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Beachvolleyball an der Copa : Das Herz der Spiele schlägt am Strand

  • -Aktualisiert am

Das Herz der Spiele schlägt hier: Am Strand der Copacabana Bild: AP

Ein Ort der Gegensätze: An der Copacabana ist bis Mitternacht Beachvolleyball-Party. Auf der anderen Straßenseite tobt ein entwürdigender Kampf zwischen Reich und Arm, zwischen Schwarz und Weiß.

          Die Wächter der Tugend haben Position bezogen. Gegenüber der gigantischen Stahlgerüst-Arena wartet ein kleines Arsenal an Lebensratschlägen auf die irritiert schauenden Olympia-Gäste. Einen kleinen, aber ansehnlichen Buchladen haben sie da aufgebaut. Während es der erste Jubel aus der Beachvolleyball-Arena hinüberschafft über die sechsspurige Avenida Atlântica, beginnen die beiden züchtig gekleideten Frauen ihren Dienst. Es gilt, vor der Sünde zu warnen und einen Weg zu Gott zu finden. Es bleibt allerdings bei dem Versuch. Jehovas Zeugen und der olympische Geist finden an diesem Tag noch nicht so recht zusammen. Und als die Sonne untergeht an diesem für die Cariocas, die Einwohner Rio de Janeiros, so wichtigen Ort, verschwindet der Trupp der Gottesdienerinnen ins Nichts der Dämmerung. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

          Dafür kommt mit den Schatten der Nacht die Konkurrenz vom anderen Ende der Tugend-Skala. Mit hochhackigen Schuhen und hautengen und sehr kurzen Kleidern. Es ist ein Platz, an dem überwiegend Ausländer käufliche Liebe suchen. Unsympathische Typen, die mit ihrem Auftreten dafür sorgen, dass das Image der Ausländer in diesem Teil der Stadt verheerend ist. Und denen sich viele junge Brasilianerinnen anbieten müssen, um über den nächsten Tag zu kommen, die Kinder zu Hause satt zu kriegen, die Familie ohne Vater über Wasser zu halten. Avenida Prado Júnior heißt die Straße, an deren Kopfende das Stadion steht. Sie ist verschrien in Rio de Janeiro, denn jeder Carioca weiß, was sich hier nachts abspielt.

          Die deutschen Damen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst zählen in ihrem Wettbewerb zu den Favoritinnen Bilderstrecke

          Die Verwaltung von Bürgermeister Eduardo Paes hat in den vergangenen Jahren hart durchgegriffen und einigen besonders üblen Spelunken die Lizenz entzogen. Er will die Copacabana familienfreundlicher gestalten. Deswegen sind einige der ehemaligen Bars mit Holzverschlägen zugenagelt. Vor nicht einmal einem Jahr noch saßen hier die letzten Gäste der Nacht noch frühmorgens um 9 Uhr auf dem Bürgersteig. Oft gab es Schlägereien um Mädchen, Koks und das letzte Bier. Zumindest die schlimmsten dieser Bars sind geschlossen. Wegen illegaler Geschäfte, wie eine öffentliche Bekanntmachung, aufgeklebt auf den zugesperrten Eingang, verrät.

          Doch das Geschäft mit der Prostitution floriert weiter. Auch in den olympischen Nächten. In der „Bar Alexandra“, die die Nachbarn gerne als den „Club der Ungeküssten“ verspotten, oder im „Barbarella“, in dem Mitarbeiter eines großen deutschen Finanzunternehmens vor ein paar Jahren ihre Prämien verprassten und damit im deutschen Blätterwald einen Skandal lostraten. Eine ganze Horde hochdekorierter Vertriebsmitarbeiter fiel damals in den Laden ein. Irgendwann eskalierte die Sache. Polizei, Verhaftungen, Schlagzeilen in der Heimat und ein paar zerbrochene Familien. Die Folgen dieser Nächte, wenn die ausländischen Männer zunächst die Hemmung und dann die Fassung verlieren, können mitunter brutal sein.

          Das Herz Olympias schlägt am Strand

          Größer könnte der Gegensatz nicht sein. Hell erleuchtet, tobt in der Beachvolleyball-Arena bis nach Mitternacht die Party der Gute-Laune-Sportart. Und auf der anderen Straßenseite tobt ein oft entwürdigender Kampf zwischen Reich und Arm, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Mann und Frau, wenn es denn Frauen sind. Im Stadion sorgt der inzwischen übliche Einpeitscher dafür, dass die Zuschauer – unter denen am ersten Tag auch Formel-1-Boss Bernie Ecclestone war, in Stimmung kommen. Wer ganz oben auf den Rängen sitzt, kann im Hintergrund der olympischen Ringe die brasilianische Marine sehen, wie sie vor der Bucht kreuzt, um das Vaterland zu verteidigen. 

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          Die gutbetuchten Fans, die zwischen 35 und 200 Euro für ein Ticket bezahlen, danken es mit lauten „Brasil, Brasil“-Rufen. Gleich an den ersten Tagen der Spiele beginnt hier das Herz Olympias zu schlagen. Laut und kraftvoll. „Eu sou Brasileiro com muito orgulho“ („Ich bin Brasilianer mit großem Stolz“) singen die Menschen. Erst vorsichtig, später aus ganzem Herzen. Das Lied vom stolzen Brasilianer haben sie fast zwei Jahre lang nicht mehr in einer Sportarena mit so großer Inbrunst gesungen. Seit jener Juli-Nacht in Belo Horizonte, als Deutschland im WM-Halbfinale mit 7:1 Brasilien in eine nun zweijährige Dauerdepression schickte. Doch jetzt gibt Olympia der geschundenen Sportnation die Gelegenheit, das Jubeln wieder ganz neu zu entdecken. Am Morgen sorgt das Duo Alison/Bruno Schmidt und ein paar Stunden später auch noch Agatha/Barbara für begeisterte Momente am Netz. „Die Stimmung ist großartig, das hilft ungemein“, sagt Schmidt anschließend.

          Kaum etwas zieht die Cariocas so in den Bann

          Kaum ein anderer Strand zieht die Cariocas so in seinen Bann wie das Fleckchen Sand, das die Strände Copacabana und Leme voneinander trennt. An Silvester strömen Millionen an diesen Ort, um der Meeresgöttin Yemanjá Blumen zu opfern, die peitschenden Bässe der Lautsprecher zu hören und das riesige Feuerwerk der Stadt zu sehen. Die Fifa wählte den Platz bei der WM vor zwei Jahren für ihr FanFest aus. Es war eine riesige Party. Und Papst Franziskus segnete vor drei Jahren genau an dieser Stelle die fast drei Millionen Jugendlichen, als schlechtes Wetter die Abschlussmesse des Weltjugendtages weit draußen vor der Stadt ins Wasser fallen ließ. Alle mussten mit ihren Regenjacken an der Copacabana bleiben und verwandelten das Viertel in das vielleicht größte internationale Fußballturnier der Welt. Es war eine magische Nacht. Nun soll hier das emotionale Kraftwerk „Beachvolleyball-Arena“ die Energie der Olympischen Spiele zunächst in der ganzen Stadt und dann hinaus in die ganze Welt versprühen. Und es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass das gelingt.

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