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Beachvolleyball vor Gericht : Kampf um das freie Spiel der Kräfte

Berufsausübung unmöglich: Kim Behrens (l.) und Cinja Tillmann Bild: dpa

Zwei Beachvolleyballerinnen wollen es auf einen Rechtsstreit mit dem Verband ankommen lassen – weil sie sich bei der Ausübung ihres Berufs ausgebremst fühlen.

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          Kuala Lumpur, Warschau, Wien, Moskau, Gstaad und Rom. Sechs Turniere, bei denen die Beachvolleyballspielerinnen Kim Behrens und Cinja Tillmann hätten spielen wollen, aber nicht spielen durften. Weswegen ihnen mindestens 25.000 Dollar entgangen seien, wie ihr Trainer Hans Voigt meint. 25.000 Dollar Einnahmen, wenn Behrens/Tillmann hätten spielen dürfen, selbst wenn sie kein Spiel gewonnen hätten. Weshalb sie es jetzt auf einen Rechtsstreit mit dem Deutschen Volleyball-Verband (DVV) ankommen lassen wollen, sagt ihr Düsseldorfer Anwalt Paul Lambertz.

          Denn der DVV hat jenen Teams den Vorzug gegeben, denen mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 mehr zugetraut wird als Behrens/Tillmann. Vier Doppel werden als Nationalteams geführt, der Verband schützt ihr Startrecht bei den besten Turnieren, obwohl Behrens/Tillmann noch im Juni im Weltcupranking teilweise besser plaziert waren. Dem DVV ist am Montag ein Schreiben von Lambertz zugegangen, in dem es heißt, der Verband führe „das Besten-Prinzip, welches dem Leistungssport immanent ist, ad absurdum“.

          Denn spielen darf nur, wen der DVV meldet. Und Behrens/Tillmann werden nicht gemeldet. Oder ihre Meldung wird, wie für das World Tour Final in Rom, vom Verband zurückgezogen. „Mein Job ist es, den Erfolg bei Olympischen Spielen abzusichern“, hatte DVV-Sportdirektor Niclas Hildebrand im Juli der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, „weil daran staatliche Fördergelder gebunden sind, die für unseren Verband überlebenswichtig sind.“ Dafür müsse er nicht der fairste Sportdirektor sein. Lambertz macht einen Verstoß gegen das Kartellrecht geltend, der Verband behandele gleichartige Unternehmen, die Beachvolleyball-Paare, ohne sachlichen Grund unterschiedlich und mache seinen Mandantinnen die Berufsausübung unmöglich. Er werde ihnen, sollte der DVV seine Praxis nicht ändern, raten, das Bundeskartellamt einzuschalten und Schadensersatz zu fordern.

          Trainer Voigt, der Julius Brink und Jonas Reckermann, Olympiasieger von 2012, trainiert hatte und später auch Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, sagt, es gehe darum, am Beispiel seiner heutigen Spielerinnen zu zeigen, dass die Beschneidung der sportlichen Chancen durch den Verband nicht in Ordnung sei. „Das ist die Sicht vieler Spitzenspieler, die auf Grund dieser Festlegungen ihre Karrieren aufgegeben haben“, sagt Voigt.

          Erst vor zwei Jahren hatten die Querelen um Karla Borger und Margareta Kozuch die Szene aufgewirbelt. Dem Team hatte der Verband vorschreiben wollen, dass es am Stützpunkt in Hamburg trainieren sollte, was Borger/Kozuch ebenso verweigerten wie Chantal Laboureur und Julia Sude, die sich in Süddeutschland eingerichtet hatten. In beiden Fällen setzten die Sportlerinnen letztlich ihren Willen durch, der ständige Kleinkrieg hatte aber Energie gekostet.

          Dass die Einschätzungen der Verbandsspitze konträr zur Realität laufen, zeigte 2017 auch die Europameisterschaft, bei der es die bislang letzte Goldmedaille für ein deutsches Frauenteam zu gewinnen gab – durch die „falschen“: Nadja Glenzke und Julia Großner hatten zuvor schon die Mitteilung bekommen, dass sie ein Team ohne Zukunft seien. Das hinderte sie nicht daran, die damals frisch gekürten, freilich etwas überspielten Weltmeisterinnen Ludwig/Walkenhorst im Viertelfinale aus dem Turnier zu werfen. Danach löste sich das Team Glenzke/Großner auf, beide haben mittlerweile ihre Karrieren beendet.

          Deutsche Teams im direkten Duell: Behrens/Tillmann (hinten) beim WM-Spiel in Hamburg gegen Borger/Sude

          Ludwig suchte sich nach einer Babypause eine neue Partnerin und fand Kozuch. Die anschließend einsetzende Rotation brachte viele neue Teams hervor, aber keine neuen Erfolge. Stand jetzt wären nur Borger/Sude für Olympia qualifiziert. Nach Ansicht von Thomas Kaczmarek, dem zweiten Trainer von Behrens/Tillmann, hat das auch damit zu tun, dass das freie Spiel der Kräfte außer Kraft gesetzt wurde. Seines Erachtens sollte sich der Verband „im Sinne des Sports“ raushalten und die Teams „über den sportlichen Weg“ austragen lassen, welches sich für die Olympischen Spiele oder die Hauptfelder der großen Turniere qualifiziert.

          Amerikanerinnen und Brasilianerinnen spielen vor den eigentlichen Turnieren eine interne Qualifikation um die Startplätze. Der DVV dagegen hatte Anfang 2019 festgelegt, wer Olympiachancen haben durfte. Vor den deutschen Beachvolleyball-Meisterschaften am Wochenende in Timmendorfer Strand konzentriert sich Kaczmarek darauf, dass seinen Spielerinnen nicht gänzlich der Spaß am Sport abhanden kommt. „Wir versuchen, bestmöglich damit umzugehen, uns im täglichen Training verbessern und trotz des ganzen Ärgers hundert Prozent Leistung auf dem Platz zu bringen.“

          „Wir wollen natürlich einen schönen Saisonabschluss hinlegen“, kündigt Kim Behrens an, die ansonsten das Problem gedanklich outgesourct hat. Selbst über das World Tour Finale kommende Woche in Rom, für das sie der DVV nicht nur nicht angemeldet, sondern sogar abgemeldet hatte, sagt sie: „Das Ding ist durch.“ Sportlich. Rechtlich gesehen, das hat der Verband nun schriftlich, werden sie „der Sache so lange nachgehen, bis eine rechtmäßige Lösung gefunden wurde“.

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