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Berti Vogts : Rückkehr als Seelentröster

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Ungewohnt für kuwaitische Spieler: Training mit harten Bällen. Bild: dpa

Mit der Nationalmannschaft Kuwaits ist Berti Vogts auf Deutschland-Tour - und spricht über Chancen und Perspektiven des DFB-Teams.

          3 Min.

          Bundestrainer bleibt man ein Leben lang. Keiner weiß das besser als Berti Vogts. Da sitzt er im Partyraum des SV Baiersbronn als kuwaitischer Nationaltrainer und redet über Deutschlands Sorgenkinder. Braun gebrannt wirkt er wie ein Vater, der seinem Ältesten die Angst vor der Gesellenprüfung nehmen muss.

          Die Aufmunterungen purzeln sechs Tage vor diesem ersten Spiel gegen die Ukraine nur so aus ihm heraus. "Rudi", meint er, "hat genau das Richtige getan, er hat sich zu seinen Spielern bekannt". Nun ist es nicht so, dass der ehemalige Bundes-Berti sich aufdrängt.

          "Nach dem 1:5 gegen England habe ich mein Telefon abgestellt". Sie fragen ihn in diesen Krisenzeiten überall. Vor der Kabine, auf dem Rasen, später im Hotel - als könne er allein in die Zukunft sehen. 600 Menschen kommen ins Fußballstadion nach Baiersbronn. Ein Foto hier, eine Unterschrift dort. 15 Mark kostet ein Blick auf Berti. Soviel wie "80 Liter Benzin" (Vogts) in Kuwait.

          Europapark Rust: Daumen hoch für Berti Vogts.
          Europapark Rust: Daumen hoch für Berti Vogts. : Bild: dpa

          In Kuwait ist das Gras höher, der Ball nicht so hart aufgepumpt

          Der Stadionsprecher hebt die Stimme: "Wir begrüßen für Kuwait Berti Vogts". Der 54-Jährige genießt es, so gefragt zu sein. Daheim in Deutschland haben sie ihm weh getan. Aus als Bundestrainer, Rauswurf in Leverkusen. Viele haben ihn ausgelacht und er war verbittert.

          Jetzt steht er im Mittelpunkt wie die "Alten" der Politik. Wie Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel, Helmut Schmidt, die hervorgekramt werden, wenn es irgendwo auf der Welt kriselt. Im Fußball gibt es dafür Berti Vogts und ein paar andere. Erstaunlich gelassen schafft er den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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          Zitat

          Ich habe einen Spieler, der lacht sich kaputt über 60 Millionen. Der kommt aus einer so reichen Familie, der freut sich, wenn er zehn Kinder kriegt und seine Mannschaft gewinnt.

          Berti Vogts zu den hohen Gehältern im Profi-Fußball
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          Wer als Trainer nach Kuwait geht, der hat in der Branche nicht mehr die große Auswahl auf dem Arbeitsmarkt. "Ich wollte Distanz schaffen zu Deutschland", sagt er entspannt. "Der Schwarzwald", sagt er, "ist meine zweite Heimat". Die zeigt er nun seinen Spielern, den reichen Wüstensöhnen, "die nicht Fußball spielen müssen, aber wollen".

          Kein leichter Job für ihn und seinen Assistenten Wolfgang Rolff. In Kuwait ist das Gras höher (wegen der Hitze), der Ball nicht so hart aufgepumpt. "Da ist die Schusshaltung anders. Wir müssen einfachste Passfolgen üben". Der Fußballehrer und Deutschland-Experte Vogts als Grundschullehrer und Entwicklungshelfer.

          "Was ist viel, das frage ich mich in Kuwait oft"

          Bald soll Bundestorwarttrainer Sepp Maier für eine Woche kommen, weil die Kuwaitis ein Torwartproblem haben. Kuwait, findet er, müsse jetzt Profifußball einführen. Mit den acht Amateurteams der ersten Liga, fürchtet er, komme das Land nie zur WM 2006. Es wird ein weiter Weg, "weil die bei mittelmäßigem Tempo" Schwierigkeiten haben.

          "Katar, die Emirate und die Saudis sind noch stärker. Bis zum Golf-Cup müssen wir aufholen". Als die Kuwaitis im beschaulichen Baiersbronn gegen Racing Straßburg mit 1:2 verlieren, rufen sie "der Ball ist zu hart". Aber Berti bleibt unerbittlich. "Move out", sagt er, rudert mit den Armen und lächelt milde. Von außen ist der Eindruck oft viel weniger aufgeregt.

          Deutschland ist nicht das Nonplusultra

          Da wirkt selbst die 20 Millionen Überweisung von Bayern München an Sebastian Deisler wie ein Trinkgeld. "Wenn ich die Vermögensverhältnisse der Familie meines Kapitäns sehe, dann sind 20 Millionen wirklich nicht viel", sagt er und grinst. "Was ist viel", sagt er, "das frage ich mich in Kuwait oft". Umgerechnet 1,3 Millionen Mark soll er im Jahr bekommen, heißt es.

          Vieles ist anders. "In der Halbzeit gehen die Leute nicht in den Vip-Raum, sie gehen beten". Das müsse man akzeptieren. "Wir Deutschen denken immer, wir seien das Nonplusultra".

          Bundestrainer bleibt einer wie Berti Vogts immer

          Ein paar deutsche Tugenden aber findet Vogts für seine Spieler ganz gut. "Die müssen die europäische Robustheit lernen". Das will er ihnen vermitteln in den nächsten 14 Tagen, die er im Vergnügungspark "Europapark Rust" mit ihnen verbringt. Ein paar der jungen Burschen werden sich noch wundern. Am ersten Tag durften sie auf die Berg- und Talbahn und Karussells. "Die haben gedacht, es geht so weiter". Das wird es nicht.

          Schon allein, weil auch bei Berti Vogts der Blutdruck steigt, je näher es auf Samstag und dieses Spiel der deutschen Mannschaft gegen die Ukraine zugeht. Bundestrainer bleibt einer wie Berti Vogts immer, auch wenn er in Kuwait arbeitet, um die Wunden zu pflegen, die sie ihm in Deutschland beigebracht haben. "Das einzige, was mir dort wirklich fehlt, ist die Familie, die ich nur alle sechs Wochen sehe", sagt er.

          Und eben ein deutscher Sieg am Samstag. "Aber das", sagt er, "das schaffen wir, Deutschland wird sich qualifizieren"

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