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Betty Heidler : Blackout im Käfig

Gibt’s doch gar nicht: Betty Heidler scheitert früh Bild: dpa

Es ist ein Hammer am Morgen in Moskau. Betty Heidler fliegt schon in der Qualifikation aus dem Hammerwurf-Wettkampf bei der Leichtathletik-WM. Der Grund könnte ein Mangel an Selbstvertrauen sein.

          Es war ein Hammer zur frühen Morgenstunde, und hinterher stand Betty Heidler ziemlich bedröppelt in der Mixed-Zone des Moskauer Luschniki-Stadions und versuchte zu erklären, was da ein paar Minuten zuvor im Käfig und auf dem grünen Rasen passiert war. Die Weltrekordhalterin im Hammerwurf (79,42 Meter) - ausgeschieden in der Qualifikation, mit für ihre Verhältnisse indiskutablen 68,83 Metern.

          Dabei war eine Medaille das absolut realistische Ziel der 29 Jahre alten Eintracht-Athletin, die 2012 mit Bronze aus London zurückgekommen ist. Zudem hatte Betty Heidler, auch wenn sie nicht auf Rang eins der Jahresbestenliste steht, in dieser Saison keinen einzigen Wettkampf verloren. Und Druck hatte sie auch keinen. Der lastet auf den Russinnen. Aber immerhin fand sie hinterher deutliche Worte für ihren Blackout: „Die Technik war nicht das, was man braucht für ein WM-Finale. Ich habe es, so ähnlich wie bei der EM im letzten Jahr, nicht zusammen gebracht.“ Dabei dachte man, die Zeiten des frühen Scheiterns seien vorbei.

          Beim ersten Wurf touchierte der Hammer das Netz, der zweite landete knapp über 66 Meter, der dritte blieb ganz im Käfig hängen - Aus. Da blieb nichts mehr als ein bitteres Fazit. „Ich bin enttäuscht. Das war nicht mein Ziel. Kleine Fehler machen viele Meter und es waren heute große Fehler. Man kann es oder man kann es nicht.“ Dass es ihrer Vereinskollegin Kathrin Klaas mit 68,34 Metern nicht besser erging, war immerhin noch halbwegs zu erklären.

          Die hat sich von Betty Heidler und Trainer Michael Deyhle abgenabelt, trainiert zwei Tage die Woche bei Helge Zöllkau in Leverkusen und hat die Umstellungen noch nicht automatisiert: „Ich habe viel ausprobiert. Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte die Technik soweit stabilisiert in den vergangenen Wochen, aber ich bin unter Stress in einen alten Fehler zurückgefallen, den ich zehn Jahre lang gemacht habe.“ Was das frühe Ausscheiden der 29-Jährigen, deren Bestleistung immerhin auch bei 76,05 Meter steht, auch nicht erfreulicher macht.

          „Ich habe geglaubt, dass sie das noch korrigiert“

          Bundestrainer Deyhle betrieb derweil Ursachenforschung. Aber nur in Sachen Heidler. „Betty wollte hier schön werfen, aber sie muss effizient werfen, sie muss Geschwindigkeit auf den Hammer bringen. Aber sie hat die Spannung verloren und ihre Power.“ Dabei hätten die Versuche beim Einwerfen fürs Weiterkommen locker gereicht. Und anfangs hat es noch ausgesehen, als könne sie nach dem Netzwischer das WM-Debakel doch abwenden.

          „Ich habe geglaubt, dass sie das noch korrigiert“, sagt Deyhle. Das Problem sei eigentlich gar kein technisches, sondern eher ein mentales. Aber auch keines für den Psychologen. Den hat Betty Heidler ja schon. „Der Fehler liegt in ihr selbst“, sagt Deyhle. Und er erzählt, dass die Weltmeisterin von 2007 und Europameisterin von 2010 irgendwann angefangen hat, an ihrer Technik zu zweifeln. Warum, kann er nicht genau sagen, zumal eigentlich kein Grund bestanden habe, etwas zu ändern.

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          Nach ihrer Siegesserie „müsste sie eigentlich vor Selbstvertrauen strotzen“, sagt Deyhle. Auch wenn sie damit nicht in Weltrekordweite gekommen ist, aber 76,48 Meter bedeuten immerhin Platz vier der Top-Ten-Liste. „Sie fängt beim Werfen an zu denken, und dann gehen die Automatismen flöten.“ Es gibt aber noch einen anderen Ansatzpunkt. „Wir hatten den letzten Wettkampf vor der WM vor sechs Wochen“, sagt Deyhle. Das ist für so eine komplizierte Disziplin eigentlich zu lange. „Aber es gab einfach keinen hochwertigen Wettkampf in der Zeit.“

          Und noch eines könnte mit Blick auf die WM kontraproduktiv gewesen sein. Die Ankündigung, als erste Frau die magische 80-Meter-Marke knacken zu wollen. „Da hat sie immer versucht, den optimalen Wurf zu machen, nicht den maximal möglichen.“ Deyhles Appelle, ihre Einstellung zu ändern, fielen nicht auf fruchtbaren Boden. Das wenigstens dürfte sich nach dem Hammer von Moskau ändern. „Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist die Bereitschaft zur Veränderung wieder da“, sagt Deyhle. Eine Niederlage zur rechten Zeit war das leider nicht.

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