor Weißrussland und Norwegen; Mitfavorit Deutschland landete nach Morgensterns Kollaps auf dem zwölften Platz.

          „Unverantwortlich und lebensgefährlich“

          Die drei anderen deutschen Männer bewiesen Moral und kämpften trotz des Rückstands von Morgenstern (6:13 Minuten) bravourös. Sven Fischer lief Runden-Bestzeit, sein Schwager Frank Luck (beide Oberhof) war Vierter und Ricco Groß (Ruhpolding) Dritter auf der „Etappe“. Das Ziel erreichten sie 4:09,6 Minuten hinter Frankreich als Zwölfte. „Da sieht man, was heute möglich gewesen wäre“, ärgerte sich Bundestrainer Frank Ullrich. „Wichtiger als die verlorene Medaille ist aber, dass Marco wieder okay ist“, relativierte er nach dem „so noch nie erlebten Drama“.

          Die drei anderen deutschen Staffel-Starter kritisierten die Entscheidung, Morgenstern durchlaufen zu lassen, nachdem sie die Fernsehbilder gesehen hatten. „Man hätte den Muxer wohl besser stoppen sollen“, sagte Groß. Luck zeigte sich „schockiert, tief betroffen“ und Sven Fischer meinte: „Das hätte ja lebensgefährlich werden können.“ Allerdings hatte während des Rennens keiner des deutschen Teams die Bilder des wankenden Sachsen live gesehen.

          Glückliche Frauen

          Am Samstag hatten die vier glücklichen Staffel-Frauen Uschi Disl (Moosham), Katrin Apel, Andrea Henkel (beide Oberhof) und Kati Wilhelm (Zella-Mehlis) mit 25,5 Sekunden Rückstand hinter dem alten und neuen Weltmeister Russland den zweiten Platz belegt und die deutsche Bilanz bei der WM auf einen Titel, drei zweite und zwei dritte Plätze geschraubt. Das Team verfehlte zwar die Vorjahres- Ausbeute (1/3/3) knapp, sammelte aber nach Norwegen (1/2/4) die meisten Medaillen.

          Uschi Disl war die schnellste Startläuferin, die beiden Oberhoferinnen Katrin Apel und Andrea Henkel jeweils die Zweiten ihrer Runden hinter den Russinnen. Die laufstarke Sprint-Weltmeisterin Kati Wilhelm, die zum ersten Mal als Schlussläuferin aufgeboten wurde, zog zwar schnell an der knapp einer Sekunde vor ihr in die Spur gegangenen Swetlana Ichmuratowa vorbei, doch handelte sie sich beim Liegendschießen zwei Strafrunden ein. „Es kam so ein komischer Wind auf. Ich habe zwar am Visier gerastet, doch in die falsche Richtung. Als dann noch zwei Scheiben standen und ich nur noch zwei Patronen hatte, wurde ich nervös“, erzählte Kati Wilhelm später. Mit einem Sturmlauf und makelloser Serie im Stehend-Anschlag verkürzte sie den Rückstand auf Russland um mehr als die Hälfte.

          Bilanz stellt zufrieden

          Der Erfolg der „Sbornaja“ war aber trotz der Strafrunde von Ichmuratowa ungefährdet. Bundestrainer Uwe Müßiggang lobte seine Frauen. „Alle fahren mit mindestens einer Medaille nach Hause. Kati Wilhelm wurde bei ihrem WM-Einstand als dritte deutsche Biathletin Weltmeisterin in einem Einzelrennen. Wir hatte zwei Medaillen als Ziel, vier sind es geworden“, bilanzierte er. Kati Wilhelm war mit je einmal Gold und Silber die dritterfolgreichste aller WM-Starterinnen hinter der Schwedin Magdalena Forsberg (2/0/1) und der Norwegerin Liv Grete Skjelbreid-Poiree (1/1/2).

          „Für mich war das eine sehr schöne und erfolgreiche Woche“, jubelte Wilhelm und strahlte mit Uschi Disl um die Wette. „Zweite im ersten und letzten Rennen. Die WM hat Spaß gemacht“, lautete das Fazit der 30 Jahre alten „Silber-Uschi“. Erfolgreichste Männer waren der Franzose Raphael Poiree (2/2/0) und der russische Doppel-Weltmeister Pawel Rostowzew.

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